Musical „Doktor Schiwago“ auf CD – Pasternaks Epos als kompaktes Hörerlebnis

„Doktor Schiwago“: Jan Ammann in der Titelrolle der Leipziger Inszenierung an der Musikalischen Komödie
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  • „Doktor Schiwago“: Jan Ammann in der Titelrolle der Leipziger Inszenierung an der Musikalischen Komödie
  • Foto: Kirsten Nijhof
  • hochgeladen von Damiana C. Bauer-Püschel

Unterschiedliche Rezeption des Musicals „Doktor Schiwago“

Als Doppel-CD ist Ende 2019 die Leipziger Original Cast-Aufnahme des Musicals „Doktor Schiwago“ erschienen, das bereits am 27. Januar 2018 an der Musikalischen Komödie Leipzig seine erfolgreiche deutschsprachige Erstaufführung unter der Regie von Cusch Jung feierte. Die Welturaufführung des Werks aus den Federn von Lucy Simon (Musik), Michael Weller (Buch) und Michael Korie/Amy Powers (Liedtexte) fand in der überarbeiteten Version vor fast neun Jahren, am 11. Februar 2011, am Lyric Theatre in Sydney statt. Am Broadway war „Doctor Zhivago“ wenig erfolgreich und wurde 2015 nach kurzer Laufzeit wieder abgesetzt. Der erste Höreindruck der CD mag dies ein Stück weit erklären, denn das Musical klingt – in meinen Ohren angenehm – „europäisch“. (Musicalfreunde werden wissen, was stilistisch damit gemeint ist.) Solche Musicals haben es seit geraumer Zeit nicht leicht am Broadway. „Doktor Schiwago“ erinnert durchaus an historisch-epische Musical-Stoffe, wie sie von Claude-Michel Schönberg („Les Misérables“) oder Maury Yeston („Titanic“) vertont worden sind.

Die literarische Vorlage

Zur literarischen Vorlage: Boris Leonidowitsch Pasternaks im Jahr 1957 (in italienischer Sprache) erschienener Roman „Doktor Schiwago“ erzählt die Lebensgeschichte von Jurij Andrejewitsch Schiwago, einem russischen Arzt und Dichter. Vom Kind, das den Suizid seines Vaters miterleben muss und fortan bei Pflegeeltern aufwächst, über seine Entwicklung zum Sozialisten und schließlich zum Dissidenten verläuft Jurijs Lebensweg. Dabei nimmt in den Adaptionen vor allem seine Beziehung zu zwei Frauen, zwischen denen er hin- und hergerissen ist, großen Raum ein. Jurij schwankt zwischen dem Pflichtgefühl gegenüber der seiner standesgemäßen Ehefrau Tonia, mit der er gemeinsam aufgewachsen ist, und seiner Liebe zu Lara, die seinen Lebensweg wiederholt kreuzt.

Die Figur der Lara ist inspiriert von Olga Ivinskaya. Der verheiratete Boris Pasternak begegnete der mehr als zwanzig Jahre jüngeren verwitweten Mutter zweier Kinder erstmals 1946, und es entwickelte sich für Pasternak eine lebenslange Liebesbeziehung. Olga bekam durch diese Beziehung nicht nur die Ablehnung von Pasternaks Familie, sondern auch die Härte des stalinistischen Systems zu spüren, denn sie wurde wiederholt ins sibirische Umerziehungslager geschickt.

Pasternaks Roman war zur Zeit seiner Fertigstellung politisch hochbrisant, und so erschien das 592 Seiten umfassende Werk 1957 zuerst in italienischer Sprache. In der Sowjetunion wurde er erst nach Beginn der Perestroika im Jahr 1988 veröffentlicht.

Filmadaptionen

1965 kam die starbesetzte, mit fünf Oscars prämierte Verfilmung des Romans mit Omar Sharif in der Titelrolle auf den Markt. 2002 erschien eine (mehrteilige) Filmadaption mit Keira Knightley in der Rolle der Lara. Diese „Doktor Schiwago“-Fassung wurde zuletzt am 18. Dezember 2019 als Zweiteiler im Fernsehen (Servus TV) ausgestrahlt. – Für lange Winterabende ist der Stoff wie gemacht.

Das Musical „Doktor Schiwago“ auf CD: Musik und Liedtexte

Das Musical „Doktor Schiwago“ ist offenbar an die Verfilmung von 1965 angelehnt. Auf das berühmte, in verschiedenen Bearbeitungen bzw. als Zitat verwendete „Lara’s Theme“ aus Maurice Jarres Film-Soundtrack, muss der CD-Hörer nämlich nicht verzichten. Der Titel, der ursprünglich rein instrumental war, wird auf der Musical-Einspielung in einer eigenständigen, russisch-deutschen Textversion dargeboten, wobei der russische Titel in Anlehnung an eine spätere englischsprachige Fassung mit dem Titel „Somewhere My Love“ „rückübersetzt“ sein dürfte.

Gleich der erste, opulent orchestrierte Titel der CD zieht den Hörer in die Handlung von „Doktor Schiwago“ hinein. Auf die Dialoge der dreistündigen Live-Aufführung verzichtet die Aufnahme mit ihren insgesamt 83:32 Minuten Spielzeit, aufgeteilt auf CD 1: 14 Tracks, 50:40 Minuten und CD 2: 11 Tracks, 31:52 Minuten.

Trotz der komprimierten Fassung lässt sich die Handlung recht gut verfolgen. Musikalisch bietet „Doktor Schiwago“ Abwechslung: Ensemble-, Solonummern und Duette in unterschiedlichen Konstellationen sind ausgewogen vertreten. Neben „musical-typischen“ emotionalen Titeln sind große Chor-Nummern und auch folkloristische Elemente vertreten, die für akustisches Lokalkolorit sorgen. Auf CD 2 häufen sich Reprisen, so dass wirklich Neues dort kaum zu entdecken ist. Insgesamt dürfte die Partitur zwar nicht zu den absoluten Spitzenwerken des Musicals zählen; sie ist mit der Orchestrierung von Danny Troob und den Arrangements von Eric Stern (zusätzliche Arrangements: Christoph-Johannes Eichhorn) aber durchaus mehr als nur ein hörenswertes Kleinod.

Orchester (Leitung: Christoph-Johannes Eichhorn) und Chor (Leitung: Mathias Drechsler) der Leipziger Produktion haben ganze Arbeit geleistet. Für den guten Ton der Inszenierung zeichnete Holger Hammermann verantwortlich. Auf der Aufnahme klingt hier alles stimmig.

Die deutschen Liedtexte in der Übertragung von Sabine Ruflair (deutsches Buch: Jürgen Hartmann) kennzeichnen sich durch eine bildhafte Sprache, die vielleicht dem Dichter Pasternak Rechnung tragen soll, und die dem Originaltext entspricht, die für sich alleine genommen aber oft dick aufgetragen wirkt. Die häufige Verwendung von Endreimen lässt die Liedtexte recht trivial wirken. Dieser Stil mag im Zusammenhang mit allen gesprochenen Texten auf der Bühne anders, weil weniger gedrängt wirken.

Das Musical „Doktor Schiwago auf CD: Interpret*innen und Produktion

In den Hauptrollen sind Jan Ammann als Jurij Schiwago, Lisa Habermann als Larissa Guichard (Lara), Hanna Mall als Antonia Gromeko (Tonia) sowie Cusch Jung in der Rolle des Viktor Komarovskij zu hören. Auch wenn er im farbig bebilderten CD-Booklet, das neben den Liedtexten auch eine geschichtlich bildende Zeittafel enthält, nicht zu den Interpreten der vier hervorgehobenen Hauptcharaktere gehört, sei Björn Christian Kuhn als Pavel Antipov (Pascha)/Strelnikow noch erwähnt, denn die Figur des Revolutionsführers Pavel, Laras im Krieg verschollenem Ehemann, komplettiert das Beziehungsgeflecht der Protagonisten und Protagonistinnen.

Vor allem Jan Ammann in der Titelrolle trägt das Stück mit Ausdruck und Präsenz in der Stimme. Er hat die Rolle des Jurij Schiwago nicht nur in Leipzig, sondern auch auf der Freilichtbühne Tecklenburg (2019, Regie: Ulrich Wiggers) verkörpert, und das ist wohl kein Zufall. Besucher beider Produktionen wird die „Doktor Schiwago“-Einspielung bestimmt lebhaft an das Live-Erlebnis erinnern. Lisa Habermann weiß als Lara mit klarer Stimme zu gefallen.

Produziert worden ist die Doppel-CD gewohnt versiert von Martin Böhm und Ludwig Coss für das Haus HitSquad Productions. Die Crew der Wiener MG Sound Studios beherrscht die Sound Engineering-Sparten, so dass erneut ein musikalischer Hörgenuss mit sehr guter Sprachverständlichkeit entstanden ist.

Die Seele Russlands

Dass es nicht außer Mode ist, sich mit der Seele Russlands zu befassen, zeigt nicht nur das Musical „Doktor Schiwago“, das nun auch andernorts auf deutschen Spielplänen steht. Das Bonn-Beueler „Forum Pauluskirche“ lädt am Dienstag, 4. Februar 2020 um 19.30 Uhr zu einem Konzert der Maxim Kowalex Don Kosaken unter dem Titel „Aus den Tiefen der russischen Seele“ ein. Es werden russisch-orthodoxe Kirchengesänge sowie eine Auswahl an Balladen und Volksweisen aufgeführt.
Eine Gruppe der katholischen Kirche in Bad Godesberg wird sich vom 10. bis zum 15. Oktober 2020 unter Leitung von Kaplan Prof. Dr. Alexander Krylov auf den geistlich-kulturellen Weg nach Moskau machen. – Da kommt die „musicalische“ Umsetzung russischer Literatur doch gerade recht!

(dcbp, 22.01.2020)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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