Ein Sturm des Heiligen Geistes? – Einführung von Dr. Wolfgang Picken als Münsterpfarrer und Bonner Stadtdechant

St. Remigius am Tag der  Einführung von Dr. Wolfgang Picken
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Am 10.03.2019, dem ersten Fastensonntag in diesem Jahr, wurde Dr. Wolfgang Picken (52) durch Rainer Maria Kardinal Woelki gleich in zwei Ämter eingeführt: das des Bonner Münsterpfarrers und das des Bonner Stadtdechanten. Das stürmische Wetter erschwerte oder verhinderte so manche Anreise an diesem Tag, darunter die von Pickens Onkel Pfarrer em. Dr. Ludger Winner (Münster), ohne den der Gottesdienst in der Bonner St. Remigius-Kirche beginnen musste.

Kardinal Woelkis Fastenhirtenbrief: Rezeption

In derselben Kirche war ebenfalls am ersten Fastensonntag der alljährliche Fastenhirtenbrief verlesen worden, in dem sich der Bischof an alle Gläubigen wendet. Das Schreiben des Kölner Erzbischofs Rainer Maria Kardinal Woelki war in der 12.00 Uhr-Messe zu hören; verlesen wurde es von Monsignore Bernhard Auel. Der Fastenhirtenbrief trägt in diesem Jahr den Titel „WENN IHR ALS GEMEINDE ZUSAMMENKOMMT“ und befasst sich mit der essentiellen Bedeutung des sonntäglichen Gottesdienstes im Leben der Christen. Woelki legt dar, warum die Eucharistiefeier am Sonntag unerlässlich und unersetzbar ist. Der Kölner Erzbischof schreibt: „Daraus ergibt sich für die Kirche sicher die große Herausforderung, dafür zu sorgen, dass genügend Priester zur Verfügung stehen, die der Feier der Eucharistie vorstehen können. Umgekehrt gehört dazu aber auch das Gebet um Priesterberufungen, das wir wieder erlernen müssen und in allen unseren Gemeinden pflegen und praktizieren sollten.“

Hierzu sei angemerkt, dass das Gebet um Priesterberufungen in Bad Godesberg praktiziert wird. Der Erfolg ist als eher bescheiden zu bezeichnen. Könnte es sein, dass der Dreifaltige seiner Kirche damit sagen will, dass nicht das Gebet entscheidend ist, sondern grundlegende Veränderungen in der Kirche indiziert sind? Das Gebet kann und soll ja trotzdem weitergeführt werden! Pfarrer Picken beherzigte den Aufruf des Erzbischofs in seiner ersten Messfeier nach seiner Einführung als Münsterpfarrer und führte damit fort, was er auch in Bad Godesberg tat.

Weiter erinnert Woelki daran, dass es früher üblich war (und in der Ostkirche noch üblich ist), sonntags nur eine Eucharistiefeier pro Gemeinde zu begehen. Es heißt im Fastenhirtenbrief: „Uns auf diese alte Tradition zurückzubesinnen und sie situationsgerecht und pastoral verantwortet zu erneuern, könnte eine Herausforderung der pastoralen Situation sein, in der wir heute stehen. Denn sie würde es ermöglichen, dass in mehr Gemeinden am Sonntag Eucharistie gefeiert werden kann und dass die eucharistische Solidarität unter den einzelnen Gemeinden gefördert wird. Die Eucharistie ist und bleibt das Herz der Kirche.“

Was mag „situationsgerecht und pastoral verantwortet“ in der Praxis bedeuten? Gespräche über den oben zitierten Text mit regelmäßigen Kirchgängern in meinem privaten Umfeld ergaben aus verschiedenen Gründen, die zu benennen an dieser Stelle zu weit führen würde, eine tendenziell skeptische Haltung, was Effekt und Effektivität von Woelkis Idee betrifft. Am Ende der Überlegungen stand wiederholt der Verzicht auf den regelmäßigen sonntäglichen Gottesdienstbesuch, wenn sich die Voraussetzungen drastisch ändern würden. Ich hätte früher nie gedacht, diese Frage einmal zu stellen, aber nun ist es wohl an der Zeit: Warum passt sich die katholische Kirche nicht der orthodoxen Praxis im Umgang mit dem Zölibat an, wenn die Gläubigen schon ostkirchliche Gepflogenheiten adaptieren sollen? Es entsteht der Eindruck, dass Veränderung nur auf dem Rücken der Laien geschehen soll, aber manches Problem an der (von der Struktur her oben liegenden) Wurzel unbehandelt bleibt.

Pfarrer Pickens Pläne?

Solche Verlautbarungen wie die zitierten am Tag der öffentlichen Einsetzung des neuen Pfarrers und Stadtdechanten Dr. Picken zu hören, ließ den Rezipienten über die Pläne Pickens spekulieren. Wird er Woelkis Ideen und Vorgaben umsetzen? Wird er daneben seine eigene Agenda verfolgen? Wieviel Mitspracherecht wird er den Laien einräumen?

Im Rahmen seiner Amtseinführung wurde die Nähe der Ämter – besonders die des Dechantenamtes – zum Bischof betont; Erzbischof und Stadtdechant präsentierten sich entsprechend vertraut. Ferner hat Stadtdechant Picken die Aufgabe, den pastoralen Zukunftsweg zu moderieren. Es hängt in dieser Mittlerfunktion also viel von ihm ab!

Hauptzelebrant und Prediger: Kardinal Woelki

In einer proppenvollen Kirche – viele Plätze waren für Gäste reserviert worden – stand Rainer Maria Kardinal Woelki der Messfeier vor. Zahlreiche Geistliche aus dem Erzbistum, darunter Dompropst Gerd Bachner, waren ebenso anwesend wie Vertreter der evangelischen und der orthodoxen Kirche.

Für die Musica sacra zeichneten gewohnt versiert der Bonner Münster-Chor, der Chorus Cantate Domino (beide unter Leitung von Regional- und Münsterkantor Markus Karas) sowie die Münster-Schola (Leitung: Prof. em. Dr. Wolfgang Bretschneider) verantwortlich. Den Kantorendienst übernahm Kim Wundschuh; an der Orgel war zudem Thiemo Dahmen, der seit Januar verpflichtete zweite Organist im Seelsorgebereich St. Martin (Bonn-Mitte), zu hören. Es erklangen unter anderem Werke von Anton Bruckner („Os justi“), Bob Chilcott („Agnus Dei“), Leif Lundbert („Kommt doch her zu mir“) und David N. Johnson („Trumpet Tune in A“) zur Ehre Gottes und zur Freude der Gottesdienstbesucher.

Nach der Eröffnung des Gottesdienstes durch den Erzbischof ergriff zunächst Pfarrer Alfons Adelkamp das Wort. Er hatte seit Monsignore Wilfried Schumachers Rücktritt als Pfarrverweser für die Münsterpfarre fungiert. Ihm galt der Dank der Gemeinde im Gottesdienst genauso wie dem kommissarischen Stadtdechanten Bernd Kemmerling.

Adelkamp übergab das Wort an Kardinal Woelki, der recht unzeremoniell die Ernennungsurkunde Pickens zum Pfarrer von St. Martin verlas. Auf das sonst übliche Abschreiten der verschiedenen Dienstorte des Pfarrers innerhalb der Kirche wurde verzichtet; Woelki ging in seiner Predigt nach der Verkündigung des Evangeliums durch Diakon Gerd Klein (Bad Godesberg) auf Pickens Aufgaben als Pfarrer ein, wobei er von den Evangelien der Fastenzeit, die laut Woelki ursprünglich eine Katechese für die Katechumenen darstellen, gekonnt zum gegebenen Anlass überleitete. Woelki sprach über die Relevanz des Dienstes als Pfarrer und über die Schönheit der pastoralen Aufgabe, die Glaube, Hoffnung und Liebe vermitteln soll. „Und genau zu einer solchen Aufgabe und zu einem solchen Dienst wird Ihr neuer Pfarrer Dr. Wolfgang Picken eingeführt. Ich finde, wenn Sie mich danach fragen, das ist mit die schönste Aufgabe und der wichtigste Dienst, den er von heute an als Pfarrer von St. Martin und als Stadtdechant von Bonn zu leisten hat“, so der Erzbischof.

Ansprachen

Im Anschluss an die eigentliche Feier der Eucharistie erfolgte gegen Ende des Pontifikalamtes die öffentliche Ernennung Pickens zum Stadtdechanten. Ansprachen von Oberbürgermeister Ashok Sridharan, Superintendent Eckart Wüster und der Katholikenratsvorsitzenden Dorothee Schwüppe schlossen sich an, wobei vor allem Sridharan auch die Verdienste des ehemaligen Münsterpfarrers und Stadtdechanten Monsignore Wilfried Schumacher würdigte. Die Gottesdienstbesucher reagierten mit viel Applaus. Der Versuch eines offenkundigen Schumacher-Gegners, sich während Sridharans Rede Gehör zu verschaffen, wurde unterbunden. Nicht nur Schumacher oder dem OB, auch dem neuen Stadtdechanten Picken tat der Mann mit seiner Aktion keinen Gefallen. OB Ashok Sridharan äußerte in seiner Ansprache einen weisen Wunsch: „Ich wünsche mir als Oberbürgermeister eine Stadtgesellschaft, die mehr miteinander redet und weniger übereinander.“

Superintendent Wüster betonte die bisherige fruchtbare ökumenische Zusammenarbeit in Bonn und stellte seinerseits eine Fortsetzung in Aussicht.

Zur Zukunft der Bonner Kirche

Als letzter Redner kam Pfarrer Picken selbst zu Wort. Er dankte verschiedenen Personen und ging auf die Zukunft der Kirche in Bonn ein. „Auch die Kirche in Bonn steht vor erheblichen Veränderungen“, kündigte er an. Womöglichen Fragen der Gemeindemitglieder kam Picken zuvor: „Was wird der neue Stadtdechant und Münsterpfarrer tun? Was wird sein Programm sein? – Ich weiß es selber nicht. Ich vertraue auf das, was an Chancen in unserem Miteinander liegt. Und vor allem baue ich für die Zukunft der Kirche in Bonn fest auf die eine große Zusage Christi: ‚Ich bin bei euch alle Tage eures Lebens.‘ Ich vertraue fest auf Christus.“ Ja, die Zusage Christi steht. Es steht zu hoffen, dass auch hinter der Offenheit, die Pfarrer Picken am Sonntag vermittelte, eine Zusage und nicht nur eine Floskel steckt. Es ist zu hoffen, dass Dr. Picken die Chancen, die von anderen ausgehen, auch wahr- und annimmt und Wichtiges von Belanglosem trennt. Wie noch in einem WDR-Interview der Lokalzeit Bonn zu sehen war (Erstausstrahlung: 27.02.2019), setzt der Pfarrer manchmal fragwürdige Prioritäten: In diesem Fernsehinterview ging es unter anderem – man wollte es kaum glauben – um die Frage der Echtheit seines Haupthaares. Als ob die Kirche keine anderen Sorgen hätte!

Möge das stürmische Wetter am Tag der Einführung des neuen Münsterpfarrers und Stadtdechanten Dr. Wolfgang Picken ein Zeichen für den Heiligen Geist sein, der kräftig durch seine Kirche weht und bei Laien wie Geweihten letztendlich für Frische und einen klaren Blick Richtung Himmel sorgt!

Der nun für sechs Jahre amtierende Bonner Stadtdechant zeigte sich beim Auszug aus der St. Remigius-Kirche gut gelaunt. Damit stach er unter seinen Mitbrüdern im geistlichen Dienst hervor, die während der Feier überwiegend ernst bis skeptisch dreinblickten (s. auch GA-Titelfoto vom 11. März).

Nach dem Empfang der geistlichen Nahrung folgten viele der Anwesenden Pfarrer Pickens Einladung, beim Suppenessen im Kreuzgang von St. Remigius auch fürs leibliche Wohl zu sorgen und sich dort zu begegnen.

(dcbp, 14.03.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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