Werden wie die Kinder – Vom Umgang mit Leben, Tod und Zeit

Kirschblüte in der Bonner Heerstraße
10Bilder

Am 7. April 2019 (5. FaSo, Passionssonntag) behandelte die Bonner Fastenpredigtreihe „SEHN-SÜCHTE“ das Thema „Sehnsucht nach bleibendem Leben“. Nachdem der Sonntagsgottesdienst der Vorwoche durch BonnSonata gestaltet worden war, zeichnete am vergangenen Sonntag der Kammerchor des Bonner Münsters, Chorus Cantate Domino, für die abwechslungsreiche Musik verantwortlich. Beide Ensembles stehen unter Leitung von Markus Karas.

Die Überleitung vom Evangelium (Joh 8,1-11), in dem es um Jesus und eine Ehebrecherin ging, zum Thema der Predigt wirkte konstruiert – sei’s drum: Das Feld um Schuld und Vergebung hatte Stadtdechant Picken in seiner Predigtreihe bereits beackert, und nun sollte es im Kern um Pickens Steckenpferd als Sterbebegleiter gehen, nämlich den gläubigen Umgang mit dem Tod.

Alles in nur einem Leben?

Der Stadtdechant beschrieb in seiner Predigt die Angst vor einem strafendem Gott, welche Menschen fälschlicherweise plagt, und die ebenso falsche Konsequenz, nicht mehr an Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben. Diese Leute stehen dann Picken zufolge unter dem enormen Druck, alles in einem einzigen Leben schaffen zu müssen, das sie für erstrebenswert halten. Das Scheitern sei vielfach vorprogrammiert.

„Vielleicht ist damit so manches erklärt, was uns heute intensiv beschäftigt und zu unlösbaren Problemen führt. Die zunehmende Anzahl von Menschen, die sich diese Denkweise zu eigen macht, wird zur Gefahr für das Überleben der Menschheit und der Schöpfung. Immer mehr versuchen, alles aus diesem Leben herauszuholen. Es gibt schließlich nur die eine Chance. Aber die Ressourcen sind endlich. Also kommt es zu einem erbitterten Kampf um Lebensqualität und Glück, im Zweifel auch Mensch gegen Mensch. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Es gibt dabei keine Rücksicht auf Verluste, auch keinen Blick für die Nachhaltigkeit. Nicht wenige hoffen, dass die langfristigen Probleme, die ein rein materialistischer Lebensentwurf nach sich zieht, erst auftreten werden, wenn man selbst unter der Erde liegt. Was für ein Lebensentwurf!“, so die deutlichen Worte des Pfarrers.

Ob man mit der Argumentation zwingend so weit gehen muss, das weiß ich nicht. – Selbst Picken relativiert seinen Gedankengang durch das Wort „vielleicht“. – Sicherlich kann der Glaube an Jesus Christus jedoch hilfreich sein.

Theorie und Praxis

Für Pfarrer Picken ist der christliche Glaube die befreiende Lösung des Problems. Er führt dazu das Folgende aus: „‚Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.‘ Das sind die Worte Jesu. Jedem, auch dem sündigen Menschen ist zugesichert, dass dieses andere Leben kommen wird. Was andere leichtfertig als Vertröstung auf ein Jenseits bezeichnen, ermöglicht dem Menschen für wahr erst einen realistischen Bezug zu den Möglichkeiten und Grenzen seines Lebens. Ich kann und muss diesem Leben nicht etwas abzuringen versuchen, was es nicht ermöglichen kann. Stattdessen nehme ich die Welt wie sie ist und kann auch mit dem Unvollkommenen leben, weil ich weiß, dass die Fülle kommen wird. Christlicher Glaube ist so gesehen ein einziges Entstressungsprogramm.“ Gläubig zu sein empfiehlt Pfarrer Picken schon alleine unter diesem Aspekt.

Die oben zitierten Worte des Stadtdechanten klingen gut. Wer jedoch schon einmal (oder auch jahrelang) erlebt hat, wie derjenige, der vom „Entstressungsprogramm“ spricht, von Zeitnot gehetzt seinen Mitmenschen verletzende Vorwürfe an den Kopf wirft, wer aus Erfahrung weiß, dass Prioritäten von ihm ständig neu gesetzt werden (müssen), weil immer wieder etwas wichtiger als das Geplante erscheint, der zweifelt daran, dass der Glaube per se entstresst. (Oder glauben Hochwürden etwa nicht stark genug? Das möchte ich dem Pfarrer jetzt nicht unterstellen.)

Wege zu Gott

Selbst der Gottesdienstbesuch oder andere religiöse Praktiken können Stressoren sein; auch hier wirkt kein Automatismus. Für manche Katholiken stellt die Feier der Eucharistie eine enorme Kraftquelle dar, andere würden Christus in der Hostie gerne begegnen, sind durch die Regeln der katholischen Kirche aber (eigentlich) vom Empfang des Sakraments ausgeschlossen, und für wieder andere ist der Messbesuch eine reine Pflichtübung. Auch die Form der Messe – vom außerordentlichen Ritus bis zum Gottesdienst mit Popkonzert-Charakter – kann für die einen Gläubigen eine Wohltat und eine echte Gotteserfahrung bedeuten, für die anderen ist derselbe Gottesdienst nichtssagend oder gar eine Qual. Hier ließe sich noch eine Reihe weiterer Beispiele anführen, die zeigen, dass der Glaube in Theorie und Praxis alles andere als gleichermaßen auf jeden übertragbar ist. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“, sagte Joseph Kardinal Ratzinger, der heutige Papst em. Benedikt XVI., einmal zu einem Journalisten. Die Tatsache, dass man gläubig ist, entstresst alleine noch nicht; man benötigt die passende, individuelle Spiritualität, die Zeit für ihre Entwicklung braucht und sich im Leben auch verändern kann. Ordensleute mit einer bestimmten Spiritualität scheinen mir tendenziell häufiger in sich zu ruhen als andere – auch geweihte – Menschen. Meiner Meinung nach trägt dazu eine straffe Strukturierung des Tagesablaufs bei, die konsequent umgesetzt wird. „Ora et labora“ ist nicht der schlechteste Grundsatz. Vielleicht stehen Weltpriester hier und heute oftmals auch unter einem zu hohen Erwartungsdruck von Gläubigen, sich selbst und ihren Bischöfen.

Pfarrer Picken setzte in seiner vierten Bonner Fastenpredigt ganz auf die Heilszusage Gottes: „Unsere Sehnsucht nach bleibendem Leben wird in Erfüllung gehen, auch wenn wir schuldig sind! Großartig. Spüren wir, wie uns diese Zusicherung zufrieden stimmt und innerlich frei macht. Sagen wir optimistisch mit Paulus: ‚Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.‘“

Mitten im Leben: Tod einer Taube 

Während in der Kirche St. Remigius die Heilige Messe mit diesen Gedanken zu Tod und Leben gefeiert wurde, pulsierte das Leben in der Stadt, denn dort fand der 19. Deutsche Post Marathon Bonn mit rund 13.000 Sportlern statt. Rund 200.000 Zuschauer wurden erwartet. Zudem standen die japanischen Kirschbäume in der Bonner Altstadt (genauer gesagt: in der inneren Nordstadt) in voller, rosafarbener Blütenpracht. Auch die Kirschblüte lockte wieder zahlreiche Touristen – im letzten Jahr waren es rund 20.000 – in die Bonner Heerstraße und die Breite Straße. Das Wetter spielte am vergangenen Sonntag auch mit. Frühling, Farbe, Feiern – der fünfte Fastensonntag war rundum voller Leben, so schien es. Ein weiteres lebendiges Ereignis war eine Taufe, die Pfarrer Picken am frühen Nachmittag in der Remigiuskirche zelebrierte; die Kirche freut sich über jedes neue Mitglied. Während also ein kleiner Junge auf Christi Tod getauft und dadurch zu neuem Leben erweckt wurde, kämpfte vor dem Kirchenportal eine verletzte junge Taube um ihr Leben. Die angeforderte Tierrettung kam wegen der Verkehrsbehinderungen durch den Marathon leider zu spät, um noch etwas für das Tier tun zu können; das junge Tierleben hatte geendet. – Sie fragen sich, warum das hier zu lesen ist? Nun, Pfarrers Picken hatte über das Leben, die vielfach ausgebeutete Umwelt und die besondere christliche Sichtweise aufs Leben gesprochen; er hatte über das Rückgrat der Christen und ihr Vertrauen in Gott gesprochen. Die kleine sterbende Taube stellte jedoch offenbar so einige Christen auf die Probe. Dass die Taube ein sehr biblisches Tier mit tiefer Symbolik (Friede, Heiliger Geist) ist, und dieses kleine Wesen offensichtlich litt, spielte für viele Leute anscheinend überhaupt keine Rolle; sie gingen achtlos an dem Vogel vorüber. (Personen, die sich freundlich nach der Sachlage erkundigten, waren die Ausnahme.) Andere Menschen zeigten sich völlig empathielos und machten gegenüber den drei Personen, die über den Vogel wachten, unangememessene Äußerungen. Unsicherheit, Erschrecken oder das dringende Bedürfnis, sich (samt Kind) vom Bild des nahenden Todes zu entfernen, all das waren Reaktionen Erwachsener auf die Situation.

Werden wie die Kinder

Ganz anders jedoch eine Gruppe von Kindern ohne die Begleitung Erwachsener: Die Kinder schauten hin. Sie stellten Fragen, wollten etwas über die Taube wissen und Erklärungen dafür hören, warum es ihr nun so schlecht ging. Die Kinder bekamen ehrliche Antworten, konnten ganz natürlich mit dem traurigen Schicksal des Jungvogels umgehen und gingen schließlich ihrer Wege.

Haben Erwachsene – auch erwachsene Christen – vielfach Fähigkeiten verloren, die Kinder in der Regel besitzen? Liegt es alleine daran, dass ein Kind scheinbar noch alle Zeit der Welt vor sich hat? Wenn man bedenkt, wie weise todkranke Kinder, die um die kurze verbleibende Zeit hier wissen, manchmal sind, können Jugend und Gesundheit alleine auch nicht Ursache von Gelassenheit unserer Endlichkeit gegenüber sein. Wenn aber jeder Mensch sein Leben wertschätzend leben, den Tod als Teil des Lebens akzeptieren und an den guten, dem Leben dienenden Gott glauben würde, wenn wir alle werden würden wie die Kinder (vgl. Mt 18,1-5), dann wäre die Welt bestimmt ein ganzes Stück paradiesischer!

(dcbp, 11.04.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.