Wo Licht ist, ist auch Schatten – Pfarrer Pickens Derniere in der Kirche St. Marien, Bonn-Bad Godesberg

Um den Altar versammelt: Zelebranten (Mitte: Dr. Wolfgang Picken) und Gemeinde
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Musikalisch vielseitig 

Nach fünfzehnminütiger musikalischer Einstimmung durch den Chor „Spirit of Gospel“ (Leitung: Michael Langenbach-Glintenkamp) öffnete sich am Sonntag, den 17. Februar 2019 um 16.00 Uhr das Hauptportal der Bad Godesberger Kirche St. Marien für den Einzug zur Festmesse anlässlich der Verabschiedung von Pfarrer Dr. Wolfgang Picken.

Musikalisch vielseitig wurde der Festgottesdienst von den Bad Godesberger Kirchenchören gestaltet. An der Orgel war Dr. Joachim Sarwas gewohnt versiert zu hören. Apropos Musik: Den ausgelegten Liedzetteln lag Werbung für das nächste Konzert zugunsten der von Picken gegründeten Bürgerstiftung bei. Es findet für die Palliativ- und Hospizprojekte der Stiftung statt. Am 16.03.2019 werden Mozarts Messe in c-Moll sowie Brahms’ Sinfonie Nr. 4 in e-Moll unter der Leitung von Daniel Kirchmann erklingen (Kirche St. Marien, Bad Godesberg; Karten im VVK).

Im Vorfeld hatte es Proteste gegen die in den Pfarrnachrichten veröffentlichte „Einladung“ zur Teilnahme am Abschiedsgottesdienst gegeben, blieb den Gläubigen innerhalb des Seelsorgebereichs Bad Godesberg doch keine Alternative (außer einer Vorabendmesse am Samstagabend) zum Besuch der Sonntagsmesse. Ab 13.1.2019 hieß es über die Festmesse in den Pfarrnachrichten: „Alle Gemeindemitglieder sind zur Mitfeier eingeladen. Es werden keine Einladungen per Post versendet. An diesem Tag entfallen alle anderen Gottesdienste in Bad Godesberg.“ (Ist elektronische Post etwa keine Post? Per E-Mail erhielten nur ausgewählte Personen – wohlgemerkt auch ohnehin informierte Gemeindemitglieder – eine Einladung vom scheidenden Pfarrer.) Am 27.1. war dann plötzlich dieser Hinweis zur Verabschiedung zu lesen: „Alle Gemeindemitglieder sind herzlich zur Mitfeier eingeladen. An diesem Tag finden außerdem die Messen im Vinzenzhaus, im Emmaus-Haus sowie in St. Martin statt.“ Das muss wohl nicht näher kommentiert werden.

Dass eine sehr große Anzahl von Plätzen für verschiedene Gruppierungen reserviert sein würde, dürfte den meisten einheimischen Kirchgängern klar gewesen sein; dennoch entstand vor Beginn der Messe einige Unruhe. Sogar in den seitlichen Gängen standen später Gottesdienstbesucher trotz zusätzlich bereitgestellter Bänke. Mindestens 1500 Personen sollen es gewesen sein, die sich zur Verabschiedung des Pfarrers eingefunden hatten.

Zelebrant und Prediger

Dr. Wolfgang Picken ließ es sich nicht nehmen, nach insgesamt fast fünfzehn Jahren als Pfarrer im Gebiet des Bonner Stadtteils Bad Godesberg die Rollen von Hauptzelebrant und Prediger in seiner Abschiedsmesse höchstpersönlich einzunehmen – eine durchaus angemessene Besetzung. Respekt muss man ihm dafür zollen, dass er sich diesem Druck aussetzte, hatte er doch zuvor wiederholt durchblicken lassen, dass ihm der Abschied von seiner gewohnten Bühne nicht leicht falle.

Weihbischof Ansgar Puff, der kommissarische Bonner Stadtdechant Bernd Kemmerling, die Bad Godesberger Pfarrvikare Pater Innocent Lyimo AJ, Dr. Jozef Pieniazek und Wolfgang Biedaßek, eine auch sonst illustre Konzelebrantenriege sowie ein imposantes Ministranten-Ensemble trugen zum festlichen Gesamteindruck im Altarraum bei.

Protagonist Picken in großem Rahmen mit der gesamten Gemeinde nicht emotional „drüber”, sondern (gegen Ende vergeblich) um Fassung ringend zu erleben, stellte eine ihm wohl unangenehme Seltenheit im Gottesdienst dar, aber gerade da wirkte er authentisch. Auffällig an seiner Ausdrucksweise war an diesem Tag das Duzen der gesamten Gemeinde über die liturgischen Texte hinaus. Das war ein ganz neuer Ton, der aus gegebenem Anlass wohl eine gute, enge Beziehung zur Gemeinde nach außen vermitteln sollte.

Lesung: 2. Timotheus 4, 1-5

Auf den Text der Lesung (2. Timotheus 4, 1-5) geht Pfarrer Pickens Wahlspruch zurück, der da lautet: „Verkünde das Wort, ob gelegen oder ungelegen.“ Diesem Leitspruch ist Picken während seiner Bad Godesberger Zeit zweifelsohne immer treu geblieben.

Hier der Lesungstext, der nicht nur einem Priester Weisungen geben kann (zitiert nach der Einheitsübersetzung der Bibel, 2016): „1 Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich:2 Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung! 3 Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln; 4 und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden, sich dagegen Fabeleien zuwenden. 5 Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verrichte dein Werk als Verkünder des Evangeliums, erfülle treu deinen Dienst!“

Evangelium: „Der Auftrag des Auferstandenen“

Das vom Diakon verkündete Evangelium (Mt 28,16-20) war nicht das des Sonntags 6. Sonntags im Jahreskreis, sondern offenbar wie die Lesung vom Pfarrer ausgewählt. Es ist so in der aktuellen Einheitsübersetzung der Bibel zu lesen: „16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. 17 Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. 18 Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. 19 Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Sprach Picken sich mit dieser Textauswahl selbst Mut zu, oder sah er sich als Priester in persona Christi und gab seiner Gemeinde Arbeitsanweisungen? Es spielte wohl beides eine Rolle, wenn der Fokus auch auf Letzterem lag. Pfarrer Picken nahm in seiner Predigt Bezug auf ein weiteres Bild: das der Jünger in Not, die erst spät erkennen, dass Jesus selbst mit in ihrem Boot ist; sie müssen ihn nur wecken, um Unterstützung zu erhalten. Picken zog den Vergleich zur Situation der Kirche. Was die Kirche rettet, das ist laut Picken dieses unverbrüchliche Versprechen Jesu: „Ich werde bei euch sein alle Tage eures Lebens.“ Ihm selber gebe dieses Versprechen die Kraft, seine Gemeinde in für die Kirche schwierigen Zeiten loszulassen. Im weiteren Verlauf der Predigt ließ Picken Ereignisse der vergangenen Jahre in Bad Godesberg Revue passieren und deutete sie als Beweise der Präsenz Jesu. Picken bat gegen Ende seiner Predigt um das Gebet für ihn selbst, damit auch ihm das Vertrauen in Gottes Nähe erhalten bleibe. – Moment, hatte er zuvor nicht noch felsenfest über dieses Gottvertrauen, über Jesu Zusage, auf die wir bauen können, gepredigt? Ich erinnerte mich daran, dass Picken einmal in einer Situation, in der mir mein Gottvertrauen große Zuversicht gab, zu mir sagte: „Vertrauen Sie mal nicht zu viel auf Gott!“ Einen solchen Dämpfer hatte ich damals nicht von einem Priester erwartet... Einerseits ist ein Priester wünschenswert, weil überzeugend, der selbst völlig fest im Glauben ist, aber andererseits ist es auch tröstlich, dass geweihte Männer auch nur mit Wasser kochen.

Für Groß und Klein etwas dabei

Positiv anzumerken ist, dass für Familien mit Kleinkindern parallel zur Festmesse ein Wortgottesdienst im Pfarrzentrum St. Marien stattfand. Vor dem Vaterunser, bei dem Picken die Godesberger ein letztes Mal zum kollektiven Händehalten aufforderte, zogen diese Familien in die Kirche ein.

Der weitere Gottesdienst verlief wie so viele Festgottesdienste zuvor in der Gemeinde insgesamt ansprechend, teils sogar erhebend und trotz der Menschenmenge würdevoll. Beim Spenden der Kommunion hielt sich Pfarrer Picken dezent zurück und überließ das Austeilen der Hostien an die Gemeinde seinen Mitbrüdern.

Weitere Wortbeiträge

Es gibt wohl kaum eine Verabschiedung ohne Rede. Dafür sorgte hier die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Claudia Plener-Kalbfleisch, die bereits bei Pickens silbernem Priesterjubiläum im Sommer 2018 eine Festrede hielt. Wie sie anlässlich der Verabschiedung von Pfarrer Picken sagte, hatte sie die Wahl zur PGR-Vorsitzenden unter der Prämisse angenommen, dass damit „bitte keine großen Auftritte“ (O-Ton Plener-Kalbfleisch) verbunden seien, und nun hatte sie im Namen der kirchlichen Gremien und der Bürgerstiftung Rheinviertel zu sprechen. Picken, der Frau Plener-Kalbfleisch selbst um die Kandidatur für den Vorsitz im Pfarrgemeinderat gebeten hatte, hat ihre Bitte „geflissentlich überhört“, so der Eindruck der Rednerin. Anstatt auf ihre Bitte einzugehen, hat Picken sich ganz anders verhalten, nämlich auf eine Art, die nach Auffassung der PGR-Vorsitzenden „viele der Anwesenden so oder ähnlich auch erlebt“ haben. Kalbfleisch-Plener wörtlich weiter an Picken gerichtet: „So läuft das nämlich immer bei Ihnen: zuerst die Motivation. Sie begeistern uns mit Ideen und Visionen. Sie ermutigen uns, Vorhaben in Angriff zu nehmen und dabei Dinge zu tun, die wir uns selbst nicht zutrauen. Wir wundern uns am Ende, was alles daraus geworden ist. [...] Das ist der Kern der Wirkung und des Erfolgs Ihrer Arbeit.“ Das von ihr beschriebene dominante, manipulative Verhalten des Pfarrers hieß Frau Plener-Kalbfleisch in ihrem Vortrag für sich persönlich gut, zog unterm Strich ein positives Fazit und bedankte sich bei Pfarrer Picken. Auch wenn eine in der Kirche gehaltene Abschiedsrede nicht der adäquate Platz für eine kritische Betrachtung sein mag, sollte nicht vergessen werden, dass Picken mit genau diesem strategisch-kühlen Vorgehen zum Erreichen seiner Ziele anderen Personen geschadet hat und wahrscheinlich auch in Zukunft schaden wird. Plener-Kalbfleisch erinnerte an Pickens 25-jähriges Priesterjubiläum und an seine vielfältige Tätigkeit, an den „Neuanfang“ (O-Ton) der Kirche durch Pfarrer Picken – zunächst im Rheinviertel – und an die verbindende Wirkung für ganz Bad Godesberg. Die Nähe Bonns wurde betont und eine Prognose zur Auflösung der „Grenzen“ zwischen Friesdorf und Dottendorf sowie zwischen Hochkreuz und Johanniter-Viertel gegeben. „Bad Godesberg gehört zu Bonn und freut sich auf weitere Projekte und die Zusammenarbeit mit seinem Stadtdechanten“, so Claudia Plener-Kalbfleisch. Als Vorsitzender der Bürgerstiftung Rheinviertel wurde Picken implizit verabschiedet. Frau Plener-Kalbfleisch, die in Kirche und Stiftung präsent ist, pflegte in ihrer Ansprache (zwangsläufig) die übliche Intransparenz dieser beiden (und weiterer) Organe sowie des übergeordneten Kunstprodukts aus Pickens Feder, dem „WIR“. Pfarrer Picken zeigte sich durch die Rede gerührt.

Weihbischof Puff, der Pickens Predigt für die Kinder anschließend auf eine einzige wichtige, aufrichtende Aussage zu reduzieren wusste, fungierte als Stimmungsmacher für den Nachwuchs sowie als Seelsorger für den emotional angezählten Pfarrer Picken und stimmte als Anti-Depressivum „Gottes Liebe ist so wunderbar“ an, in das (nicht nur) die Kinder sogleich einstimmten.

Beim Dank der Diözese durch Weihbischof Puff sagte dieser an Picken gewandt: „Ich weiß nicht wie erfolgreich diese Gemeinden sind, aber ich weiß, dass Du hier fruchtbar gearbeitet hast.“ Hier wäre von Interesse gewesen, wie Puff „erfolgreich“ und „fruchtbar“ definiert. Ich würde Dr. Wolfgang Picken (und durch ihn die Gemeinden) als kommerziell und medial erfolgreich bezeichnen. Für einen Teil der Leute wird er ein Segen (= fruchtbar?) gewesen sein, für einen anderen Teil wiederum das seelische Verderben und für wieder andere Menschen beides. „Fruchtbar“ und „furchtbar“ liegen nah beieinander.

Gegen Ende der Feier erfolgten einige Worte des Dankes von Dr. Wolfgang Picken. Er überreichte Blumen an Schwester Theodora Maria und verkündete, dass sie bald ins Aachener Mutterhaus ihrer Kongregation der Schwestern vom armen Kinde Jesus gehen werde. Damit verlässt die letzte Schwester, die am Clara-Fey-Gymnasium im Schuldienst gewirkt hat, Bad Godesberg. Nicht nur für die Kirche und das Kloster St. Andreas im Ortsteil Rüngsdorf wird dieser Weggang ein Verlust sein.

Ein Wolfgang ersetzt den anderen Wolfgang

Nach seinem Schlusssegen wurde für Pfarrer Picken „In unsrem Veedel“ (Schreibweise laut ausliegenden Textzetteln) gesungen. Die Strophen des Bläck Fööss-Liedes in rheinischer Mundart waren mit klerikalem Bezug umgetextet worden. Sogar ein Aufsteh-Staging gab es. Am Ende ergriff Weihbischof Puff das Wort und informierte das Publikum darüber, dass Pfarrer Picken die Kirche durch die Sakristei wie abgesprochen still verlassen habe. Von Picken konnte man einen solch dramaturgisch geschickten Abgang erwarten. Es folgte die Ernennung von Pfarrvikar Wolfgang Biedaßek zum Pfarrverweser. Hier unterlief Weihbischof Puff ein Versprecher, so dass die Gemeinde beinahe schon einen neuen Pfarrer gehabt hätte. – Spaß beiseite.

Nach dem bischöflichen Segen für die Gemeinde und ihrer Sendung ging mit dem gesungenen Te Deum („Großer Gott, wir loben dich“) ein feierlicher Gottesdienst vorbei, sicher aber nicht das, was Pfarrer Picken nach seiner fünfzehnjährigen Amtszeit hinterlässt: mehr als nur Spuren und auch so manche Lücke. Als Bonner Stadtdechant wird er aber weiterhin seinen Einfluss auf Bad Godesberg ausüben und auf die ein oder andere Weise in der Gemeinde präsent bleiben. Wo Licht ist, da ist eben auch Schatten.

Übrigens: Die stilistische Ähnlichkeit dieses Berichts mit einer Musiktheater-Rezension ist weder zufällig noch unbeabsichtigt. Sie darf als Hommage an Pfarrer Pickens Vorliebe fürs Theatralische im ursprünglichen, durchaus positiven Sinn verstanden werden.

(dcbp, 23.02.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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