Eine Ohrfeige für viele Opfer: Ostersonntagspredigt von Stadtdechant Dr. Picken

Osterglocke
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An den vorangegangenen Tagen des Triduum Sacrum (einschließlich der Osternacht) hatte der Bonner Stadtdechant tief in die Schublade gegriffen und mit einer Auswahl seiner Lieblingsanekdoten zum Themenkomplex Sterben, Begreifen des Kreuzesopfers Jesu, zur Liebe Gottes uns Menschen gegenüber und zum daraus resultierenden ewigen Leben einen zwar plakativen, aber recht versöhnlichen Ton angeschlagen.

Lebensversicherung Ostern

Die Predigt zum Ostersonntag verlief anfangs mit gleichem Tenor: „Ostern ist – so gesehen – unsere Lebensversicherung. So sicher wir uns darüber sind, dass wir alle sterben müssen, so sicher ist uns auch die Fülle des anderen Lebens! Dieses Fest will uns die Angst um unsere eigene Existenz nehmen. Wenn wir ehrlich sind, bestimmt uns Menschen diese Angst vom ersten Atemzug an. Manche wollen das bereits im Schrei des Kindes nach der Geburt hören: die Angst davor, das gerade begonnene Leben irgendwann wieder hergeben zu müssen.“ – Wer kennt diese Gedanken des Pfarrers und Sterbebegleiters Picken nicht?

Notre-Dame im umstrittenen Fokus

Er skizzierte im weiteren Verlauf seiner Predigt die mannigfaltigen verheerenden Auswirkungen der Angst ums Überleben und setzte dem ein Lebensmodell im Sinne Jesu entgegen. Als „sichtbare Zeichen“ dieser Lebensweise, nannte Picken Klöster, die oftmals auch soziale Einrichtungen geschaffen haben; Kathedralen erwähnte er hier ebenfalls und ging dann aus gegebenem Anlass des Brandes im französischen Nationalheiligtum Notre-Dame de Paris am 15. April 2019 auf dieses sakrale Bauwerk und seine Bedeutung näher ein. Der Stadtdechant beklagte den Verfall des Westens und forderte zum Nachdenken über Christi Zusage für ewiges Leben und ihre Bedeutung für die westliche Kultur auf. „Die äußere Auferstehung von Notre-Dame könnte dann zum Impuls für die innere Aufrichtung des Westens werden. Wenn Sie mich fragen, hätten wir das dringend nötig.“ Die pathetischen Worte Pfarrer Pickens über das Gotteshaus entspringen aus meiner Sicht reinem Wunschdenken. Dass Frankreich alles andere als einmütig in der Angelegenheit Notre-Dame ist, kann man der Presse entnehmen: Politik und Wirtschaft nutzen Berichten zufolge das Unglück für ihre Zwecke und spenden nicht uneigennützig große Summen für ein Gebäude, während für die Armen des Landes kein Geld zur Verfügung steht – ein Brandherd für sich. Verwiesen sei in diesem Kontext auf die am 23.04.2019 bei SPIEGEL ONLINE erschienene Kolumne von Stefan Kuzmany, deren Titelzeilen bereits viel über die aufgeheizte Stimmung in Frankreich aussagen: „Spenden für Notre-Dame • Dafür ist Geld da – In Frankreich überbieten sich die Superreichen mit Spenden für den Wiederaufbau von Notre-Dame. Gleichzeitig wüten die Gelbwesten und verlangen Geschenke. Es ist Zeit für ein weltliches Wunder.“

In den deutschen Kirchen ist man recht unterschiedlich mit dem Kirchenbrand in Frankreich umgegangen. In der katholischen Kirche nannte beispielsweise der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick den Wiederaufbau von Notre-Dame bereits am 17.04.2019 ein „Herzensanliegen“, betonte aber, dass andere Brandherde der Welt, die er explizit aufzählte, darüber nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Im Erzbistum Berlin mit seinem aus dem Kölner Erzbistum stammenden Erzbischof Heiner Koch wurde hingegen im Rahmen der Osterkollekte zu Spenden für Notre-Dame als Zeichen der Verbundenheit mit den Pariser Katholiken aufgerufen. (Wollte die katholische Kirche hier vielleicht nicht hinter der Stadt Berlin zurückstehen, die zu Spenden für ihre französische Partnerstadt Paris aufrief?)

Was ist mit Sri Lanka?

Nun, der Bonner Stadtdechant rief während der Osterfeierlichkeiten nicht zu Spenden für Notre-Dame auf; ihm war mehr am ideellen, religiösen Wert des Sakralbaus gelegen, am Abbild des himmlischen Jerusalem. An einem anderen Tag hätte man die pathetischen, dick aufgetragenen Worte des Pfarrers über ein allzu irdisches Gotteshaus als sein spezifisches Empfinden abtun können, aber an diesem Ostersonntag war kein x-beliebiger Tag: In den Morgenstunden hatten Attentate auf katholische Kirchen und Hotels in Sri Lanka zahlreiche Menschenleben gefordert (359 Tote; Stand: 24.04.2019, 09:18 Uhr, Quelle: ARD, tagesschau.de). Das war früh klar, und es wäre extrem verwunderlich, wenn der stets über das Weltgeschehen informierte Pfarrer Picken ausgerechnet von diesem Ereignis vor Gottesdienstbeginn um 12.00 Uhr nichts erfahren hätte. Die Attentate und ihre Opfer wurden jedenfalls mit keinem Wort erwähnt – keine spontane Fürbitte, nichts. Da stimmten die Relationen einfach nicht mehr: auf der einen Seite ein Unfall ohne große Personenschäden, bei dem weitaus mehr Kunstschätze bewahrt geblieben sind, als man hätte erwarten können (ein Wunder?), auf der anderen Seite der Mord an friedlich feiernden Menschen und die mutwillige Zerstörung von Kirchen.

Skandale unter den Teppich kehren?

Stadtdechant Picken weiter in seiner Predigt am Ostersonntag: „Unsere Gegenwart verliert immer mehr ihre Verankerung in einem festen Fundament und Boden. Vom ‚schwankenden Westen‘ ist in der Konsequenz die Rede. Umso mehr ist gefordert, dass wir als Christen uns auf dieses Fundament besinnen und die eigentliche Freiheit zurückgewinnen, die uns der Osterglaube schenkt. Wie dramatisch ist es, dass wir als Kirche gerade in dieser Zeit nur mit uns selbst und nur mit unseren eigenen Problemen beschäftigt sind! Damit bleiben wir der Welt schuldig, was sie dringend braucht und eigentlich mit Recht von uns erwarten darf. Es ist für mich unverständlich, wie ein deutscher Bischof sagen kann, dass es ihm angesichts des Missbrauchsskandals schwerfalle, in diesem Jahr Ostern zu feiern.

Abgesehen davon, dass es nur der Glaube an die Vergebung, nur der Glaube an die Auferstehung und den Neuanfang ist, der uns die Kraft gibt, aus dieser Krise aufzuerstehen. So dürfen wir uns die eigenen Skandale nicht so anhaften lassen, dass wir aufgeben zu sein, was uns zur Kirche macht, nämlich den Auftrag zu erfüllen, den Christus uns selbst mit auf den Weg gegeben hat: die frohe Botschaft zu verkünden und den Menschen zu helfen, zur Freiheit der Kinder Gottes zu finden – frei von der Angst um die eigene Existenz. Ostern bedeutet Leben, Schwestern und Brüder, Fülle und Freiheit. Was brauchen wir, was braucht unsere Kirche, und was braucht unsere Zeit mehr? Halleluja.“

Ohrfeige für Missbrauchsopfer und Bischöfe

Klatsch! Wenn diese Worte keine Ohrfeige für alle Missbrauchsopfer der Kirche sind! Picken nennt keinen Namen, wenn er völliges Unverständnis für „einen deutschen Bischof“ äußert. Es mag sein, dass der Bonner Pfarrer bei seiner Aussage auch verschiedene Bischöfe im Sinn hatte; mehr als einer hat in der österlichen Zeit mitmenschliche Gefühle gezeigt und das Verhalten der Kirche kritisch reflektiert. Im Gegensatz zu Geistlichen wie dem Limburger Erzbischof Bätzing oder dem Osnabrücker Bischof Bode, ignorierte der Bonner Stadtdechant Picken mit seiner Predigt die Zeichen der Zeit und die Außenwirkung einer Protz-und-Prunk-Kirche: Die Mehrheit der Bevölkerung lässt sich nicht mehr mit theologisch noch so fundierten Floskeln oder einer glanzvollen Liturgie ködern; die Leute wollen sehen, dass die Kirche handelt und sich ändert. Worte sind erst der Anfang. Ein Wandel braucht Zeit, vielleicht eine Zeit, die die Kirche hierzulande nicht mehr hat. Demut würde der Kirche auf jeden Fall gut zu Gesicht stehen, vor allem denjenigen, die in der Öffentlichkeit präsent sind. Stadtdechant Picken vermittelte am Ostersonntag hingegen edel gewandet, dass man endlich wieder zum üblichen Tagesgeschäft übergehen sollte.

„Stimme oder Kohle“

So setzte er den Gläubigen am Ende der Feier mit gewohnt drohendem Unterton über Minuten hinweg die Pistole auf die Brust, als es ums Unterstützen der Kirchenmusik ging – was man freiwillig vielleicht gerne getan hätte. Picken forderte zur Geldspende oder zur Chormitgliedschaft auf, und brachte das so auf den Punkt: „Sie haben aber heute Mittag nur diese beiden Alternativen: entweder Stimme oder Kohle.“

Ja, man darf und soll feiern. Man soll die frohe Botschaft verkünden. Man muss nicht in Sack und Asche gehen. Aber man darf den Rest der Welt nicht einfach ausblenden. Dass man sehr wohl ein feiernder, österlicher Mensch sein und dabei eine ausgewogene Weltsicht bewahren kann, zeigten zu Ostern 2019 beispielsweise die Bonner Monsignores Auel und Bretschneider in ihren Gottesdiensten.

(dcbp, 25.04.2019)

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Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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