Bonns designierter Stadtdechant auf „WIR“-Mission

Kirchentür mit Werbeplakat (St. Evergislus, Bad Godesberg)
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Ein Modell soll verbreitet werden 

Wie der katholische Seelsorgebereich Bad Godesberg auf seiner Homepage ankündigt präsentiert Pfarrer Dr. Wolfgang Picken sein im Herbst 2018 erschienenes Buch „WIR – Die Zivilgesellschaft von morgen“ in der Thomas-Morus-Akademie Bensberg. Im Anschluss an die Buchvorstellung ist ein Gespräch mit dem Autor vorgesehen. Der Abend findet am Mittwoch, 13. Februar 2019, um 19 Uhr statt. Plätze sind inklusive Snack und Getränken zum Preis von € 15,- pro Teilnehmer bei der Akademie zu reservieren.

Autor Wolfgang Picken, der am 1. März 2019 sein Amt als Bonner Stadtdechant und Münsterpfarrer antreten wird, hat sein Buch – neben Auftritten in Funk und Fernsehen – auch bereits durch das Forum Bad Godesberg bei einer Lesung am 11.12.2018 im Bad Godesberger Schauspielhaus beworben.

Auch für diesen Abend, der entgegen dem zu Beginn angekündigten Aufbau (Lesung – freie Rede des Autors – Lesung – Gespräch) recht unstrukturiert geriet, war eine anschließende Diskussion vorgesehen. Man konnte jedoch den Eindruck gewinnen, dass kritische Fragen eigentlich nicht erwünscht waren: Eine junge Dame, die entsprechende Anmerkungen machte, wurde vom „WIR“-Autor plattgeredet, ohne dass ein echter Dialog entstanden wäre; auf weitere Wortmeldungen aus dem Publikum wurde gar nicht eingegangen. Dann setzte Autor Picken zu einer Zusammenfassung des letzten Buchkapitels mit seinen äußerst brisanten Forderungen an, sprach’s, und unmittelbar im Anschluss wurde die Veranstaltung für beendet erklärt. (Der Autor signierte später noch Bücher.) Dabei hätte sich manch einer an dieser Stelle des Vortrags bestimmt zu Wort melden wollen.

Nachgelesen

Das vorliegende Buch des nur noch kurze Zeit amtierenden Bad Godesberger Pfarrers und Vorsitzenden der Bürgerstiftung Rheinviertel Dr. Wolfgang Picken plädiert für eine stetige Erweiterung des Stiftungsprinzips, das er begründet hat. (Die Bürgerstiftung Rheinviertel gibt Wissen und Erfahrungen derzeit dazu weiter.) Das Modell der Stiftung – in Wolfgang Pickens Buch Basis einer sich geplant wandelnden Gesellschaft – wird nachfolgend unter den Gesichtspunkten von Motivation, Methodik und Ergebnis hinterfragt.

Dr. Wolfgang Pickens Buch „WIR - Die Zivilgesellschaft von morgen“ präsentiert sich mit einem freundlich bunten, schlichten, aber symbolträchtigen (Vielfalt in der Einheit...) Titel-Design. Das Buch liest sich flüssig, enttäuscht jedoch durch seinen unwissenschaftlichen Stil. Dass es weder Fußnoten noch einen Anhang gibt, fällt bereits beim ersten Durchblättern als Minuspunkt auf. Behauptungen werden ohne Belege gemacht (z. B. Scheidungsstatistik), sachliche Fehler bzw. Ungenauigkeiten sind zu finden (z. B. vermeintliche Definition einer Burka; unlogische Verwendung des Begriffs „Individualismus“), schwammige Ausdrücke (z. B. „nicht wenige“; „vermutlich“) werden wiederholt verwendet. Argumentative Widersprüche und Inkonsequenz (z. B. scharfe Kritik am System von Staat/Kirche einerseits, deren Struktur der Autor dann aber andererseits doch nutzen möchte) fallen ebenfalls auf. Wie vertragen sich Predigten über Stress und Burnout in unserer Gesellschaft (laut Picken nötiger Kontrapunkt: der Gottesdienst) mit der Behauptung im Buch, keine Generation habe so viel Freizeit gehabt wie die heutige? Formal hätte ich von einem promovierten Politologen mehr erwartet; inhaltlich entpuppt sich das Buch letztlich als Meinungsäußerung des Autors. Seine Meinung präsentiert er auf Basis dessen, was er in rund 15 Jahren in Bad Godesberg geschaffen hat und im Buch beschreibt.

Eingeleitet wird Wolfgang Pickens programmatisches Buch durch ein prominentes Vorwort, das sicherlich verkaufsfördernd ist. Dass sich Ex-Bundesverfassungsrichter und Mitbegründer der Bürgerstiftung Rheinviertel Udo Di Fabio in diesem ein Stück weit von Dr. Picken distanziert, spricht jedoch Bände: Picken schießt gefährlich übers Ziel hinaus, wenn er den in seinen Augen hinderlichen bis überflüssigen Staat abschaffen und durch sein Konstrukt namens „WIR“ ersetzen will.

Ja, der Mann kann Positives für sich verbuchen; so hat er Kindergärten vor der Schließung bewahrt, kümmert sich um Sterbende. Es ist dem Geistlichen ein wichtiges Anliegen, dass jeder Mensch die letzte Phase seines Lebens in Würde erleben kann. (Gerade den mobilen Palliativdienst der Bürgerstiftung hat auch die Verfasserin dieses Artikels unterstützt.) In Zukunft will die Stiftung auch Familien mit dementen Angehörigen unterstützen – eine lobenswerte Absicht. Pfarrer Pickens Projekte haben jedoch ihren Preis und wären ohne Reiche und Einflussreiche nicht zu realisieren. Diese werden daher in der Praxis hofiert und genießen VIP-Behandlung in der Kirche, das „Fußvolk“ wird von seinem Pfarrer eher gemieden; benutzt werden letztlich aber alle für Pickens Vision einer schönen neuen Welt. Auch im Buch des Pfarrers kommen einflussreiche Unternehmen erstaunlich gut weg. Er unterstützt, dass diese von oben herab Geld spenden und Gutes tun, anstatt von vorne herein eine ausreichend hohe staatliche Besteuerung von Großunternehmern einzufordern, die gerecht genutzt wird. Eine christliche Einstellung, die jedem eine Chance gibt, muss meiner Meinung nach anders aussehen als die im Buch „WIR“ priorisierte.

Picken vermeidet auch eine Konfrontation mit der Politik, wenn es um Kleinkindbetreuung (U 3) und deren negative Auswirkungen geht. Eine Familie kann heutzutage kaum mehr von nur einem Gehalt leben. An diesem Punkt muss man ansetzen, wenn ausreichend Zeit fürs Kind zur Verfügung stehen soll! Im Übrigen stellt sich die Frage, wieso ausgerechnet ein zölibatär und finanziell bequem lebender Pfarrer über die Lebensform anderer bestimmen will.

Pfarrer Pickens Stiftungsmodell benötigt definitiv eines zur Realisierung: Geld. In seinem Buch beschreibt Picken, wie ein großzügiger Spender zuerst eine halbe Million Euro für einen Kindergarten anbot und die Summe dann – nachdem er erfahren hatte, dass die Kosten sich auf eine Million Euro belaufen würden – den doppelte Betrag zusagte. Dies wurde zum Antrieb für die Bürgerstiftung Rheinviertel. Nur mit Engagement und gutem Willen geht es also nicht. Um eine finanzielle Größenordnung der Stiftung zu benennen: Am 19.12.2018 bezifferte der City Science Talk im ORF (Ö1) die jährlichen Spendeneinnahmen der Bürgerstiftung Rheinviertel auf 500.000 Euro, das Gesamtvermögen auf 9 Mio. Euro. (Autor Picken kritisierte noch im Advent 2018 öffentlich die Kirche, ihr Geld zu horten anstatt es einzusetzen. Warum hat Pickens Stiftung dann aber 9 Mio. Euro auf dem Konto?)

In seinem Buch beschreibt Picken offen verschiedene Steuermechanismen (z. B. Vereinnahmung von Firmanden oder „Ehe-Controlling“), die zumindest grenzwertig sind und in übergriffige Einflussnahme übergehen können. Pfarrer Picken nutzt die Macht seines Amtes; das gibt er in seinem Buch unumwunden zu. Ein Vorstandsvorsitzender, dessen Sitzung Picken sprengt (s. Buch), mag da ein dickes Fell haben; in der Seelsorge können solche Vorgehensweisen jedoch vernichtend sein: Pickens Wille und Wahrheit zählen, nicht die eines anderen. Cave! Was im Buch noch plausibel und hilfreich erscheint, wirkt sich in der praktischen Anwendung nicht selten fatal aus. Picken ist unterm Strich eben vielmehr emphatischer Politologe als empathischer Priester.

Wolfgang Pickens „WIR“ hat ein großes Problem: Er schafft durch Expansion und Entlohnung „ehrenamtlicher“ Tätigkeit letztlich ein kommerziell orientiertes Wirtschaftsunternehmen mit Geringverdienern unter dem schützenden Dach der Kirche. Den Status eines gemeinnützigen Vereins müsste seine Bürgerstiftung als Folge dann verlieren und steuerpflichtig werden. Picken mag effektive Ansätze aufzeigen, er durchdenkt die Konsequenzen aber nicht bis zum Ende. Sein Erfolgskonzept lässt sich nicht beliebig steigern - auch nicht durch Druck - oder auf andere Gegebenheiten übertragen.

Pfarrer Picken will Veränderung

Pfarrer Picken will - wenn nicht die Welt - so doch weitreichende Missstände verändern. Sein Konzept sei dabei laut Buch „unabdingbar“. Der Autor regt zwar kontroverse Diskussionen an, lässt de facto aber keine andere Meinung neben der eigenen gelten.

Ehrenamtliches Engagement auf Sozialleistungen im Alter anrechnen zu lassen (Umkehrschluss: Rentenminderung, Streichung sozialer Ansprüche), ein neues Ministerium für diese Belange zu schaffen, Arbeitnehmer auf ihr Potenzial für die Gesellschaft hin durchleuchten und vor Eintritt in den Ruhestand diesbezüglich aufsuchen zu lassen, da der Bürger eh durch digitale Vernetzung gläsern ist... Solche Fantasien sorgen gegen Ende des Buches fürs Gruseln beim Leser und holen manche Science Fiction-Lektüre ein. Es wird klar, wo die Reise hingeht. Man wird unweigerlich ans chinesische Sozialkredit-System erinnert. Am Ende von Pickens „WIR“-Vision steht ein totalitärer Überwachungsstaat, der den Menschen, die ihn nicht unterstützen wollen, keinen Platz mehr lässt. Die Errungenschaften eines modernen Sozialsystems opfert Picken seiner mittelalterlich anmutenden Zukunftsgesellschaft. Freiheit und Demokratie ade!

Ohne eine solche Gesinnung zu befürworten: Pfarrer Picken scheint nicht zu bemerken, wie er selbst auf einem rechten (nicht: richtigen) Pfad wandelt, den er bei anderen vehement verteufelt. Auch er hat – so wie er den Untergang der Systeme beschreit – Angst vor drastischen Veränderungen, die sich seiner Kontrolle entziehen; auch er argumentiert teils irrational. Auf diesem Auge ist Priester und Politologe Picken gefährlich blind. Mitunter ist der Weg zur Hölle auch mit guten Vorsätzen gepflastert. Pfarrer Picken verklärt die Vergangenheit - wer ihn hört wird zwangsläufig auf die immens prägende Bedeutung seiner Großmutter stoßen - und beklagt den weitgehenden Verfall der Sitten heute. Dieses Phänomen hat es durch alle Zeiten gegeben, ob im antiken Griechenland oder woanders.

Der Zweck heiligt nicht alle Mittel

Pfarrer Picken zeigt für Lebensbereiche von der Wiege bis zur Bahre gesellschaftliche Probleme und mögliche Abhilfe für Missstände auf – aus seiner subjektiven Sicht, die einer kritischen Prüfung nicht standhalten kann. Widersprüche in der Argumentation und der Absolutheitsanspruch des Autors sorgen für gesunde Skepsis. Der Autor nimmt seine Umwelt zwar detailliert wahr, zieht aber nicht unbedingt die richtigen Schlüsse daraus. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen vom Kleinkindalter aufwärts erst dadurch geschädigt werden, dass es modern ist, Schädigungen und Handlungsbedarf sehen zu wollen. (Gute Absichten und Fälle, in denen Handlungsbedarf besteht, stelle ich damit nicht in Abrede.)

Für die Kirche haben Pickens Verhalten und die auf seiner Bonn-Bad Godesberger Gemeinde-Homepage angepriesene Gemeindedynamik übrigens weniger positive Auswirkungen als sein Buch suggeriert. Gläubige bleiben religiösen Festen, die zur politischen Demonstration mutieren, fern; Testamente werden entgegen der Forderung des Pfarrers auch zum Nachteil der Kirche/Stiftung geändert; Kirchenaustritt und Konversion sind durchaus Alternativen zum unfreiwilligen Unterstützen einer Parallelgesellschaft von Pickens Gnaden.

Dem bisherigen Erfolg der Bürgerstiftung ist die starke Medienpräsenz des profilierungssüchtigen Priesters dienlich gewesen, doch sollte sich niemand dadurch blenden lassen, denn Picken verbrämt mit wirklich guten, sozialen Lösungswegen totalitäre Strukturen, die er anregt: Menschen durch Staatsinstrumente zu „ehrenamtlicher“ Tätigkeit zwingen zu lassen, und Barmherzigkeit nur bei Gegenleistung zu gewähren, solche Perspektiven verheißt er in Buch und Rede. Was würde Jesus wohl zu den Äußerungen seines Priesters sagen? Wer Jesus Christus nicht gefolgt ist, wurde nicht aus der übrigen Gesellschaft ausgeschlossen, was Pickens Konsequenz in der Praxis sehr wohl wäre! Ist es nicht vermessen zu denken, dass sein - aus Sicht des Autors alternativloser - Ansatz die Lösung nahezu aller Gesellschaftsprobleme bietet?

Fazit

Demagoge Dr. Picken hat mit „WIR“ eine Selbstoffenbarung vorgelegt, die tief blicken lässt. Ich zweifle an, dass der Autor seine Einsichten zur kritischen Selbstreflexion nutzt. Zu wünschen wäre es – vor allem auch im Interesse Bonns. Auf Jesu Vorbild und unsere Mitmenschen kommt es nämlich an, nicht auf Leistungsdenken und kalte Erfolgsquoten! Das Buch „WIR - Die Zivilgesellschaft von morgen“ aufmerksam zu lesen kann für die eigene Standortbestimmung hilfreich sein. - Will man in einer „Zivilgesellschaft von morgen“ mit allen Konsequenzen leben?

Bonner Ausblick

Picken polarisiert; das muss man Zeitungslesern im Raum Bonn (und darüber hinaus) nicht sagen. Der medienaffine Priester hat verschiedene Gesichter. Ob eine solche Person geeignet ist, echte Gemeinschaft unter Menschen über Grenzen hinweg zu schaffen, darf hinterfragt werden. Seine Lösungsvorschläge zu (realen und diskussionswürdigen!) sozialen Problemen sind auf jeden Fall teilweise brandgefährlich.

Dadurch, dass der nächste Pfarrer von Bad Godesberg zugleich auch Stiftungsvorsitzender sein soll, ist auch in Zukunft eine saubere Trennung der beiden Vereinigungen ausgeschlossen; die meiner Meinung nach unglückliche Verquickung von Kirche und zunehmend kommerzieller „Hilfsorganisation“ bleibt bestehen. Dr. Picken wird als Stadtdechant automatisch Kontrolle über den neuen Pfarrer und damit letztlich auch über seine „alte“ Stiftung haben. Der Wunsch, Picken ins Kuratorium zu berufen, wurde durch Friederike Sträter (Vorsitzende des Kuratoriums der Bürgerstiftung Rheinviertel) und Hanns-Christoph Eiden (stellvertretender Vorsitzender der Bürgerstiftung Rheinviertel) bereits laut.

Was Bonns Zukunft unter dem künftigen Stadtdechanten und Münsterpfarrer betrifft, vertraue ich auf das eigenständige Denkvermögen der Bonner Bürger sowie auf die Fürsprache der Stadtpatrone Cassius und Florentius, die Pfarrer Dr. Picken ausdrücklich mit einschließen soll, und zitiere abschließend die letzte Strophe des Bonner Patronatsliedes (Text: Adolf Düppengießer, Melodie: Hubert Brings, 1964):

„Cassius, Florentius,
wehrt auch fernerhin dem Feinde,
schützet Volk und Stadt am Rhein!
Mehr als euer Grab aus Stein
lebt ihr fort in der Gemeinde:
Unser Herz sei euer Schrein!
Schützet Bonn, die Stadt am Rhein!“

(dcbp, 29.01.2019)

Wolfgang Picken:
WIR - Die Zivilgesellschaft von morgen
Mit einem Vorwort von Udo Di Fabio
Gütersloher Verlagsgesellschaft
224 Seiten
ISBN-13: 978-3-579-08727-6
Erscheinungsdatum: 22.10.2018

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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