Gott, die Liebe und Pfarrer Picken – Eine Inhaltsbeschreibung zu Teil 2 der Predigtreihe „SEHN-SÜCHTE“

Christus im Zentrum eines Tryptichons am Emmaus-Altar (sog. Antonius-Altar), Carl Müller (1888)
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  • Christus im Zentrum eines Tryptichons am Emmaus-Altar (sog. Antonius-Altar), Carl Müller (1888)
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  • hochgeladen von Damiana C. Bauer-Püschel

Musikalische Gestaltung 

Am dritten Sonntag der Fastenzeit (24.03.2019) kam die „Missa mundi“, eine Messe für Gemeindegesang, Chor, Bläser und Orgel, von Josef Lammerz in der Bonner Remigiuskirche zur Aufführung. Die Besonderheit dieser Messvertonung nach der ersten Choralmesse ist es, dass Kantor, Chor bzw. Schola und Gemeinde interagieren; alte Messgesänge und moderne Vertonungen wechseln einander ab. Wegen der österlichen Bußzeit entfiel das Gloria; Kyrie, Sanctus und Agnus Dei wurden gesungen. Bläser traten am dritten Fastensonntag nicht in Erscheinung; die Königin der Instrumente – die Orgel – deckte das Klangspektrum ab. An der Orgel war Msgr. Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider zu hören. Die Leitung des Münster-Chores oblag Regionalkantor Markus Karas, dessen Vorgänger der Komponist der Messe Josef Lammerz war. Der gebürtige Bonner Lammerz (geb. 15.06.1930) verstarb am 08.01.2014 in Teulada, Spanien.

Motivation der Gläubigen

Pfarrer Dr. Wolfgang Picken sprach gleich im Eröffnungsgebet davon, dass „wir ohne Gott nicht auskommen“. Er sprach von Sehnsüchten – und spielte damit auf den Titel seiner aktuellen Predigtreihe an, „die wir uns nicht selbst beantworten können“. „So ist es besonders mit der tiefen Sehnsucht nach Liebe, die uns alle heute Morgen verbindet. Deus caritas est. Gott ist die Liebe“, führte Picken weiter aus und legte damit den Schwerpunkt des zweiten Teils seiner Fastenpredigtreihe „SEHN-SÜCHTE“ fest: die Sehnsucht nach Liebe. Pfarrer Picken sah im Wunsch der Gläubigen, etwas von dieser göttlichen Liebe zu erfahren, einen nicht unwesentlichen Grund für die Teilnahme an der Eucharistiefeier: „damit die Sehnsucht in unserem Herzen zur Ruhe finden kann“.

Das Gleichnis vom Feigenbaum und die Leistungsgesellschaft

Lesungstexte waren am dritten Fastensonntag die folgenden: 1. Lesung: Ex 3,1-8a.13-15; 2. Lesung: 1 Kor 10,1-6.10-12 sowie Evangelium: Lk 13,1-9. Das Evangelium mit dem Gleichnis vom Feigenbaum nahm Prediger Picken als Aufhänger dafür, um über die Leistungsgesellschaft und unsere Menschenwürde zu philosophieren. Im Bezug zum Winzer im Gleichnis sagt Picken: „Am Ende steht ein nüchternes Kalkül: Ist die Ernte nicht hinreichend, stehen also Aufwand und Ertrag in keiner angemessenen Relation mehr, wird die Axt angelegt.“ Dieses biblische Bild betrachtete Picken als Metapher für die moderne Leistungsgesellschaft, die den Wert eines Menschen nur nach dessen Leistung und Ergebnissen bemisst. Der Mensch erhalte seine Bedeutung in steigendem Maße – beispielsweise im Berufsleben oder im Internet – durch die Einstufung von außen.

Menschenwürde in Gefahr

Picken erwähnte die durch die deutsche Verfassung gewährte Würde; er sieht diese in der Praxis jedoch oft nur auf dem Papier stehen. Gerade dann, wenn der Mensch anderen zur Last falle, spiele eine gottgegebene und gesetzlich garantierte Würde des Menschen leicht eine untergeordnete Rolle. Dem ist leider nicht zu widersprechen. Wer keine Leistung mehr erbringen kann, habe es laut Picken „trotz aller sozialstaatlichen Errungenschaften“ schwer. „Das kann sogar existentielle Dimensionen annehmen“, so der Prediger weiter, der daraufhin dezent auf Abtreibungen, Asylanten und Sterbehilfe für Alte anspielte. „Die Würde des Menschen ist gefährdet“, stellte Picken fest. Durch das „Begleitklima unseres ökonomischen Systems“ werde das Zwischenmenschliche immer mehr beeinflusst. Eigenverantwortliches Denken und Handeln sprach Pfarrer Picken damit implizit weiten Teilen der Gesellschaft ab; er kam auf die bereits eingangs erwähnte Einstufung durch andere zurück. Nach Aussage des Pfarrers habe es jede Art von verbindlicher Beziehung unter diesen Voraussetzungen schwer. Dr. Pickens Zwischenbilanz fiel negativ aus: „Räume, in denen wir angenommen sind, gleich wie es um uns bestellt ist, gibt es nur noch wenige.“ Weiter beschrieb er die vermeintliche Notwendigkeit, sich ständig beweisen zu müssen, was die Persönlichkeit der Menschen verfälsche.

Unsicherheit der Menschen

Picken beschrieb differenziert und dezidiert eine massive innere Unsicherheit, die viele Zeitgenossen seiner Ansicht nach betrifft. „Der Seelsorger steht oft vor solchen Symptomen“, unterstrich er seine Aussage und beklagte seine relative Hilflosigkeit in Anbetracht der komplexen Problematik. Picken ließ durchblicken, dass Soforthilfe zu leisten kaum möglich ist, so sehr sind aus Sicht des Pfarrers negative Entwicklungen des Einzelnen mit den Leistungsanforderungen der Gesamtgesellschaft verwoben. Die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung ist daher in unserer Zeit besonders stark; das ist zumindest Dr. Pickens Vermutung. Die bedingungslose Annahme der eigenen Person bleibe für die meisten Menschen heute ein Wunschdenken. Viele können laut Picken nicht mehr in rechter Weise mit ihrer Sehnsucht umgehen; durch Belohnung erbrachter Leistung trete eben keine Befriedigung ein. „Sehnsucht nach wahrer Liebe“, die uns alle betreffe, sei unmöglich durch einen einzelnen Menschen zu stillen; man brauche mehr – viel, viel mehr.

Die Abschaffung Gottes und ihre Folgen

Säkular lebende Menschen verzichten weitgehend auf das, was ihren Horizont übersteigt, so Pickens Erkenntnis. Genau an diesem Verzicht macht er das Problem nicht religiöser Leute fest. Mit der Abschaffung Gottes sei auch die Gewissheit eliminiert, ein Leben lang geliebt zu sein. „Die äußere Freiheit von Gott kostet uns einen hohen Preis: nämlich unsere innere Freiheit. Das ist der Preis“, so Picken mit Nachdruck. Er führte weiter aus, dass sich niemand – auch ein gläubiger Christ und er selbst nicht – dem Einfluss seiner Zeit entziehen könne. Auch unter Gläubigen gebe es Unsicherheiten, die aus negativen Erfahrungen resultieren; im Unterschied zur säkularen Welt ließen Christen die Liebe Gottes jedoch zu und bäten ihn in Demut um seine Zuwendung.

Wahre Liebe

„Für mich ist es die stärkste Dimension des christlichen Glaubens, dass er so klar und so umfassend auf unsere Sehnsucht nach wahrer Liebe antwortet“, sprach Picken und nahm Bezug zur Lesung, in der Gott im brennenden Dornbusch erscheint. Der Name Gottes JHWH – „Ich bin da“ – sei bereits Programm; er sei ständig aus Liebe um uns. „Gottes Liebe zu dir ist unantastbar“ – so brachte Pfarrer Picken menschliches Fragen und Gottes Antwort zusammen. Er betonte, dass diese Liebe „durch nichts zu verlieren“ sei – „wahre Liebe eben“. Picken zitierte für sein Leben bedeutsame biblische Aussagen – „Ich habe dich beim Namen gerufen“ und „Ich habe dich in meine Hand geschrieben“ –, um unsere Bedeutung für Gott zu unterstreichen. Ferner führte der Pfarrer der Gemeinde den Liebesbeweis Gottes in der Eucharistie vor Augen und betonte, worum es bei Gottes wahrer Liebe gehe: „um unseren inneren Frieden, um unser Selbstwertgefühl, um ein Rückgrat als Mensch, das sich durch nichts verbiegen lässt“. Der Grund dafür ist dem Prediger zufolge das Bewusstsein, von Gott geliebt zu sein; das betonte er immer wieder vehement. Erst der Glaube ermögliche nach Pickens Ausführungen ein Handeln in Freiheit.

Handeln aus dem Glauben

Der Prediger zeichnete die Vision einer heilen Welt, in der sich jeder geliebt fühlt und leitete zu Konsequenzen für ein Handeln aus dem Glauben heraus über. Die Wertschätzung, das Annehmen des Gegenübers setzt Picken an erste Stelle; das Stellen von Bedingungen, das vorschnelle Kritisieren, Bewerten und Verurteilen anderer bis hin zur Exkommunikation („eine traurige Praxis der Kirche“) kritisierte er aufs Schärfste. Am Ende forderte Picken die Gläubigen („wir“) indirekt auf, die Umwelt von Gottes einmaliger Zusage zu überzeugen, und so endete seine Predigt mit der betonten Wiederholung des Zitats „Ich – bin – da“.

Der Sinngehalt der Predigt zum dritten Fastensonntag 2019 war so oder ähnlich schon oft von Pfarrer Picken zu hören. Vom Inhalt über die charakteristische Rhetorik (inklusive intensiv angewandter Stimmdynamik, Kunstpausen, eingesetzter Gestik und Mimik) ist Pfarrer Dr. Wolfgang Pickens Stil der Predigtreihe nicht unbekannt. Sukzessive Angleichungen in Richtung bewährter Bad Godesberger Gegebenheiten sind in verschiedenen Bereichen in Bonn wahrzunehmen. Zusätzliche junge Ministranten (aktuell noch „Mangelware“ in St. Remigius) versuchte Pfarrer Picken am vergangenen Sonntag über Eltern und Großeltern zu rekrutieren. Diese wurden dazu aufgefordert, ihre Kinder bzw. Enkel in die Sakristei zu schicken, um in der Messe zu dienen. – Business (nearly) as usual.

Am kommenden vierten Fastensonntag wird es in der Predigt des Bonner Stadtdechanten Dr. Wolfgang Picken um die „Sehnsucht nach Vergebung und Versöhnung“ gehen.

(dcbp, 28.03.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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