Kleines Glück: Mit Glühwein vor der Postfiliale

Ich hatte ja letztens erwähnt, dass ich mir erst mal den Rest Glühwein aus der Thermoskanne hinter die Binde gekippt habe. Hatte aber vergessen zu erklären, warum da oftmals noch ein Rest drin ist. Weil, normalerweise habe ich eigentlich keine Probleme, den mir zur Verfügung stehenden Alkohol einer durchschnittlichen Thermoskanne komplett zu verkasematuckeln. Gut, kein Wunder, ich mache das ja auch jeden Tag. Übung macht eben den Meister. Es hat ja schon vor Wochen angefangen, dass ich komplett den Überblick verloren hatte. Jetzt nicht, was meinen Alkoholkonsum betraf, sondern die Kontaktregelungen: Darf ich oder darf ich nicht - oder muss ich vielleicht sogar? Bin ich ein Sozialschwein, wenn ich den mir erlaubten Rahmen ausschöpfe? Wie viele Menschen dürfen auf öffentlichen Plätzen wie lange in welchem Abstand stehen? Und über was dürfen die sich unterhalten? Alkohol, zum Beispiel, ist es überhaupt erlaubt, öffentlich über das Thema Alkohol zu sprechen, geschweige denn zu trinken? Und wenn das Thema im öffentlichen Raum kein Tabu ist, wie viele dürfen sich darüber unterhalten - über Alkohol? Gibt es genaue Versammlungsanweisungen, die eingehalten werden müssen? Ist zum Beispiel Stehen im Kreis oder Oval verboten, Stehen in einer Geraden erlaubt? Parabolisches Stehen hatte ich selbstredend von vorne herein ausgeschlossen.

Wie schon erwähnt, ich bin so was von verunsichert. Nicht umsonst trage ich zwischenzeitlich immer einen Zollstock bei mir, um den korrekten Abstand auf Parkbänken zu gewährleisten. Was jetzt nicht immer gut ankommt. Weil, wenn du dem schon sitzenden Unbekannten zu verstehen gibst, er solle doch gefälligst so rücken, dass jeder immerhin mit einer Arschbacke auf der Bank sitzen kann - kommt nicht gut. Wobei, meistens löst sich die angespannte Situation dergestalt, dass ich die Bank dann für mich allein habe. Wie gesagt, ich war so was von verunsichert. Irgendwann hieß es auch, mein Traummann und ich dürften jetzt nur noch eine Person zu uns nach Hause einladen. Wobei, ich glaube, das war das erste Mal, dass mir eine Einschränkung so was von zu pass kam. Weil, da gibt es bei uns im Freundes- und Bekanntenkreis schon das ein oder andere Pärchen, wo ich nur die eine oder den anderen mag. Den Partner - und hier meine ich selbstredend wieder mein Lieblings-generisches Maskulinum - den Partner hast du halt immer mehr oder weniger in Kauf genommen. Jetzt kannst du sagen: "Das tut mir so was von leid, dass ihr nicht beide kommen könnt. Aber einer ist ja besser als keiner, nicht wahr? Und es kommen ja bestimmt wieder bessere Zeiten." Ich hab mir da wohl vorgenommen, dass ich es damit dann ganz langsam angehen lasse, dass ich den Partner wieder mit einlade. Ich mein, das könnte man ja auch ganz gut begründen, dass man sich über die Jahre jetzt wirklich nichts mehr zu sagen hat. Was ja auch nicht schön für den Partner ist, mit dem ich weiterhin Kontakt habe. Der muss dann bei den Treffen alles seinem Liebsten, wenn's um bestimmte Themen geht, noch einmal im Schnelldurchgang zusammenfassen. Oder es geht den ganzen Abend "Das hatte ich dir aber gesagt" oder "Du hörst mir nie zu, wenn ich etwas erzähle". Und, schwuppdiwupp, habe ich hier auf meinem Sofa die Ehekrise. Hab ich keine Lust drauf!

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, war ja die Sache mit dem Sich-im-öffentlichen-Raum-Treffen. Weil, das hat man ja schon bemerkt: Je länger der Lockdown war, desto länger war die Schlange vor meiner Postfiliale im Auerberg. Oder, weil wir oben schon mal bei der Parabel waren: Proportional zur Länge des Lockdowns verhält sich der Graph der Warteschlange. Bei all der Unsicherheit, die mich umtrieb, wusste ich also: Sich-mit-vielen-Menschen-Treffen, also Schlangestehen, vor der Postfiliale ist erlaubt. Ich habe mir dann um der Authentizität Willen entweder ein Päckchen unter den Arm geklemmt oder so getan, als ob ich eins abholen wollte. Ich mein, so einen Abholschein hat man ja schnell mal kopiert. Und dann kramst du, während du in der Warteschlange stehst, nach deinem Personalausweis und schon wirkt's glaubwürdig. Aber was sag ich, einmal habe ich mich einfach ohne jegliche Vorbereitung angestellt und bin kurz bevor ich hätte reingehen müssen wieder ausgeschert: Hat sich keiner drum geschert!

Bis zum Ausscheren (wo ich gerade bei Scheren bin, aber das ist ein anderes Thema, meine Frisur. Wobei Frisur in dem Zusammenhang fehl am Platze ist. Es geht um das, was bei mir auf dem Kopf wächst, um meine Haare. Und das muss ich ja auch sagen, die ganzen zwischenmenschlichen Kontakte beim Frisör fallen ja auch weg), wenn ich also die Warteschlange verließ, was hatte ich da so was von nette Begegnungen gehabt, Gespräche geführt mit dem Vorder- und Hintermann*in. Manchmal habe ich Leute vorgelassen, weil's gerade so lustig war. Alles, was mir so an sozialem Kontakt gefehlt hat, konnte ich da ausgleichen. Und schon im Januar hatten wir ja den ein oder anderen kalten Tag, ganz zu schweigen vom Kälteeinbruch im Februar. Und was mir ja auch gefehlt hatte, in diesen Tagen, war der ein oder andere Glühweinstand. Sei es auf dem Weihnachtsmarkt oder beim Weihnachtsbaumkauf im Wald. Und auch Karneval gab es ja kein Am-Zug-Stehen-mit-einem-Piccolöchen-in-der-Hand. Und da habe ich eben das eine mit dem anderen verbunden. Ich habe mir für die Warteschlange in meiner Auerberger Postfiliale eine kleine Thermoskanne Glühwein mitgenommen. Und allein schon deshalb war ich sofort im Gespräch. Das ging von "Das ist aber eine gute Idee" bis "Schon früh am Morgen Alkohol?". Ich bin dann deshalb vom Vormittag auf den späten Nachmittag umgestiegen, mit dem Anstellen.

Was übrigens auch immer super funktioniert, um ins Gespräch zu kommen. Wenn ich in diesen Zeiten einfach mal dringend Bedarf nach menschlicher Zuwendung habe. Und das muss ja gar nicht mal immer unbedingt positiv konnotiert sein. Hauptsache zugewandt: Ich schiebe einen Einkaufswagen meines Lieblingsdiscounters mit zig Familienpackungen Klopapier die Kölnstraße entlang und schaue, wo die Geschichte hin läuft. Ich muss nicht explizit erwähnen, dass ich da so was von ins Gespräch komme- mit allen gesellschaftlichen Schichten!

Autor:

Adelheid Bennemann aus Bonn

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