Rückblick: Pfingsten – begeisternd oder geistlicher Zündstoff?

Pfingsten – Fest des Heiligen Geistes
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Prolog

Sonntag, 2. Juni in der Bonner Innenstadt. Es ist ein strahlender Sommertag. Nach der Sonntagsmesse kommt es zur Begegnung und einer Unterhaltung zwischen zwei Kirchenbesuchern. – Nennen wir sie hier „Catholicus“ und „Catholica“. Das Gespräch beginnt mit Smallltalk übers Wetter, bis es zum Thema „Kirche“ kommt.

Catholica: „Puh, in der Kirche war es heute ziemlich warm. – Was sagst Du denn zur Messe?“

Catholicus verzieht das Gesicht.

Catholica: „Was ist los?“

Catholicus: „Mir ist es heute richtig übel geworden.“

Catholica: „Warum das denn?“

Catholicus zögert.

Catholica: „Komm, sag schon!“

Es bricht aus Catholicus heraus: „Ich denke jetzt zum ersten Mal über meinen Kirchenaustritt nach. Diese Predigt war ja unerträglich!“

(Die Predigt bezog sich auf die 1. Lesung (Apg 7,55-60) und das Evangelium (Joh 17,20-26); zur 2. Lesung (Offb 22,12-14.16-17.20) wurde nichts weiter gesagt.)

Catholica: „So schlimm? Warum denn?“

Catholicus: „Es regt mich auf, wenn Äpfel mit Birnen verglichen werden – und dann auf eine so arrogante Art! Ja, die frühen Christen hatten auch Schwierigkeiten, aber nicht das Problem des völligen Vertrauensverlusts der Kirche. Da steht nichts von Kinderschändern um 100 nach Chr. in der Bibel! Wie kann der Pfarrer unsere Situation also mit der von damals gleichsetzen? Die Kirche sollte endlich einmal schweigen und beweisen, dass sie lernfähig ist. Sie hat kein Recht mehr, sich als moralisch besser gegenüber anderen darzustellen!“

Catholica versucht zu beschwichtigen: „Na, Du weißt doch, wie der Pfarrer ist. Lass ihn doch einfach reden.“

Catholicus: „Nein, mich bringt so ein Gefasel auf die Palme! Da wird so getan, als ob keiner in die Messe geht, der selbst irgendwie von den Skandalen betroffen ist. So unter dem Motto: ‚Das ist ja nur da draußen passiert. Bei uns hier drinnen ist die Welt noch in Ordnung.‘ Was soll man da denken? Dass alles abgehakt ist? Es ist eben nicht alles in Ordnung. Am Ende wird wieder alles von der Kirche beschönigt, und es ändert sich nichts.“

Die beiden Personen Catholicus und Catholica sind natürlich fiktiv, und doch hat es ein Gespräch mit sehr ähnlichem Inhalt, das noch eine ganze Weile fortgesetzt wurde, tatsächlich gegeben.

Formen des Pfingstfestes: feurig-charismatisch

Zeitsprung. Eine Woche später. Die Pfingstnovenen sind gebetet. Im Stadtteil Bonn-Bad Godesberg haben vor allem jüngere Leute die vierte Pfingstnacht mit einer ordentlichen Portion Charismatik gefeiert. – In diesem Jahr war die effektvolle Darstellung des Lesungstextes (Ez 37,1–14; Leitung: Jugendreferentin Sandra Schümmer) zu Beginn der Messfeier, die unter dem Motto „Geist, der dich lebendig macht!“ stand, ein Novum. Die im biblischen Text etwas sperrige Vision des Propheten Ezechiel, in der es um die Totenerweckung durch den Geist Gottes geht, wurde für jeden hautnah begreifbar – Sound, wechselnde Lichtstimmungen und ein ein leichter Gruselfaktor durch gruftige Kostüme inklusive. – Wann zieht sonst schon eine Armee von „Toten“ in die Kirche ein? Nach der Verwandlung der „Toten“ in quicklebendige junge Leute, wurde der Gottesdienst mit Gospelchor („Spirit of Gospel“, Leitung: Michael Langenbach-Glintenkamp), Handauflegung, Eucharistie gefeiert. Nach dem Auszug fand wie in den Vorjahren ein Beisammensein beim Pfingstfeuer inklusive Feuerspucker und Trommler vor der Kirche statt.

Formen des Pfingstfestes: klassisch-ideologisch

Bonner Katholiken haben sich am Pfingstsonntag unter anderem in die Kirche St. Remigius versammelt, um an einem feierlichen Gottesdienst teilzunehmen, in dem die Messe G-Dur für Chor, Solisten und Orgel von Franz Schubert zur Aufführung kam. Neben dem Münster-Chor waren als Solisten Susanna Martin (Sopran) sowie Markus Karas (Bass und Leitung) zu hören. An der Klais-Orgel spielte Prof. em. Wolfgang Bretschneider. Als Zelebrant und Prediger trat Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken gewohnt präsent in Erscheinung. Der Stilbruch zwischen der festtäglich-pfingstlichen Stimmung des Gottesdienstes und der in Teilen geradezu demagogischen Predigt hätte jedoch kaum größer sein können. Kann es einem Pfarrer gefallen, wenn er mit einem aggressiven Predigtton düstere Erinnerungen und Assoziationen an hoffentlich für immer vergangene Zeiten in Gottesdienstbesuchern hervorrufen kann? Im Zeitungsinterview der BamS, auf das sich die Predigt zu Beginn bezog, liest sich Pfarrer Pickens Antwort auf die Frage, ob man „eine neue Botschaft“ benötige, geradezu wie ein Wellness-Urlaub; der Ton im Gottesdienst war weitaus weniger mainstream-kompatibel. Ich stimme Picken zu, dass Botschaft und Lehre Jesu in ihrer Essenz alles enthalten, das der Menschheit zu einem guten Leben dient, aber um dieses Potenzial Wirklichkeit werden zu lassen, muss man die Botschaft richtig verstehen, deuten und anwenden. Das ist nicht trivial, bedarf durchaus der Diskussion und einer gewissen Kompromissfähigkeit, wenn man nicht gleich „Deus lo vult“ rufen und einen modernen Kreuzzug führen will. Hat die Kirche denn nichts dazugelernt? Gott – sei – Dank ist ein Priester nicht die Kirche und eine Predigt nicht das Wort Gottes. Es hilft dem Wirken des Heiligen Geistes (Pfingsten!) rein gar nichts, Menschen (wie am Pfingstsonntag) zum blinden Skandieren von Parolen (P (wiederholt): „Braucht es eine neue Botschaft?“ – A (erwartet): „Nein!“) zu bringen – im Gegenteil. Gerade Pfarrer Picken muss man nichts über die deutsche Vergangenheit erzählen; das haben seine Großeltern schon getan, die damals nicht mit dem antisemitischen Strom geschwommen sind. Was würden sie heute von ihrem Enkel denken? Der Stil seiner Predigt und die durchaus nicht seichte christliche Botschaft von Liebe und Leben sind wie Wasser und Feuer: Die Botschaft wirkt durch das Feuer des Heiligen Geistes und vermag zu begeistern; die Art der Predigt ist der Eimer Wasser, der alles Wirken der Gottesworte zunichte machen kann.

Pfarrer Picken selbst sollte eine Woche später am Dreifaltigkeitssonntag in St. Remigius unter Beweis stellen, dass er auch anders predigen kann. Hier wurde wesentlich mehr von der christlichen Botschaft transportiert als an Pfingsten. Auch in Werktagsgottesdiensten, in denen der Geistliche Gottes aussagekräftigem Wort mehr Raum gibt als seiner persönlichen Meinung, verhält es sich ähnlich, denn weniger ist meistens mehr.

Formen des Pfingstfestes: musisch-ökumenisch

Die Predigt von Pfarrerin Beatrice Fermor (ev. Erlöser-Kirchengemeinde, Rüngsdorf) anlässlich der ökumenischen Pfingstvesper am Pfingstmontag in der katholischen St. Evergislus-Kirche (Plittersdorf) benötigte ebenfalls keine rhetorische Kampfansage. Ihre Predigt war wahrhaft pfingstlich, handelte vom Zusammenspiel verschiedenster Charismen, beschrieb konkrete Lebenssituationen und vermittelte den Inhalt mit dem musikalischen Bild eines Klangkörpers aus Holz. Dabei war die Sprache der Pfarrerin klar, ohne laut werden zu müssen, und auch sonst niemand um den Altar herum (außer Pfarrerin Fermor die folgenden Hauptamtlichen  Kaplan Prof. Dr. Alexander Krylov, Pastoralreferentin Carmela Verceles, Pastoralreferent Joachim Klopfer, Schwester Carmen Reifenscheid aus dem katholischen Rheinviertel; Pfarrer Oliver Ploch, Pfarrer auf Probe Dr. Jochen Flebbe von der evangelischen Thomas-Kirchengemeinde) hatte es nötig, seine bzw. ihre theologisch sicherlich unterschiedliche Position brachial einzubringen oder Spitzen gegenüber der jeweils anderen Konfession (oder Ungläubigen) auszuteilen. Kaplan Krylov berichtete als geradliniger Katholik im Gegenteil von einer Ökumene zwischen Katholiken, Protestanten, aber auch Orthodoxen und sogar Muslimen in der ehemaligen UdSSR, also in einem weitestgehend atheistischen Umfeld. In der Diaspora schweißt der Heilige Geist offenbar Unterschiedliches zusammen.

Für die musikalische Gestaltung der traditionellen Vesper sorgten Ludger Brück (Orgel, Chorleitung) und der Kirchenchor St. Evergislus.

Mein Fazit: Pfingsten bedeutet Vielfalt, denn Gottes Geist weht, wo er will!

(dcbp, 16.06.2019)
Update: 24.06.2019

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