Cassius, Florentius und Malusius – Gestalten aus Glaube, Tradition oder Politik?

St. Maria Magdalena (Bonn-Endenich)
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Gedenktag der Stadtpatrone am 10. Oktober 

Am Hochfest der Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius wäre der gebürtige Düsseldorfer und langjährige Bonner Münsterorganist Hubert Brings 110 Jahre alt geworden. So wurde die Festmesse zu Ehren der beiden Stadtpatrone auch im Gedenken an diesen Verstorbenen gefeiert. Zelebrant des Gottesdienstes war Msgr. Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider, der zu denjenigen Organisten gehört, deren Spiel durch Hubert Brings geprägt worden ist. Er ging auf die Legende der Bonner Stadtpatrone ein, die zur thebäischen Armee gehört haben sollen und der Überlieferung nach hingerichtet wurden, weil sie als Christen ihre Ehrerbietung dem römischen Regenten und Befehlshaber der Truppen gegenüber verweigerten.

In der Folge des antisemitisch geprägten Anschlags in Halle/Saale am 09.10.2018 forderte Bretschneider die Christen dazu auf, sich politisch zu positionieren. Dafür könnten Cassius und Florentius durch die Qualität ihres Handelns Vorbilder sein.

Der gedankliche Schritt vom christozentrisch motivierten Ungehorsam gegenüber einer weltlichen Macht (s. Heiligenlegende) zum aktuellen politischen Bezug ist nur schwer nachzuvollziehen. Oder anders ausgedrückt: Christen sollten sich immer christlich verhalten; dafür braucht man keine uralte Tradition der Heiligenverehrung zu bemühen. Meiner Ansicht nach lebt diese schon alleine durch die Kette all der Menschen, die ihre Heiligen durch die Jahrhunderte hindurch gefeiert haben. Mit all diesen Christen weiß man sich verbunden. Die Politisierung solcher Feste zerstört meiner Meinung nach mehr, als sie selbst oder sonst etwas durch eine Aktualisierung gewinnen.

Am Ende der Festmesse wurde dann auch wieder mit viel Pathos (Text: Adolf Düppengießer) das Lied der Stadtpatrone, das Hubert Brings (!) 1964 komponiert hat, gesungen.

Freitag der Festwoche im Schatten des Attentats in Halle/Saale

Wie schon am Donnerstag waren auch am Freitagabend die beiden Reliquiare in Form der Häupter von Cassius und Florentius in der Remigiuskirche ausgestellt. Zelebrant Pfarrer Alfons W. Adelkamp, dessen Fokus zunächst auf dem Tagesheiligen, dem heiligen Bischof Bruno, lag, formulierte das traditionelle Gebet für die Stadt Bonn, das zum Patronatsfest an Gott gerichtet wird, mit der Gemeinde in Form der Fürbitten. Zuvor zitierte Pfarrer Adelkamp in Anbetracht des Marterfestes der thebäischen Soldaten Cassius und Florentius und des Attentates vom 9. Oktober 2019, das Pfarrer Adelkamp als „Tragödie“ bezeichnete, folgendermaßen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer: „Seid einander in Liebe zugetan." Und weiter: „Übertrefft euch in gegenseitiger Achtung.“ Dann predigte er über die Achtung der Christen vor fremden Religionen, Kulturen und vor jedem Menschen, da nach der Heiligen Schrift (Buch Genesis) alle ein Abbild Gottes seien. Adelkamp ermahnte zur christlichen Pflicht, danach zu leben und dagegen vorzugehen, „wo andere Menschen ihrer Menschenwürde beraubt werden“. Er bat den heiligen Bruno von Köln und die Bonner Stadtpatrone um ihre Fürsprache, damit die Christen die Kraft erhalten mögen, sich gegen Unrecht und „schlimme Dinge“ zu erheben. „Wer sich hier vor dem eucharistischen Brot gleich zur Wandlung hinkniet – wer sich hier hinkniet, muss sich draußen bücken zum Dienst am Nächsten“, beendete Adelkamp seine überbordende Ansprache.

Ja, es ist schlimm, dass zwei völlig unbeteiligte Menschen ihr Leben lassen mussten und zwei weitere schwer verletzt wurden. Ja, es ist schlimm, dass es Menschen gibt, die nicht die geringste Achtung vor dem Anderen und dem Leben haben. Ja, dagegen muss man sich zur Wehr setzen, und das beschränkt sich nicht nur auf Christen. Ja, es ist schlimm, dass die Menschheit allzu oft wenig aus ihrer Vergangenheit lernt.

Aber: Wo ist in diesen Tagen der Dank an Gott in der Kirche geblieben? Zwei Menschen, ein junger Mann und eine Frau, sind mitten aus dem Leben gerissen und ein Ehepaar ist schwer verletzt worden, aber keiner davon gehörte zur eigentlichen Zielgruppe des Täters; keinem Einzigen der Hallenser Synagogengemeinde ist ein Haar gekrümmt worden. Als den Juden am Tag nach dem gescheiterten Anschlag auf ihr Gotteshaus erst richtig bewusst wurde, in welcher Gefahr sie dort geschwebt hatten, da – ja was? Da feierten sie! Im Fernsehen waren tanzende jüdische Menschen zu sehen. Gott ist offenbar bei unseren älteren Schwestern und Brüdern gewesen und hat seine schützende Hand über sie gehalten! Können wir uns als Christen da, wo der Staat versagt haben mag und Teile der Gesellschaft irregehen, nicht einmal einfach für die jüdischen Mitbürger, denen nichts zugestoßen ist, freuen und Gott danken? Können wir nicht für die Opfer des Anschlags und ihre Angehörigen beten, aber darüber unsere Hoffnung auf ewiges Leben und unser eigenes zeitlich begrenztes irdisches Leben nicht vergessen? Wer weiß schon, wie oft er noch unserer Stadtpatrone gedenken kann? Niemand. Können wir also nicht trotz schlimmer Ereignisse feiern und die Kirche im Dorf bzw. in der Stadt lassen?

Ich selbst bin erst einmal erschrocken, als ich von dem Anschlag erfuhr, bin ich doch viele Male gerne zu Gast in Halle gewesen, in dieser trotz ihrer demografischen Probleme nach der Wende kulturell aktiven Stadt. Aber was bringt das Erschrecken? Ihm folgte bei mir die nüchterne Einsicht, dass jedem von uns immer und überall etwas passieren kann. Ihm folgten Gedanken über fehlende Einsatzkräfte der Polizei und über deren Struktur und die Schlussfolgerung, dass die Regierung hier etwas tun muss.

Dem ersten Schrecken über die „Tragödie“ (Zitat Pfr. Adelkamp), folgten aber auch Gedanken an die ungleich größere Tragödie, die sich gerade im türkisch-syrischen Grenzgebiet ereignet, und die mit keinem einzigen Satz, nicht einer einzigen Fürbitte Erwähnung in der Freitagsmesse fand.

Bereits Kohelet (Koh/Pred 3,1-8) lehrt im christlichen Alten Testament bzw. in den Ketuvim des jüdischen Tanach, dass alles seine Zeit hat. Sogar Hass und Krieg spart er in der Aufzählung gegensätzlicher Begriffe nicht aus, kommt aber in den weiteren Versen zu einer Erkenntnis über Gott und die Ewigkeit, die alles menschliche Tun relativiert. Daraus kann schon für das biblische Volk Israel, für Juden heute und für Christen eine Gelassenheit (nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit!) resultieren, die ich in der Kirche gerne häufiger spüren würde.

Vom positiven Umgang mit einem negativen Ereignis

In die Festwoche der Stadtpatrone einfügen möchte ich den bemerkenswerten Sonntagsgottesdienst, der am Sonntag, den 13.10.2019 um 9.30 Uhr in der Kirche, die der Bonner Stadtpatronin, der heiligen Adelheid, geweiht ist, gefeiert wurde. Vorweg: Er hat mich mit dem von oben herab belehrenden Ton, der die Themen „Attentat“ und „Judentum“ in der Kirche prägt, versöhnt.

Die Messfeier begann in Stille. Der Zelebrant, Pfarrer Andreas Haermeyer, zog ein, entzündete im Mittelgang schweigend eine einzelne Kerze und sprach davor (mit dem Rücken zur Gemeinde) das jüdische Kaddisch in deutscher Sprache. Im Anschluss an diesen Lobpreis folgten das Eingangslied und die Eröffnung der Messfeier, wie Katholiken sie kennen. Im Folgenden erlebten die Gottesdienstbesucher, wie man konstruktiv mit destruktiven Ereignissen umgehen kann. Pfarrer Haermeyer ging weiter lehrreich (aber nicht belehrend!) auf das Kaddisch im jüdischen Gottesdienst ein und nannte weitere Gelegenheiten (z. B. ein Todesfall), bei denen es gebetet wird. Haermeyer vermittelte, dass Lob und Leid in Liturgie und Brauchtum der Juden nah beieinander liegen. So zertrete man bei einer Hochzeit Gläser, um symbolisch zukünftige Schwierigkeiten in der frisch geschlossenen Ehe nicht auszublenden. Am Beispiel einer Rom-Reise mit jungen Leuten, in die die Nachricht des Attentats in Halle platzte, zeigte Pfarrer Haermeyer, wie Schreckliches in Schönes integriert werden kann. Beide Seiten gehören eben zu unserem Leben; die Erfahrung von Leid ist der Preis für die Freiheit, die Gott den Menschen gegeben hat. Die Fürbitten der Sonntagsmesse berücksichtigten unter anderem auch die türkische Militäroffensive in Nordsyrien. So wurden bitterernste Themen behandelt, ohne die Freude am Gottesdienst zu verlieren. Danke.

Malusius – der dritte Stadtpatron der thebäischen Legion in Bonn

Vor allem im Bonner Stadtteil Endenich wird ein dritter Märtyrer aus der thebäischen Legion verehrt: der heilige Malusius. Ihm und seinen Gefährten zu Ehren feierte Regens Domkapitular Prälat Hans-Josef Radermacher in der Endenicher Pfarrkirche St. Maria Magdalena am Sonntag, den 13.10. um 11.00 Uhr ein Festhochamt mit anschließender Sakramentsprozession zur Marterkapelle, die ihr Kapellenfest beging. Dort, wo sich die Kapelle befindet, sollen die heutigen Stadtpatrone, die aus Nordafrika stammten, für ihren festen Glauben an Christus getötet worden sein. Musikalisch gestaltete die Chorgemeinschaft den feierlichen Gottesdienst. Ein Mittagsimbiss wurde im Priesterseminar Redemptoris Mater eingenommen.

Bonn feiert Cassius, Florentius und Gefährten

Am 28. Sonntag im Jahreskreis fand der Höhepunkt des diesjährigen Stadtpatronefestes im Bonner Zentrum statt. Die Münsterpfarrei feierte um 12.00 Uhr ihr Festhochamt mit dem traditionellen Kerzenopfer der Stadt Bonn. Oberbürgermeister Ashok Alexander Sridharan entzündete die Kerze mit der Bittaufschrift des Bonner Rates, die sich an Cassius und Florentius wendet. Den Raum für die feierliche Messe bot – wie während der gesamten Sanierungszeit des Bonner Münsters – die Remigiuskirche. Zur Aufführung kam die „Nicolai-Messe” von Joseph Haydn durch den Bonner Münsterchor unter Leitung von Regionalkantor Markus Karas. An der Orgel war Msgr. Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider zu hören.

Zelebriert wurde das Festhochamt durch Stadtdechant und Münsterpfarrer Dr. Wolfgang Picken. Ihm zur Seite standen Msgr. Bernhard Auel, P. Gerold Jäger CN sowie weitere Konzelebranten.

Stadtdechant Picken hielt eine sehr aussagekräftige Rede – dieser nicht-klerikale Begriff ist bewusst gewählt –, die er inhaltlich weitestgehend auch im Bundestag halten könnte! Der Münsterpfarrer erhielt spontanen Beifall für seine Worte, der an anderer Stelle durchaus angebracht gewesen sein mag, innerhalb einer Messe, in der es um die Stadtpatrone und zuallererst um Jesus Christus gehen sollte, jedoch seine Person in den Mittelpunkt rückte.

Zwei Anmerkungen zum Inhalt der Rede: 1. Wenn Politologe Dr. Picken zu Recht kritisch auf Bundesbürger anspielt, die am äußeren rechten Rand wählen, dann geht er leider nicht auf deren Beweggründe ein; darin hatte ihm sein früherer evangelischer Mitpfarrer in Plittersdorf Oliver Ploch schon vor Jahren etwas voraus. Wenn er schon politisch spricht, dann könnte Dr. Picken an dieser Stelle die etablierten Parteien kritisieren, die sich auf alten Erfolgen womöglich immer noch zu sehr ausruhen und nicht hinreichend auf Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen.

2. Dr. Picken verteidigt immer wieder – ebenfalls völlig zu Recht – eine demokratische Grundordnung. Er steht dabei aber eben nicht als Politiker oder einfacher Bürger da, sondern als Repräsentant einer Institution namens Katholische Kirche, die bekennenderweise nicht demokratisch funktioniert! Wie wäre es also, wenn Stadtdechant Dr. Picken von Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki eine demokratische Struktur einfordern würde?

Mit leichtem Augenzwinkern war eine verkehrte Welt im Festgottesdienst festzustellen: Nach Dr. Pickens politischer Predigt, die an der Einleitung zu Cassius und Florentius als solche zu erkennen war, hielt auch der Oberbürgermeister gegen Ende der Messfeier eine kluge Ansprache, welche zugleich die bessere Predigt darstellte, da ihr religiöser Bezug stärker als derjenige der eigentlichen Predigt war. Ashok Sridharans persönliche Beziehung zu Gott und Glaube war spürbar.

Komplet, Lichterprozession und Abschlusssegen

In Bonn-Endenich wurde das Marterkapellenfest fortgesetzt. Um 17.00 Uhr stand die Vesper des Priesterseminars auf dem Plan, um 19.00 Uhr die feierliche Komplet in der Kapelle. Die Leitung oblag Pfarrer Adelkamp; Stadtdechant Picken eröffnete und beschloss die Liturgie des Nachtgebets, das von der Münsterschola unter Leitung von Professor Bretschneider gestaltet wurde. Im Anschluss fand die von Bläsern begleitete Lichterprozession zur Kirche St. Maria Magdalena statt, bei der Stadtdechant Dr. Picken das Allerheiligste durch die von den Anwohnern geschmückten Straßen trug. Hier standen Liturgie und Brauchtum wohltuend im Zentrum, wenn diese Prozession im Vorfeld auch politisiert angekündigt worden war. In der Pfarrkirche wurde der eucharistische Segen durch den Stadtdechanten gespendet. Die Orgel erklang unter Simon Botschen zusammen mit der Bläsergruppe zum vollen Gesang der Gemeinde, bevor zum Schluss Malusius-Brote vorrangig an die Kinder verteilt wurden.

(dcbp, 15.10.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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