Die Geschichte der Ute S. aus O.

Kann ich nur jedem empfehlen, diese Hanfkekse. Was vielleicht nur ein wenig blöde ist, du kriegst das ein oder andere nicht mehr so ganz auf die Reihe. Zum Beispiel, da ging es doch neulich um das Illuminieren des Münchner Stadions anlässlich des Fußballspiels Deutschland gegen Ungarn. Ob das in Regenbogenfarben leuchten durfte. Weil der Orban hatte sich, was Toleranz und Gleichstellung anbelangt, danebenbenommen. Und jetzt habe ich doch gehört, dass Ungarn, was die deutschen Rüstungsexporte betrifft, unser größter Einzelempfänger ist.
Aber da habe ich mich bestimmt verhört.

Wie gesagt, die eine Seite ist die, dass du total relaxt bist. Die andere Seite, das muss ich wohl zugeben, du verlierst ein klitzeklein wenig den Überblick. Apropos Überblick, bin ich froh, dass ich das wieder einigermaßen im Griff habe. Ich hatte ja erwähnt, dass das Unkraut unseren Garten so was von im Griff hatte, dass mein Traummann und ich uns nach dem Urlaub erst mal den Weg zur Haustür mit der Machete freikämpfen mussten. Mich hätte das ja ob meiner Kekse gar nicht mal gestört, wenn nicht der Briefkasten täglich so was von voll gewesen wäre. Und was mir auch auffiel, vermehrt wurde ich von vollkommen fremden Menschen unverhältnismäßig freundlich gegrüßt. Ich weiß gar nicht, mit wie vielen Menschen ich in diesen Tagen gesprochen habe. Freundliche Menschen, ohne Zweifel, aber irgendwie wurde ich zunehmend den Eindruck nicht los, dass die mir regelrecht auflauerten, quasi hinter der Mauer hervorsprangen. Eines Morgens bildete ich mir sogar ein, dass die Person, die mir einen wunderschönen Tag wünschte, hinter ihrem Rücken so etwas wie einen nicht vollständig zusammengerollten Schlafsack vor mir verbarg. Keine Frage, dachte ich mir, solch Verfolgungswahn ist eindeutig meinen Hanfkeksen geschuldet. Ich habe das dann meinem Traummann erzählt, und der meinte natürlich auch, ich sollte jetzt tatsächlich mal meinen Cannabiskonsum einschränken. Komisch kam's ihm dann aber doch vor, als auch ihn in zunehmenden Maße, wie gesagt, wildfremde Menschen. Keine Frage, absolut freundlich, aber eben doch übergriffig. Dann lagen vermehrt kleine Aufmerksamkeiten vor unserer Haustür oder wurden mir direkt übergeben. Durchaus zum Teil geschmackvolle, sicherlich mit Liebe ausgesuchte Büchlein. Diese Büchlein von der Sorte "Das kleine Buch der Stille" oder "Lebensquell Stille" mit diesen feinen, kurzen Weisheiten. Auch Blumensträuße wurden mir in die Hand gedrückt. Was auch bemerkenswert war, alle Menschen, die mit mir in diesen Tagen in Kontakt traten, steckten mir beim Abschiedsgruß ihr Visitenkärtchen zu. Und auch jedem Geschenk, ich bildete mir übrigens auch ein, das die von Tag zu Tag größer und wertvoller wurden, war eine Visitenkarte beigefügt.

Und irgendwann hats bei mir geschnackelt - und bei meinem Göttergatten auch. Kennst du das, plötzlich hast du überhaupt keine Erklärung dafür, warum du nicht sofort draufgekommen bist. In meinem Fall jetzt nicht ganz sofort wegen. Aber andererseits hat ja solch Droge auch durchaus was Bewusstseinserweiterndes. Will sagen, es hätte auch durchaus sein können, dass ich gerade um so schneller draufgekommen wäre. Jedenfalls, es dämmerte mir so langsam. Wenn ich die unzähligen Zettel in meinem Briefkasten nicht einfach nur in Nachbarstonnen entsorgt, sondern einfach mal gelesen hätte. Aber ich dachte natürlich, diese Fülle an Papier sei der Bundestagswahl geschuldet.

Ist doch wahr, mit was da immer vor den Wahlen der Wähler überflutet wird! Ich sag nur Verfolgungswahn! Wenn du da in dieser Richtung schlecht drauf bist. Wochen vorher lächeln dich Scholz und Konsorten auf der Kölnstraße an. Unten an der Kreuzung grüßen dann Laschet und Co in beängstigendem Großformat. Also wo du gehst und stehst hast du das Gefühl, da guckt dich jemand an, da will jemand was von dir (denk nur dran, bei mir kamen noch die unzähligen leibhaftigen Menschen an meinem Haus hinzu!). Und schon seit Wochen bei mir rund ums Haus die kleinen Wahlplakate mit Kandidaten an jeder Straßenlaterne. Das müsste ich eigentlich den Linken mal sagen. Weil wenn ich auf dem Klo saß, also vom Klo aus, da hing da wochenlang ein Wahlplakat von denen. Auf dem Plakat siehst du eine sehr nette, ich sags einfach wie es ist, alte Frau. So Typ liebe Omi. Holla die Waldfee, denke ich, das ist aber mutig, sich in dem Alter aufstellen zu lassen, aber warum eigentlich nicht. Was mich nur wunderte, ich mein, sonst liest du doch einen Namen. Die hatten vergessen, den Namen der Kandidatin draufzuschreiben, dachte ich. Bis ich das dann verstanden hatte. Den Linken ging es darum, dass diese liebenswürdige ältere Dame, dass die eine höhere Rente bekommt. Da hieß es nämlich auf dem Plakat neben der Frau: Gerecht. Rente hoch, Rentenalter runter. Jetzt.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, und dann müllen dir die Parteien noch deinen Briefkasten zu! Und deshalb habe ich mir auch nichts von all dem durchgelesen, was da aus dem Kasten quoll. Hätte ich besser mal! Da hieß es nämlich in einem Schreiben: Wir sind eine kleine Familie mit zwei Söhnen, Max und Paul. Max und Paul freuen sich auf ihr Schwesterchen, das in zwei Monaten das Licht der Welt erblickt. Falls Sie daran denken, Ihr Haus zu verkaufen … Oder: Liebe Erben, wir sind uns bewusst, dass Sie zur Zeit in der Trauerphase sind. Nehmen Sie sich alle erdenkliche Zeit. Falls Sie dann daran denken, diese Immobilie zu veräußern …

Und da fiel es mir auch wieder ein: Vor Monaten hatte mir meine Freundin erzählt, dass diese Art der Haussuche mittlerweile Usus ist. Dass die Haussuchenden in ihrer Umgebung nach Häusern Ausschau halten, wo der Garten total verwildert ist. Weil man dann davon ausgeht, dass da alte Menschen drin wohnen, die das nicht mehr geregelt bekommen. Dass da also bald gestorben wird oder bereits wurde.

Autor:

Adelheid Bennemann aus Bonn

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