Schafft die Kirche sich selbst ab?

Sieht so die Zukunft der Kirche aus?
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Wofür dann noch Priester? 

Ein Samstagabend Ende September 2019 im Erzbistum Köln. Die Gemeinde ist zur Vorabendmesse – also faktisch zum Sonntagsgottesdienst – versammelt.

Warten. Die Lektorin tritt an den Ambo. Dann kommt die Ansage, dass der Priester sich verspäte. Nun gut, das kann passieren. Weiterhin geduldiges Warten der Gemeinde. Das Eingangslied erklingt; die Ministranten ziehen ein. Irritiert beginnt die Gemeinde den Gottesdienst – ohne Priester. Die Lektorin tritt erneut an den Ambo und verkündet, dass der Priester nicht gekommen sei, und man nun einen Wortgottesdienst feiern werde. Ehrenamtliche ergreifen die Initiative; die Kirchenmusik spielt mit. Aus der ursprünglich erwarteten Messe wird ein Wortgottesdienst mit spontaner Kommunionausteilung.

Einige ältere Gottesdienstbesucher diskutieren die Rechtmäßigkeit einer Feier ohne geweihten Mann. Ist das nun ein gültiger Sonntagsgottesdienst oder nicht? Einige entscheiden sich unzufrieden gegen den Kommunionempfang und verlassen die Kirche vorzeitig. Ich entscheide mich, theologische Fragestellungen auf die Zeit nach dem Gottesdienst zu verschieben und das zu tun, was ich vorgehabt hatte: gemeinsam mit dieser Gemeinde bewusste Zeit vor, mit und in Gott zu verbringen.

Der unerwartete (und für mich unerwartet positive) Wortgottesdienst ist vorbei. Ich denke, die meisten Gottesdienstbesucher werden nicht allzu viel vermisst haben. Zwar fehlte die Fokussierung auf die Wandlung, aber anwesend war Er ja ohnehin. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das hat Christus uns zugesagt, und im vorrätigen gewandelten Brot war er auch zugegen. Der Messwein, der für den Priester bereitstand, blieb das, was er war: ein sicherlich guter Rebtropfen.

Ach ja, das Evangelium... Gehört haben wir den Text, der gekonnt von der Lektorin verlesen wurde, aber doch haben wir kein Evangelium gehört – einfach deshalb, weil sie die biblischen Worte als Frau, die (immer noch) nicht Diakon oder Priester werden kann, niemals so bezeichnen dürfte. Aber ist die Botschaft dadurch wirklich weniger Evangelium, weniger Frohe Botschaft? – Nein. Ohne Predigt, die nur eine Auffassung unter vielen zu Gehör bringt, hatte man zudem Gelegenheit, die Bibel selbst deutlich stärker sprechen zu lassen. Das tut gut.

Okay, ich selbst habe am auf den besagten Samstagabend folgenden Sonntag noch an drei weiteren Sonntagsmessen teilgenommen (genauer gesagt: an zweieinhalb; bei einer Messe genügte mir der Wortgottesdienstteil). Noch gibt es also einige Alternativen. Aber nicht jeder kann und mag in diversen Gemeinden Gottesdienst feiern, und dann wird es schon schwieriger. Der Gemeinde, in der der Geistliche nicht erschienen ist, war nach einer drastischen Umbesetzung versprochen worden, dass sie weiterhin gut betreut werde. Die Realität sieht etwas anders aus.

Wenn aber Gemeinden aus Priestermangel häufiger zur Selbsthilfe greifen müssen, und die Kirche keine anderen Möglichkeiten eröffnet (wie die Weihe von Viri probati und die Weihe von Frauen zu Diakon*in/Priester*in), dann sehe ich darin eine viel stärkere Gefahr für die katholische Kirche als es ein radikaler Strukturwandel wäre. Eher früher als später werden sich dann viele hierzulande die Frage stellen, wozu man überhaupt von Steuergeldern bezahlte Geistliche benötigt, wenn es in fast allem doch gut ohne geht. Das birgt meines Erachtens das Risiko einer weiteren echten Kirchenspaltung, denn dann werden Menschen ihrer Sehnsucht nach Christus eher folgen als kirchlichen Vorschriften.

Ein Ausflug zum Kölner Regionalforum

Was derzeit liberale und konservative Gläubige eint, das ist eine ernsthafte Besorgnis oder gar Angst: auf der liberalen Seite die Angst, dass sich nichts ändern wird und auf der konservativen Seite die Angst, dass sich etwas ändert. Dies wurde zum Beispiel durch Wortmeldungen beim Kölner Regionalforum am 21. September 2019 deutlich. In jedem Fall handelte es sich um aktive Katholiken. (Eine einzige Dame äußerte so grundlegende Probleme mit der Form von Kirche, dass sie sonntags statt eines Gottesdienstbesuchs lieber ausschlafe.)

Bereits im Eingangsbereich zum Tagungssaal des Regionalforums wurden demographische Daten erhoben, was dabei aber fehlte, das war die Zuordnung in Rubriken wie „Hauptamtliche“, „Ehrenamtliche“ und „Sonstige“. Ist man von Anfang an davon ausgegangen, dass in deutlicher Überzahl die ersten beiden Gruppen anwesend sein werden?

Fragen, über die nur der Papst entscheiden könne – wie zum Beispiel eine etwaige Frauenordination –, waren von vorne herein ausgeklammert, auch wenn hier und da Teilnehmer*innen versuchten, etwas zu solchen brisanten Themen zu sagen. Inhaltlich ging es im Wesentlichen um die Handhabung binnenkirchlicher Strukturen. Zwar gab es in manchen Arbeitsfelder einen Kontext nach außen hin, aber beispielsweise nett von Ehrenamtlichen an der Kirchentür begrüßt zu werden (Willkommenskultur), wird nicht all jene in die Kirche zurückholen, die von ihr maßlos enttäuscht worden sind.

Von Generalvikar Dr. Markus Hofmann wurde auf der einen Seite immer wieder betont, dass „noch nichts entschieden“ sei, was den weiteren „Pastoralen Zukunftsweg“ betrifft. Auf der anderen Seite sind Entscheidungen aber für den kommenden Sommer terminiert, wie gesagt wurde, und betrachtet man sich die „Zielskizze 2030“, dann scheint das Ziel – wenn auch nicht der komplette Weg dorthin – doch vorgegeben zu sein. Und was ist nach 2030?

In Bezug auf die Missbrauchsproblematik (und mögliche Ursachen) wurde gegen Ende der Kölner Veranstaltung auf weitere Foren in kleinerem Rahmen verwiesen und am Ausgang ein Flyer zum Thema verteilt. Warum sollen – so zumindest der Anschein – wirklich wichtige und richtungsweisende Themen nur von wenigen Gläubigen besprochen werden? Damit keine kritische Masse entstehen kann? Ich denke, dass diese schon längst entstanden ist. Siehe Austrittsstatistik.

Vortrag: „Wie geht es weiter mit den Gemeinden?“

Am Dienstag, den 29. Oktober 2019 hielt Prof. Dr. Herbert Haslinger (Paderborn) im Forum Pauluskirche (Bonn-Beuel) einen Vortrag unter der oben genannten Überschrift, der ihm ein Herzensanliegen war. Der gebürtig aus Süddeutschland stammende Referent stellte bereits zu Beginn seines Vortrages klar, dass er als Professor auch nicht die Lösung für alle Probleme der Kirche habe. Die Titelfrage des Abends wollte er als offene Frage und Anregung zu Überlegungen verstanden wissen. „Ich bin ehrlich gesagt gar nicht so optimistisch“, so Prof. Haslinger. Anhand eines Fotos aus Altötting, „der Hochburg des bayerischen Katholizismus“, führte er vor Augen, wie leer es in der Kirche selbst in einer Hauptmesse am Sonntag um 10.00 Uhr geworden ist. Zudem präsentierte der Referent den Leserbrief einer Dame als Beleg dafür, dass sich selbst kirchlich Engagierte frustriert von der Kirche distanzieren. (Die Dame hatte sich in ihrem Brief auf das Buch „Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein“ von Thomas Frings aus dem Jahr 2017 bezogen.) Haslinger leitete von diesem Beispiel ausgehend her, dass die Kirche nicht nur einzelne Probleme hat, sondern der Sinn von Gemeinde generell angezweifelt werde. Der Professor prognostizierte, dass es in 30 Jahren kaum noch Gemeinden geben werde.

Gemeindeformen der Vergangenheit?

Die Form der obrigkeitlichen Pfarrei, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil Standard war, ist laut Prof. Haslinger passé; heute sind die Kirchen eben nicht mehr nur wegen des Sonntagsgebots gefüllt, denn das Leben der Menschen habe sich verändert. Ebenso sei das Modell der lebendigen Kirche, welches in der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vaticanum entstanden ist, nicht mehr aktuell. In diesem Gemeindekonzept sieht der Referent starke Probleme. Haslinger beschrieb einen Seniorennachmittag, mit dem eine Pfarrei warb, und verglich das dazugehörige Bild mit einem „Bild von Tierpflegern im Zoo“. Dies führte er weiter aus. Ob man solche Gemeindeaktivitäten grundsätzlich derart negativ beurteilen muss, wie es der Referent tat, stelle ich sehr infrage, auch wenn ich sein negatives Urteil über die Zukunftsfähigkeit der lebendigen Gemeinde teile – alleine schon deshalb, weil die Bevölkerung im Schnitt immer älter wird, und da macht auch die katholische kaum (noch) eine Ausnahme. Aktuell werden z. B. in Bonn-Zentrum (Münsterpfarrei) ganze vier Erstkommunionkinder stolz für das kommende Jahr angekündigt!

Umstrukturierungen zu immer größeren Gemeinden nannte Referent Haslinger einen „Irrweg“. Die extremen Gemeindefusionierungen der letzten zehn Jahre illustrierte er mit dem Werbebild einer Diözese; sie ließen sich nicht beliebig fortsetzen, seien also keine Lösung. Auf der Darstellung waren Menschen durch Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren dargestellt, was nach Überzeugung des Referenten viel über das abwertende Menschenbild in der betreffenden Diözese verrät: Man könne demnach Menschen wie Spielfiguren beliebig verschieben und hinauswerfen, wenn sie im Weg stehen.

Prof. Dr. Haslinger präsentierte das Gegenbild einer Berghütte zu dem der lebendigen Gemeinde. Der moderne Christ bzw. die moderne Christin gehe den individuellen (u. U. durchaus mühsamen) Weg zur Berghütte, weil er/sie dort Station machen möchte: „zur Einkehr, zur Stärkung, zur Rast, zur Orientierung, auch gegebenenfalls zur Geselligkeit“, so Haslingers Aufzählung. Die Station in dieser „Berghütte“ helfe, den (Lebens-)Weg zu bewältigen; nach erfolgtem Aufenthalt ziehe die Person dann weiter. Dieses Bild von Gemeinde erfordere ein Umdenken. Kaum jemand betrachtet laut Prof. Haslinger die Kirche heute noch als erweiterte Familie mit einem Oberhaupt und Geschwistern, die möglichst dauerhaft, harmonisch und mit persönlichem Einsatz beieinander bleiben; das Familienbild passe nicht mehr in die heutige Gesellschaft, die von einer starken „Fluidität“ geprägt ist. Sehr viele Gläubige seien aus der Gemeinde schon ausgeschlossen worden, weil sie sich aus verschiedensten Gründen nicht in die „harmonische Enge“ (O-Ton Haslinger) der Gemeindefamilie einfügen konnten. Man wolle heute zwar durchaus mit der Kirche leben, nicht aber für sie.

„Gierige Institution“ versus „Berghütte“

Prof. Dr. Haslinger bezeichnete das Modell der lebendigen Gemeinde in seinem Vortrag mit einem soziologischen Terminus als „gierige Institution“, denn sie sei leistungs- und erfolgsorientiert; sie beanspruche Leute für ihre Zwecke. (Siehe auch: „Gierige Institutionen: Soziologische Studien über totales Engagement“ von Lewis A. Coser, Suhrkamp Verlag, 2015) Der Einzelne erhält nach Haslingers Ausführungen nur durch sein Engagement Wert; viele Christen, die eine solche Partizipation nicht leisten können oder wollen, werden in solch einer Gemeinde ausgeschlossen. Je mehr Projekte, Gruppen usw. eine Gemeinde ins Leben rief und Gläubige dafür rekrutierte, desto mehr stieg ihr Ansehen; das ist nach Einschätzung des Referenten in den letzten Jahrzehnten vielfach so gewesen: Die Kirchengemeinde ist oftmals eine „gierige Institution“ gewesen. Hier kann ich Haslingers Haltung aus eigener Erfahrung nur zustimmen, und es sei angemerkt, dass der Übergang zu missbräuchlichem Verhalten innerhalb solch einer erfolgsorientierten Gemeinde fließend ist.

Ist die Gemeinde für den Menschen oder der Mensch für die Gemeinde da?

Prof. Dr. Haslinger zeigte auf, dass die „Berghütte“ (Kirchengemeinde) dem Leben dienen müsse, und die Kirchenmitglieder nicht an die Gemeinde gefesselt sein wollen. Eine Gemeinde solle für die Menschen verfügbar sein, und daher müsse das Selbstverständnis des Seelsorgepersonals sich weg von patriarchalen Strukturen und Erwartungshaltungen wandeln. Der Hüttenwirt habe zur Verfügung zu stehen und zu gewährleisten, dass der Wanderer das bekomme, was er braucht. Von diesem Bild her formulierte Haslinger folgende von ihm klar begründete Ansprüche an die Kirche: 1. Sie muss vor Ort sein. 2. Sie muss dahingehend umdenken, dass nicht jeder mit der gleichen Frequenz eine Kirche aufsuchen möchte oder muss. Hier wies der Referent seine Zuhörer darauf hin, sich mit negativem Denken und Reden über Gottesdienstbesucher, die nicht häufig erscheinen, zurückzuhalten, denn zu schimpfen sei für diese „wenig attraktiv“. Haslinger machte ferner darauf aufmerksam, dass es vielfältige Gründe in der Vita eines Menschen geben könne, warum er in der Kirche nicht präsent ist. In den letzten Jahren sei in der Kirche nicht die Durchschnittsbevölkerung anzutreffen gewesen. Über das geforderte „Aktivitätspotenzial“ (Zeit, Mobilität etc.) verfüge eben nicht jeder. „Da müssen wir in der Kirche auch einmal sehr selbstkritisch sein“, forderte Haslinger deutlich auf. Er kritisierte Auftritte der Kirche auf politischem Parkett, bei denen – Beispiel „Pflege“ – mit großen Worten Forderungen durch die Kirche gestellt werden, diese aber gleichzeitig einer Frau, die daheim einen Angehörigen pflegt, keinerlei Wertschätzung entgegenbringe und die Kirchengemeinde sie unter Umständen sogar offen kritisiere: „Warum engagieren Sie sich nicht, Frau Sowieso?“

Das Problem des Berghüttenbildes ist laut Prof. Haslinger, dass es immer wieder für „ein nettes Bild“ gehalten wird, was seiner Tiefgründigkeit nicht gerecht werde. Es stehe unter anderem für die Bildung von „Stabilität und Fluidität“ bzw. „Statio und Fluktuation“ , welche der Referent mit dem Bild eines Passauer Klosters und dem einer belebten Fußgängerzone veranschaulichte. Gemeinden sollten heute seiner Meinung nach Stationen sein, weil im alltägliche Leben ständig Bewegung herrscht. Dass Menschen auch oder gerade heute Ankerpunkte benötigen, belegte der Referent mit dem Wiederentdecken älter Bräuche oder dem seit einigen Jahren wieder populären Heimatgedanken. Hier stimme ich Prof. Haslinger zu und widerspreche dem obersten Bonner Geistlichen, der erst kürzlich in einer Predigt äußerte, dass Tradition (und somit Bräuche) heute niemanden mehr in die Kirche ziehen könnte. Warum sind denn z. B. die Kirchen an Weihnachten voller als sonst? Warum zünden Menschen eine Kerze in einer katholischen Kirche an, auch wenn sie der Konfession nicht angehören? Warum leuchten – gerade zum Hochfest Allerheiligen – immer noch zahlreiche Friedhofskerzchen? Oder – ich gehe hier noch einen Schritt weiter – warum finden Menschen auch in den alten Überlieferungen, Festen und Riten (neu-)heidnischer Religionen ihre Heimat? (Das schreibe ich an Samhain bzw. am Vorabend des Allerheiligenfestes/Helloween!)

Professor Haslinger forderte eine Reduzierung der Kirchenstrukturen auf eine einzige: die Gemeinde. Die Vielfalt der Strukturen verschlingt nach seinen Ausführungen nur Ressourcen.

Gemeinden mit 3000 bis 4000 Mitgliedern sollten einen Seelsorger bzw. eine Seelsorgerin erhalten. (Haslinger äußerte an dieser Stelle realistisch, dass sein Vorschlag keinen Anklang finde.) Diese(r) sollte „unmittelbar und dauerhaft“ zugeteilt werden und feste Bezugsperson sein. Prof. Haslinger sieht voraus, dass sich das personelle Problem – gerade der Großgemeinden – weiter verschärfen wird, durch Umsetzung des Berghüttenmodells und entsprechendes Umdenken könne jedoch Entspannung eintreten. Es gehe nicht darum, als Kirche immer mehr zu machen, um die Menschen für sich zu gewinnen. Es gehe vielmehr darum, dass eine Gemeinde mache, was die Menschen von ihr erwarten und nicht darum, dass „ein Powerpotpourri von Aktivitäten abgefeuert wird“. „Die Menschen kommen: der eine mehr, der andere weniger“, ist Haslinger überzeugt.

Kernaufgaben der Gemeinde

Als Kernaufgaben der Gemeinde nennt Haslinger 1. das Spenden der Sakramente, vor allem der Eucharistie, 2. die (gute, ansprechende) Auslegung des Wortes Gottes (Predigt), 3. die Begleitung der Sterbenden und Trauernden, wobei Haslinger heute gravierende Defizite sieht. „Was sonst soll eine Kirche heute noch tun, wenn sie das nicht tut? Eine Kirche, die den Leuten beim Sterben nicht beisteht, eine solche Kirche brauchen wir nicht!“, so seine Anklage, die er am Vortragsabend noch weiter ausführte. Als 4. Punkt nannte Haslinger die Bildung von Kindern und Jugendlichen (Katechese). Unter 5. führte Haslinger die Diakonie und unter 6. Hilfe für Menschen in besonderen Situationen auf. „Wer kommt und das braucht, hat Anspruch“, so Haslinger. Die Kirche müsse diese Leistungen ohne Ansehen dessen, der sie benötigt, bereitstellen – also auch für kirchenferne Personen. Dies entspricht – sicher nicht nur nach Ansicht des Professors – dem Vorbild Jesu und der kirchlichen Lehre. Die Nachfrage nach den beschriebenen Angeboten der Gemeinde werde individuell unterschiedlich häufig sein. Alle – Hauptamtliche, Ehrenamtliche und alle anderen Laien werden sich nach Prof. Haslingers Prognose in Zukunft damit arrangieren müssen, dass „das Unregelmäßige das Normale ist“. Es dürfe nicht als abweichend verteufelt werden.

Das Machtproblem

An alle Seelsorgeberufe gewandt formulierte Haslinger folgenden Kernpunkt: „Das bedeutet vor allem, dass wir Kirchenfunktionäre [...] bereit und aufnahmefähig sein müssen, auf Macht zu verzichten. Macht ist ein Schlüsselproblem – und zwar für alle Berufsgruppen in der Pastoral, nicht nur für die Kleriker.“ Der Referent beschrieb, wann Macht zum Problem dieser Berufe wird: „nämlich dann, wenn sie so arbeiten, dass sie die Leute an sich binden oder die Leute beurteilen“. Eine Frage wie „Machst du mit?“ (Haslingers Beispiel) weist bereits auf das Machtproblem hin, denn die Bereitschaft zum Mitmachen wird in der Regel erwartet, und es entsteht Druck. Durch persönliche Erfahrung kann ich dies nur bestätigen. Die folgende Aussage eines Pfarrers habe ich damals (wie heute noch) als sehr manipulativ empfunden: „Sie können doch schreiben! Ich dachte, Sie hätten sich da gemeldet.“ Ich habe mich anschließend für die Aufgabe in der Gemeinde gemeldet, aber gut bekommen ist mir das Klima, das dort immer wieder herrschte, nicht. „Sie müssen bereit sein, an dem mitzuarbeiten, was ich vorgebe“, zitiert Prof. Haslinger eine typische Person in leitender Funktion, die ein Machtproblem hat. Wenn jemand dann nicht bereit zur Mitarbeit sei, dann werde dieser Mensch sehr schnell negativ beurteilt, disqualifiziert, man distanziere sich von ihm usw. Auf solche Strukturen der Macht müssen Gemeinden – so Haslingers Rat – in Zukunft verzichten.

Anhand eines Bildes, von einem alten Kloster am Chiemsee, auf dem der Blick vom dunklen Innenraum in Richtung der hellen Außenwelt geht, erläuterte der Referent noch einmal Qualitäten, die eine Kirchengemeinde aufweisen soll bzw. muss: Sie muss laut Haslinger Berührungspunkte zum Leben haben. Es komme darauf an, dass Menschen ihr Leben gelingend leben, nicht auf intensives kirchliches Leben. „Gott begegnet euch im Alltag“ ist eine Aussage, die Haslinger im Bild erkennt. Gemeinden sollen Orte sein, wo man jemanden zum Gespräch findet, wo man von Bedrängnis befreit wird, aber keine Orte, an denen der Suchende etwas tun muss.

Professor Haslingers Modell, über das er aus organisatorischen Gründen nicht so ausführlich sprechen konnte, wie er es gerne getan hätte, wirft sicherlich viele Fragen zur Praktikabilität auf, bringt jedoch die Bedürfnisse vieler (katholischer) Menschen auf den Punkt. Manches – vor allem ein Umdenken – wäre sicherlich einen Versuch wert. Um in Haslingers Bild zu bleiben: Stabile Berghütten einzurichten wäre sicher besser als die Perspektive, dass es mit der ganzen Kirche weiter bergab geht und sie im tiefsten Tal endet. Der Professor selbst zeigte sich wenig optimistisch, dass seine Vision von Gemeinde Wirklichkeit wird.

Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben... Innerkirchliche, systembedingte Probleme zu ignorieren und sich statt um die Bedürfnisse und das Heil jedes Menschen (und nicht nur einer kleinen, erwählten Elite) um die schlagzeilenträchtige Dekoration mit Staats-Bling-Bling zu kümmern, das wird sicher keine Gemeinde retten. – Na ja, früher war halt mehr Lametta, und Weihnachten naht schon wieder mit großen Schritten. ;-)

(dcbp, 31.10.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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