„SEHN-SÜCHTE“: Eröffnung der Predigtreihe am zweiten Fastensonntag in St. Remigius (Bonn)

Aushang zur Predigtreihe im Schaukasten von St. Remigius
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Bezug zum Evangelium 

Der frisch ernannte Bonner Stadtdechant und Münsterpfarrer Dr. Wolfgang Picken verknüpfte im ersten Teil seiner Predigtreihe die Erfahrung der Jünger am Berg Tabor (Evangelium: Lk 9, 28b-36) mit dem Motto der Reihe „SEHN-SÜCHTE“. Er beschrieb das, was die Jünger erlebten, als Augenblick, „in dem Ihre beständige Suchbewegung endet und ihre existentielle Angst verloren geht“. Picken fuhr fort: „Sie [die Jünger, Anmerkung der Verfasserin] machen unerwartet die Erfahrung mit etwas, das Ihre tiefe Sehnsucht in ihnen stillt.“ Dieser Erfahrung sei ein anstrengender Weg vorausgegangen. Picken setzte hier die biblische Wanderung mit inneren Lernprozessen gleich, die in der Regel Arbeit erfordern. Das Erlebnis der Befriedigung beim Erreichen des Ziels ist für die Jünger unabhängig von Jesus Christus Pickens Auffassung nach nicht möglich. Er deutete die biblische Textstelle als Hinweis darauf, dass auch wir ohne Gott, ohne Jesus Christus in unserem Leben letztendlich keine Erfüllung unserer Sehnsüchte finden werden. Bei Gott würden diese einmal erfüllt werden; in diesem Leben erführen wir jedoch nur kurze Momente der Erfüllung. Auch die Jünger müssen den Berg Tabor wieder verlassen, das dort Erlebte prägt sie dem Stadtdechanten zufolge jedoch unwiderruflich. In Ihnen bleibt seiner Auslegung nach die Hoffnung lebendig, dass der Tag kommen wird, der nichts mehr zu wünschen übrig lässt, wonach sie sich jetzt noch sehnen.

Unterschätzter Glaube

Picken formulierte die Zusage an uns Christen mit den Worten des Kirchenlehrers Augustinus „Unruhig ist mein Herz in mir, bis es ruht in dir“ und versuchte, das alles Übertreffende, das uns erwartet, in Worte zu fassen. „Mir scheint, dass diese Dimension unseres Glaubens, eine Hoffnung auf eine andere Welt zu haben, unterschätzt wird“, merkte der Pfarrer in seiner Predigt an. Dann zeigte er die Konsequenzen der Annahme auf, dass die Sehnsüchte des Menschen – Liebe, Anerkennung, Geborgenheit, Versöhnung, Reichtum, Fülle, unlimitiert andauerndes Leben – unerfüllt bleiben könnten. Er zeigte auf, was geschieht, wenn sich unsere Beweggründe im Leben auf Bereiche verschieben, die nicht für eine beständige Befriedigung sorgen können, und menschliches Verlangen ungestillt bleibt. Picken sprach vom Fehlen eines Urvertrauens, im Glauben die Erfüllung der Sehnsüchte zu finden. Durch diesen eklatanten Mangel werden Menschen laut Picken zu „süchtig Suchenden“, die nach immer mehr in vielerlei Bereichen – z. B. Konsum, Erfolg, Sicherheit, Gesundheit und Lebensdauer – verlangen.

Pfarrer Pickens Gesellschaftskritik

Als „Suchtmittel unserer Zeit“ bezeichnete der Prediger die Mittel, durch die heutzutage ein Stillen der Sehnsüchte suggeriert wird. Glaubt man diesen leeren Versprechungen, so wird man laut Pfarrer Picken manipulierbar und abhängig. „Wer das Prinzip erkennt, kann es systematisch ausnutzen“, so Picken. In Forschung, Wirtschaft, Werbung und in der Politik sieht er Personen, die zu diesem Mittel greifen. Weiter wetterte er gegen das, was aus diesen Reihen an verführerischen Vorschlägen kommt (O-Ton: „plump“), ohne jedoch näher darauf einzugehen. Das blieb der Fantasie der Zuhörer und ihrer Erfahrung mit Pickens Rhetorik überlassen. „Am Ende einer solchen Fehlentwicklung, wenn Sie so wollen, am Ende einer Suchtkarriere der Menschheit, dürfte unweigerlich der Kollaps, schlimmstenfalls die Selbstzerstörung stehen“, ist sich Picken sicher. Solche apokalyptischen Reden kennt man von ihm.

„Ausbeutung unserer Schöpfung“

Als Anzeichen des fortschreitenden Zerfalls nannte er die „Ausbeutung unserer Schöpfung“ durch eine stetige Steigerung des Ressourcenverbrauchs. An dieser Stelle erwähnte der Pfarrer die – mit Sicherheit nicht alle christlichen – jugendlichen Demonstranten zur Untermauerung seiner Kritik, fügte aber hinzu, dass Mahnungen alleine nicht ausreichend seien. Er setzte die Parallelen zu einem Suchtkranken fort und verordnete Entgiftung sowie eine neue Blickweise auf das Leben. Picken konstatierte: „Ich bin mir sicher, es wird dafür die Religion brauchen – einen Glauben, der wie das Christentum die Hoffnung auf die Erfüllung aller Sehnsüchte in Aussicht stellt, um den Menschen wieder in seine Relation zu bringen und in die Versöhnung mit der Schöpfung zu führen.“

Seelische Erschöpfung

In seiner Aufzählung der Zerfallssymptoiokme wandte Picken sich anschließend dem psychischen Bereich zu, sprach wie schon oft aus seiner Praxis als Seelsorger und erwähnte eine bei den Mitmenschen immer häufiger auftretende innere Leere und Erschöpfung. Als ursächlich sah der Geistliche, der sich selbst in seiner Bad Godesberger Vergangenheit oftmals zu überholen schien, die alltägliche Hektik und Rastlosigkeit. Ein hoher Anteil der Bevölkerung – nicht nur der Erwachsenen – ist dem Prediger zufolge abhängig von Therapien und Medikamenten geworden. Dass es therapeutische Mittel gibt, hält Picken für gut, er stellte in seiner Predigt jedoch die Frage, warum die Religion für die seelische Gesundheit heute kaum noch von Bedeutung ist. Antworten lieferte er gleich selbst: eine verbreitete Skepsis gegenüber der Religion unter psychologisch Tätigen und eine mangelnde Glaubwürdigkeit der Kirche.

Kein Heiland, keine Heilung

„Eine seelische Genesung ohne Religion, ohne die befriedigende und in der Seele tief verankerte Antwort auf die Frage auf die Grundsehnsüchte des Menschen, wird es nicht gehen“, ist sich Pfarrer Picken sicher; eine säkulare Gesellschaft nehme sich damit die Möglichkeit der Heilung. Abschließend erklärte der Stadtdechant, wie wichtig die – auch stellvertretende – Anwesenheit in diesem Gottesdienst sei. Dr. Picken zitierte Gottes Stimme aus den Wolken mit dem bekannten Ausspruch „Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“ und nahm damit noch einmal Bezug auf das Tagesevangelium (Lk 9, 28b-36).

Ein kleiner Exkurs: In der aktuellen Übertragung lautet Vers 35 folgendermaßen: „Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Das Wort „geliebt“ zu hören, geht stärker ans Herz als der Ausdruck „auserwählt“, welcher nüchterner wirkt. Hierunter könnte man sich einen schlicht berechnend handelnden Gott Vater vorstellen. Die Übertragung mag korrekter bzw. näher an der Urschrift sein, aber der himmlische Vater büßt im aktuellen Wortlaut Sympathiepunkte ein – bei mir jedenfalls.

Pfarrer Picken brachte es zum Schluss seiner Predigt inhaltlich auf den Punkt: Heilung und tiefe Erfüllung unserer Sehnsüchte kommen von Jesus Christus; wir müssen dafür nur auf sein Wort hören.

Diskrepanzen

Technisch war seine Predigt zum zweiten Fastensonntag durchdacht ausgearbeitet, und sie wurde eindringlich vorgetragen, wobei Pfarrer Picken es – das ist positiv anzumerken – etwas dezenter als zur Bad Godesberger Zeit angehen ließ. Dass seine Fastenpredigt im Bonner Zentrum keine politische Rede ohne Kontext zum Evangelium war, ist löblich.

Ob unerfüllte Bedürfnisse im Diesseits und eine in Aussicht gestellte Erfüllung in einer anderen Welt sich gegenrechnen lassen, sei im Einzelfall dahingestellt; das klingt dann doch vielfach nach einer Vertröstung aufs Jenseits. Interessant an Pickens Predigt war, dass er über weite Strecken allgemein von Religion sprach, das Christentum nur wie exemplarisch hervorhob, bevor er kurz zum spezifisch christlichen, heilbringenden Glauben kam. Worte wie „Katholizismus“ oder „katholisch“ im Sinne einer konfessionellen Bezeichnung vermied er in seiner Predigt, dennoch wurde klar zwischen den Gottesdienstbesuchern („wir“) und der Außenwelt unterschieden.

Kritisieren kann man Pickens partiellen Absolutheitsanspruch, der manchen negativen Aspekt der Kirche außer Acht lässt:

Christus kann den Menschen Heilung bringen, wenn sie wollen. Kirche kann dazu nötigen und krank machen.
Christus ist lebensbejahend. Kirche kann auch das Leben behindern.
Christus bedeutet innere Freiheit. Kirche kann Enge und geistlichen Missbrauch mit sich bringen.
Christus ist der Heiland. Kirche kann auch süchtig machen; Geistlichen, die behaupten, man könne niemals zu viel beten, sind im Unrecht!
Christus lässt um Heilung Bittende und Suchende zu sich kommen. Die Kirche entfernt störende Subjekte, selbst wenn sie Christi Nähe suchen – so noch im Gottesdienst am 2. FaSo geschehen.

Zwischen Himmel und Erde, zwischen Anspruch und irdischer Wirklichkeit klafft dann eben doch mehr als nur ein kleiner Spalt. Es ist an uns, diese gewaltige Lücke kleiner werden zu lassen!

Picken äußerte sein Erstaunen über die sehr gut gefüllte Kirche, in der nicht jeder einen Sitzplatz fand. (Er versprach für mehr Sitzplätze am nächsten Sonntag zu sorgen.) Wirklich glaubwürdig wirkte seine Überraschung nicht, hatte er doch eine Einladung zur Predigtreihe an Godesberger Wegbegleiter, Förderer und Freunde versenden lassen. Picken überlässt eben selten etwas dem Zufall. Am Tag der Kirchenbesucherzählung machte sich eine leicht überfüllte Kirche besonders gut. Im Anschluss an die Hl. Messe waren die Gottesdienstbesucher wie nach jeder Messe der Predigtreihe zur Begegnung mit Pfarrer Picken in den Kreuzgang von St. Remigius geladen.

Zu guter Letzt sei noch die festliche musikalische Gestaltung der Messe durch den Chorus Cantate Domino und Markus Karas (Chorleitung und Orgel) erwähnt, ohne die eine besonders tiefe Ausdrucksweise im Gottesdienst fehlen würde.

(dcbp, 21.03.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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