Das Thema geht uns alle an: „Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ – Autorengespräch mit Stephan Scheuer

Eingang und Flagge der Botschaft der Volksrepublik China (Außenstelle Bonn)
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  • Eingang und Flagge der Botschaft der Volksrepublik China (Außenstelle Bonn)
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Damiana C. Bauer-Püschel

Am 13.02.2019 um 20.00 Uhr fand in der Zentralbibliothek der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf (Lesefenster, Bertha-von-Suttner-Platz 1) eine Buchpräsentation von Stephan Scheuers aktuellem Werk „Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ statt. Das Thema des Abends weckte mein Interesse als Bonnerin schon durch die räumliche Nähe zur heutigen Außenstelle der chinesischen Botschaft in Bonn-Bad Godesberg.

Vom Herder-Verlag war die Veranstaltung als „Lesung und Gespräch mit Stephan Scheuer“ im Internet angekündigt worden, es wurde jedoch weniger eine Lesung als ein lebendiger Gesprächsabend daraus, wobei Autor und China-Kenner Scheuer wie versprochen keiner Frage oder (kontroversen) Anmerkung auswich.

Der Autor

Zu Stephan Scheuer: Der Journalist, Buchautor und Moderator hat Studiengänge (Internationale Beziehungen, Sinologie) in Berlin, London, Peking und Marburg absolviert. Heute lebt er in Düsseldorf, wo er für die Wirtschaftszeitung Handelsblatt tätig ist. Als Fachredakteur widmet er sich dort den Bereichen Telekommunikation und IT unter wirtschaftlichen Aspekten. Zudem befasst er sich mit chinesischen Firmen in Deutschland und Europa. Zuvor war er fünf Jahre lang Auslandskorrespondent in Peking (dpa, Handelsblatt).

Im Dialog mit der Moderatorin des Abends, der für Bibliotheksveranstaltungen zuständigen Belletristik-Lektorin Annette Krohn, berichtete Scheuer zunächst authentisch aus seiner spannenden Vita und beantwortete Fragen von allgemeinem Interesse, bevor die Unterhaltung für Wortmeldungen aller Anwesenden geöffnet wurde. Rund 90 Minuten lang stellte Scheuer seine rhetorischen Qualitäten in einem fesselnden Vortrag unter Beweis, der über die Grenzen der wirtschaftlichen Thematik hinausging. „China hat Deutschland und die Weltwirtschaft durchdrungen – komplett und unumkehrbar.“ Einzig dieser Satz aus dem Vorwort des vorgestellten Buches wurde (von Frau Krohn) vollständig zitiert; ansonsten wurden Inhalte des Buchinhalte frei und überwiegend ohne Hinweis auf entsprechende Buchkapitel oder -seiten formuliert. Einerseits hätte ich persönlich mir zur besseren Orientierung einen engeren Bezug zum Buch gewünscht, andererseits bekam der Zuhörer so einen guten, persönlichen Eindruck von Land und Leuten der Volksrepublik China.

Der Inhalt

„Stephan Scheuer beschreibt die digitale Strategie der chinesischen Führung, gibt den Erfindern hinter den aufstrebenden Firmen ein Gesicht und zeigt, wie die Internet-Supermacht China unser Leben verändern und unsere Zukunft bestimmen wird“, so ist es auf der Herder-Verlagshomepage zu lesen. In seinem Düsseldorfer Vortrag ging Autor Scheuer noch weiter, indem er auch Ansätze erläuterte, durch die Deutschland wirtschaftlich konkurrenzfähig und trotz der Einflüsse aus Fernost einigermaßen autark bleiben könne. Im Umgang mit der Nutzung chinesischer Technologien auf der einen und Selbstständigkeit auf der anderen Seite bevorzugte Scheuer einen Mittelweg. Er wies in diesem Kontext auf grundsätzliche Entscheidungen zur digitalen Vernetzung (Stichwort: Telekommunikationsstandard 5G) hin, vor denen unser Land steht.

Scheuers geschriebenes Wort wirkt im Bezug auf Zukunftsperspektiven dramatischer als sein gesprochenes; in Letzterem schwingt wohl mehr vom Selbstbewusstsein und Selbstverständnis eines Journalisten mit, der sich freiwillig auf schwieriges politischem Terrain bewegt. Im Gegensatz dazu lässt die Überschrift von Kapitel 10 („Europas fehlende Antwort: Ein Schlusswort“) nichts Gutes für unsere Breiten erahnen.

Sachlich, strukturiert und zugleich unterhaltsam war Stephan Scheuers Vortrag, so dass das Publikum ihm konzentriert und gerne zuhörte. Scheuers Qualitäten spiegeln sich auch in seinem Buch „Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ wider, das optisch wie inhaltlich klar strukturiert, kompetent geschrieben und gut zu lesen ist. Hier ein Überblick über den Inhalt des Buches:

1 Vorwort: Digitalmacht China • 2 Chinas Masterplan • 3 Handel: Der digitale Warenkosmos • 4 Kommunikation: Smartphones als Alleskönner • 5 Finanzen: Eine Welt ohne Bargeld • 6 Mobilität: Die neue Auto-Nation • 7 Produktion: Innovation am Fließband • 8 Der Staat: Big Brother trifft Big Data • 9 Der Sprung in die Welt • 10 Europas fehlende Antwort: Ein Schlusswort • 11 Literaturverzeichnis • 12 Karte

Das Sozialkreditsystem

Auf Kapitel 8 möchte ich näher eingehen. Das Zusammenspiel immer ausgefeilterer technischer Möglichkeiten, durch die der absolut gläserne Mensch Realität wird, und einer Ideologie, die zu systemkonformem Verhalten erziehen will, ist für uns im demokratischen Deutschland unvorstellbar und in ganz weiter Ferne, könnte man meinen. – Aber sind solche Überlegungen wirklich dermaßen weit entfernt?

Bereits im Jahr 2020 soll in ganz China ein Sozialpunktesystem eingeführt werden, das Unternehmer wie Privatbürger bewertet; vom Staat unerwünschtes Verhalten soll bestraft und erwünschtes belohnt werden. Die Testphase einzelner Teile des Systems läuft. Wer eine schlechte Bewertung erzielt, wird als „Vertrauensbrecher“ eingestuft und hat mit Sanktionen (z. B. eingeschränkte Bahnnutzung, berufliche Beschränkungen) zu rechnen. Zu diesem Zweck wollen die Behörden der Polizei auf sämtliche – staatliche wie private – Überwachungskameras zugreifen. Mittels Gesichtserkennung können einzelne Personen in großen Menschenansammlungen identifiziert werden; an Systemen zur Stimmerkennung in Telefonverbindungen wird gearbeitet.

Stephan Scheuer berichtete, dass Autofahrer für ein Verkehrsvergehen heute schon unverzüglich einen Strafzettel aufs Handy gesendet bekommen; Internet in Echtzeit und totale Überwachung machen’s möglich. Damit seien die Zeiten, in denen ein anderer gegen Geld Strafpunkte eines Verkehrssünders auf sich genommen hat, vorbei.

Die Situation in Deutschland

China hat die Möglichkeit, mittels überall verbauter technischer Teile auch den Westen in seine Pläne zu involvieren. Nachgewiesen ist laut Scheuer kein konkreter Fall von derartigem Ausspähen.

In Deutschland veröffentlichte YouGov am 4. Februar 2019 eine repräsentative Studie, die in Zusammenarbeit mit dem SiNUS-Institut erhoben wurde. Frage war, wie die Deutschen ein System bewerten, das Daten mit dem erzieherischen Ziel, gutes Verhalten zu belohnen und schlechtes zu bestraften, sammelt. Zwar lehnt die Mehrheit (68 %) der Deutschen ein Sozialkreditsystem nach chinesischem Vorbild ab (immerhin 17 % der Deutschen würden es befürworten), aber nicht wenige (40 %) möchten den Anderen gerne bewerten, und 39 % würden die eigene Bewertung durch andere Personen nicht ablehnen, womit die Basis eines Sozialkreditsystems bereitet wäre!

Noch ein aktuelles Beispiel dazu: Wolfgang Picken, Doktor der Politologe und – ja, tatsächlich – katholischer Pfarrer, arbeitet an der Umsetzung eines Prinzips, das dem chinesischen Sozialkreditsystem nicht unähnlich ist. In seinem Buch „WIR – Die Zivilgesellschaft von morgen“ und entsprechenden Auftritten plädiert er vehement für ein System aus Kontrolle, Belohnung und Sanktionierung, das mittels technischer Vernetzung optimiert werden und die Lösung sozialer Probleme garantieren soll – bundesweit gesteuert von einem eigens einzurichtenden neuen Ministerium. Die vordergründige Motivation erscheint dabei erst einmal sozial und gut, ist am Ende aber weder mit einer freiheitlich-christlichen Haltung noch mit der rationalen Vernunft zu vereinbaren. Dr. Picken (52), der im Jahr 2015 beinahe Düsseldorfer Stadtdechant geworden wäre, wird ab 1. März 2019 als neuer Bonner Stadtdechant schalten und walten... (Mehr zum Buch und seiner Präsentation im Artikel Bonns designierter Stadtdechant auf „WIR“-Mission.)

Zusammenfassend ist es doch sehr bedenklich, dass auch hierzulande ein Sozialpunktesystem aus verschiedenen Motivationen heraus Anklang finden kann!

Schon von daher sind die Lektüre des Buches und/oder der Besuch einer Veranstaltung zu Stephan Scheuers „Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ zu empfehlen. Das Thema geht uns alle an, nicht nur weltwirtschaftlich oder technisch Interessierte!

(dcbp, 18.02.2019;
Update 20.02.2019)

Die nächste Lesung von Stephan Scheuer:
Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft
VHS Werl, 59457 Werl
Do, 11.04.2019, 19:30 Uhr

Der Masterplan. Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft
Verlag Herder
1. Auflage 2019
Gebunden mit Schutzumschlag (auch als E-Book erhältlich)
224 Seiten
ISBN: 978-3-451-39900-8
Preis: € 22,-

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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