„Wenn, ja, wenn...“ – Kommentar zur Predigtreihe, Kirche St. Remigius an Laetare 2019

Moderner Beichtraum (links im Bild) und traditioneller Beichtstuhl (rechts) in St. Remigius
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Am vierten Fastensonntag 2019 (Laetare) wurde in Teil 3 der Predigtreihe „SEHN-SÜCHTE“ mit vielen wahren und klugen Worten über Vergebung und Versöhnung gesprochen. Aufhänger war das Gleichnis vom verlorenen Sohn und seinem barmherzigen Vater. Der Prediger sprach von globalen wie privaten Irrwegen, auf die der Mensch durch den falschen Gebrauch seiner Freiheit gerät. Wenn man die Fehlentwicklungen, Bruchstellen und Verletzungen im eigenen Leben betrachtet, so seine Worte sinngemäß, dann hätten davon rückblickend einige vermieden werden können. „Wenn...“, fügte er hinzu, „sie hätten sich vermeiden lassen können, wenn, ja, wenn...“

Die Predigtworte hätten (nicht nur) mich vollends überzeugen können, wenn, ja, wenn...

Plausible Predigtworte hätten komplett überzeugen können, wenn, ja, wenn fast beiläufige Anmerkungen wie die, es gehe den Schuldigen nur ums Rechthaben und „um das sich selbst mit vielen Worten entschuldigen“ nicht verallgemeinernd und in sich vorwurfsvoll wären. Wo bleibt da die Chance auf tiefe Vergebung, wenn Erklärungen („mit vielen Worten“) der schuldig gewordenen Person versagt bleiben? Kann es nicht auch vorkommen, dass einer den anderen völlig missversteht, und nur ausführliche Rechtfertigungen, die nicht per se schlecht sein müssen, die Situation klären können? Wenn nur die Wahrheit einer Partei Gültigkeit besitzt, lässt sich wohl kaum von einem Dialog auf Augenhöhe mit der Möglichkeit zu echter Vergebung und Versöhnung sprechen.

Durchaus präzise Analysen der Predigt hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn der Satz „Wir können nicht anders, als Fehler zu machen und schuldig zu werden“ nicht wie ein Freibrief klingen und der Prediger Fehler Menschen (!) gegenüber stets erkennen und eingestehen würde. Hier ist die katholische Praxis mit Sicherheit – da stimme ich einer beiläufigen Formulierung der Predigt zu – generell oft zu anonym: Beichten im Beichtstuhl, einem Formalismus genügen, sein Seelenheil retten wollen – und der Mensch, an dem man sich versündigt hat, muss so weiterleben wir bisher. (Hier meint die Predigt anscheinend nur die anderen.) Wäre es nicht ehrlicher und wirkungsvoller, zuerst den Kontakt zum Nächsten zu suchen und dann ggf. die Sache mit Gott zu bereinigen?

Die Weisheit der Predigt hätte überzeugen können, wenn, ja, wenn sie keinen in der Form (inklusive Mimik des Predigers) zynischen, in der Auswirkung manipulativen Ton gehabt hätte. Distanziert man sich vom Sog der Rede, dann realisiert man, dass hier wohl einer von sich auf andere schließt.

Die Stärken der Predigt hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn die Predigt (obwohl sich der Prediger formal ins „Wir“ einbezog) nicht wiederholt letztlich nur die anderen meinen würde. Diese Wirkung hat jedenfalls der teilweise zynische Ton. Gegen sich selbst ätzt ein Prediger wohl kaum. Er schaut mit seinem entsprechend verzogenen Gesicht ja auch nicht in den Spiegel, sondern blickt in die Gemeinde, die sich angesprochen bzw. belehrt fühlen soll!

Die Worte der Predigt hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn „der Seelsorger“ (eine beliebte Verallgemeinerung im O-Ton) sich in der Predigt nicht als vermeintliches Nonplusultra eines Geistlichen darstellen würde. Mit der Formulierung „der Seelsorger“ suggeriert er, für alle Seelsorger zu sprechen. Es gibt aber durchaus andere Einschätzungen unter ihnen!

Die Logik der Predigt hätte überzeugen können, wenn, ja, wenn alle Seelsorger mit der in der Predigt genannten Empfehlung – „allabendliche Gewissenserforschung, wöchentliches – zumindest regelmäßiges – Beichten“ – als Beichtväter verantwortungsvoll umgehen würden. Aus eigener Erfahrung als Pönitentin kann ich sagen, dass im Rahmen der Beichte auch in der heutigen Zeit noch klerikale Macht missbraucht, Leid verursacht und Schaden angerichtet wird. Menschen in ein Schema zu pressen und ihnen Dinge mit fatalen Folgen „erfolgreich“ einzureden, das bringt die Beichte als solche und alle integren Beichtväter schnell in Misskredit.

Sehr vernünftige Predigtworte hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn der Geistliche sich ernsthaft um den Seelenfrieden aller Menschen sorgen und Friedensangebote nicht nach seinem Gusto ausschlagen würde. Die Floskel „Ich erlebe das mit vielen Menschen“, die sich auf nicht erfahrene Vergebung bezieht, bleibt blutlos und leer. Wie sehen die konkreten Mittel des Seelsorgers aus?

Bedenkenswerte Aussagen zu Vergebung und Versöhnung hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn seelsorgliche Methoden bisweilen nicht Ausdruck hilfloser Wut bzw. Ablehnung unter Anleitung des Seelsorgers wären. Der Prediger berichtete einmal in einem Vortrag detailliert von einem Fall, in dem das Hilfsmittel zur „Versöhnung“ kaum mit christlichem Glauben vereinbar war, sondern vielmehr an eine zutiefst magische Praxis erinnerte. Unter den Anwesenden herrschte beim Hören der Geschichte, die hier mit Rücksicht auf die Dame, die im Mittelpunkt stand, nicht näher wiedergegeben wird, doch einiges Befremden.

Versöhnliche Formulierungen der Predigt hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn in der Predigt nicht nur die Kirche kritisiert worden wäre, die ihr „barmherziges Wesen so oft verdunkelt“ hat, sondern man selbst gleich das Gegenteil einer versöhnlichen Stimmung erfahren hätte. Bei einem stark aggressiven Predigtton ist es jedoch kaum möglich, sich so etwas wie Barmherzigkeit vorzustellen.

Intelligente Predigtworte hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn Gläubige nicht immer wieder wie Requisiten in einer Inszenierung betrachtet würden. Auch die Gottesdienstbesucher am 4. FaSo wurden vor dem Friedensgruß verdinglicht; der Nachbar in der Kirche wurde als „Übungsobjekt“ bezeichnet, nicht einmal als Subjekt. Wie sollen Gläubige da den Eindruck bekommen, dass sie ernst genommen werden, und wie sollen sie im Umkehrschluss auch den Prediger auf Dauer ernst nehmen?

Inspirierende Worte der Predigt hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn der Prediger selbst mehr Vertrauen in Gottes inspirierende Kraft setzen würde. Der Heilige Geist kann Menschen sehr wohl nachhaltig verändern!

Unwiderlegbare Argumente der Predigt hätten völlig überzeugen können, wenn, ja, wenn jeder, der selbst dazu bereit ist, die Chance auf Versöhnung vom Prediger persönlich bekommen würde.

An sich kluge Predigtworte hätten überzeugen können, wenn, ja, wenn man a) immer vollkommen zwischen Prediger, Predigtstil und Predigtaussage trennen und b) ausschließlich für den eigenen Glauben Nützliches herausfiltern könnte. Konsequent gelingt mir das jedenfalls (noch) nicht, ganz gleich, wer am Ambo steht (sofern dieser noch Ort der Predigt ist). Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Wenn Diskrepanzen zwischen Wort und Tat auftauchen, dann ist es wohl gut, sich an Jesus Christus zu halten, der in Mt 23,3 zu Beginn seiner hitzigen Rede über die Pharisäer und Schriftgelehrten sagt: „Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht.“ Schaut man sich so manches in der heutigen Kirche an, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass sich in rund 2000 Jahren nicht viel zum Positiven verändert hat. Dennoch bin ich ein Teil von ihr – und das ist gut so.

(dcbp, 03.04.2019)

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