Katholische Kirche in Ferienstimmung – Zeit für Rundblicke und Reflexionen

Stimmung nach einem Sommergewitter
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Geistliche im Urlaub? 

Im Sommer macht sich auch in der katholischen Kirche die Ferienstimmung breit. Die Hochfeste im Frühling sind längst gefeiert. Speziell in Bonn-Zentrum ist die Sommerreihe der Eucharistiefeiern unter offenem Himmel (im Münster-Kreuzgang) beendet. (Mehr dazu s. hier.) Gemeindegottesdienste – sofern die Gemeinde noch im Luxus täglicher Messfeiern lebt – werden oftmals reduziert. Die Kniebänke werden wie sonst die Bürgersteige hochgeklappt; mancherorts entsteht geradezu ein klerikales Sommerloch. – Klar, die Priester brauchen ja auch einmal Urlaub.

Aber Moment! Wie verhält es sich damit eigentlich genauer? Wieviel Urlaub gesteht der Arbeitgeber Kirche dem Bodenpersonal Gottes zu? Was zählt alles zur Arbeitszeit, bzw. was kann als solche verbucht werden? Priester aus fernen Ländern werden für eine Ferienvertretung in Deutschland nach eigener Aussage gut bezahlt, während ein deutscher Pfarrer im aktiven Dienst schon einmal Zeit (jenseits der offiziellen Urlaubstage) findet, um eine exklusive, handverlesene Reisegruppe zu Luft, Wasser und Land spirituell, aber doch völlig physisch zu begleiten und dies als „Arbeit“ bezeichnet. Hier „Clergy-sharing“, dort „Rent a priest“? Aber auf wessen (Steuer-)Kosten? Kann der Betrieb Kirche hier nicht kosteneffizienter funktionieren? Otto Normalkirchgänger durchblickt die klerikalen Weihrauchschwaden nicht. Er wünscht sich sehnlichst eine umfassend transparente Kirche ohne Extrawürste und Verschleierung (Schleier der Ordensschwestern ausgenommen)!

Auf dem Boden der Tatsachen gelandet

Immer noch scheint nicht jeder unter Gottes Bodenpersonal Bodenhaftung zu haben. Nach einem Höhenflug wird heutzutage aber auch so mancher Kleriker auf den bitteren Boden der Tatsachen zurückgeholt und muss zur Kenntnis nehmen, dass er nicht so sakrosankt ist, wie er geglaubt hat. Man denke nur an den emeritierten Münsteraner Pfarrer Ulrich Zurkuhlen (79), der wegen seiner unsäglichen Äußerungen zum Thema Missbrauch und Vergebung am 10.07.2019 aller seiner Ämter enthoben und in den Ruhestand versetzt wurde.

Von höchster Stelle

Papst Franziskus hat sich am 29. Juni 2019 mit einem Brief an das gesamte „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ gewandt, dessen Inhalt er zunächst an die deutschen Bischöfe gerichtet hatte. Betreff war der durch die deutschen Bischöfe eingeschlagene synodale Weg.

Im Brief heißt es unter 3.: „Die aktuellen Herausforderungen sowie die Antworten, die wir geben, verlangen im Blick auf die Entwicklung eines gesunden aggiornamento ‚einen langen Reifungsprozess und die Zusammenarbeit eines ganzen Volkes über Jahre hinweg‘. [Referenz s. Fußnote 9: Yves Congar, Vera e falsa riforma nella Chiesa, 259.] Dies regt das Entstehen und Fortführen von Prozessen an, die uns als Volk Gottes aufbauen, statt nach unmittelbaren Ergebnissen mit voreiligen und medialen Folgen zu suchen, die flüchtig sind wegen mangelnder Vertiefung und Reifung oder weil sie nicht der Berufung entsprechen, die uns gegeben ist.“

Die Warnung an Bischöfe und Volk, nicht voreilig (vorschnell aus Sicht der langen Kirchengeschichte?) zu handeln und keine deutsche Sondertour zu unternehmen, kann man dem Zitat bzw. dem weiteren Schreiben recht klar entnehmen. Der Brief lässt auch Wertschätzung (z. B. für die Ökumene, für kirchliche Krankenhäuser und andere Einrichtungen) erkennen. Über weite Passagen habe ich mich jedoch beim Lesen gefragt, wen das Schreiben wirklich erreicht: vermutlich nur eine Minderheit der deutschen Katholiken. Und die finden – wie so oft bei Äußerungen von Papst Franziskus – überwiegend kaugummiartige Aussagen vor: Diese sind inhaltlich durchaus dehnbar zu deuten und platzen schnell wie eine Blase, wenn man Erwartungen damit verknüpft. Man kann solche vagen Formulierungen entweder als schwach und nichtssagend oder aber als brillant einstufen. Auf jeden Fall ist für jeden – ob ultrakonservativ oder progressiv – etwas dabei. In den letzten Wochen habe ich von reformwilligen, ökumenisch orientierten Geistlichen bis zum extrem traditionellen Opus Dei-Priester Predigten gehört, in denen eigene Aussagen der Prediger mit solchen von Papst Franziskus gestützt wurden. Beherrscht dieser die Gratwanderung zwischen dem liberalen und dem konservativen Flügel des Katholizismus und vereinigt so Gläubige unter einem Dach, oder zeugt seine Art von einem schwachen Rückgrat? Ich vermag das nicht zu beurteilen.

Und immer wieder: Missbrauch

Der Brief des Papstes an die deutschen Katholiken birgt meines Erachtens jedenfalls kaum Konstruktives. Die Idee, Hilfe von außen ins krisengeschüttelte deutsche Kirchenschiff zu holen, halte ich für wenig zielführend. Es wird sich immer jemand finden, der Probleme in der Kirche einer spezifischen Nation vor seinem eigenen kulturellen Hintergrund als belanglos betrachtet. Dadurch kann der Schuss nach hinten losgehen: Was als Hilfe gedacht war, blockiert dann möglicherweise Lösungsansätze und lässt sie im Sande verlaufen. Hier ist mir die Aussage eines afrikanischen Priesters zum Thema „Missbrauch“ in Erinnerung, die sich mir nur vor dem Hintergrund seines vom Krieg erschütterten Heimatlandes erklären lässt. Unter solch verheerenden Bedingungen mag Missbrauch an Bedeutung verlieren. Aber dadurch wird er weder besser noch verhindert!

Um beim Beispiel zu bleiben: Die Kirche auf dem afrikanischen Kontinent (und nicht nur dort) hat zudem selbst ein enormes Missbrauchsproblem, wie in diesem Jahr der erschütternde Dokumentarfilm „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ zeigte (Frankreich 2017, Ausstrahlung auf arte: 05.03.2019). Ob Kinder oder Nonnen die Opfer sind, der vergiftete Nährboden, auf dem Priester als Täter leben können und ranghöhere Ordensschwestern sich an rangniedrigeren Mitschwestern schwer versündigen, ist die Struktur der Kirche, in der immer noch mächtige Männer letztlich das alleinige Sagen haben, und in der eigentlich alles „erlaubt“ ist – solange es heimlich geschieht. Die Kirche beherbergt an allen Ecken und Enden eine Doppelmoral: Da ist das geschieden-wiederverheiratete Paar, dem dazu geraten wird, in einer Gemeinde die Kommunion zu empfangen, in der es unbekannt ist. Da ist der Priester, der ein Doppelleben seines Mitbruders nicht schlimm findet, solange der seinen kirchlichen Job gut erledigt. Da sind anscheinend sogar Straftatbestände vertuscht worden, um dem Ansehen der Kirche nicht zu schaden. Ich bin skeptisch, dass solche Dinge ernsthaft verändert werden können, wenn sich die Kirche nicht ernsthaft verändert.

Mertes versus Franziskus

Die Stellung der Frauen in der Kirche, die Sexualmoral und der Zölibat – manch einem innerhalb der Kirche mögen diese Punkte schon zu den Ohren herausquellen. Ja, sie sind sperrig, aber wie nötig es ist, sie – gerade im Dreierkontext – immer wieder anzuschneiden, zeigt die Kritik, welche einer seiner Ordensbruder kürzlich an Papst Franziskus geübt hat. Auf domradio.de ist am 12.07.2019 ein Artikel unter dem Titel „Pater Mertes krtisiert Umgang des Papstes mit Missbrauch – Ist die Strategie haarscharf daneben?“ erschienen, der auf ein Interview von P. Klaus Mertes SJ Bezug nimmt. Auf domradio.de ist zu lesen (Zitat kursiv hervorgehoben):

Deutliche Worte Richtung Vatikan: Der Jesuit Klaus Mertes sieht das Pontifikat von Papst Franziskus mit Blick auf die Bekämpfung von sexuellem Missbrauch zunehmend kritisch. Seiner Ansicht nach ist an dessen Strategie „alles haarscharf daneben“.

Er sehe „mit Trauer“, dass hervorragende Impulse wie etwa durch „Amoris laetitia“ inzwischen überschattet würden von dem Eindruck, dass er „bei aller guter Absicht letztlich nicht begreift, worin der Missbrauch in seinen systemischen Dimension besteht“, sagte Mertes in einem Interview der Zeitschrift „Stimme der Familie“.

Mertes bezieht sich in seiner Begründung auf einen Vergleich des Papstes: das Bild eines Netzes, durch dessen Maschen das Böse (der Missbrauch) in die Kirche eindringen könne. Der Papst sieht eine Präventionsmöglichkeit im übertragenen Sinn in der Verringerung der Maschenweite. Pater Mertes legt dar, dass das Böse nicht von außen kommt, sondern mitten in der Kirche ist; ihre Strukturen begünstigen es. Dem kann ich nur zustimmen.

Daniel Bogner: „Ihr macht uns die Kirche kaputt ... – ... doch wir lassen das nicht zu!“

Auf strukturelle Defizite der Kirche geht auch Autor Daniel Bogner in seiner empfehlenswerten Kirchenkritik ein. Im Pressetext zur Neuerscheinung aus dem Verlag Herder heißt es (Zitate in kursiver Schrift):

Daniel Bogner beschreibt in seinem neuen Buch Ihr macht uns die Kirche kaputt ... – ... doch wir lassen das nicht zu! klar, woran die Kirche krankt und wie Reformen verhindert werden. Der junge Theologieprofessor und Publizist kritisiert, weil er selbst an seiner Kirche leidet und etwas bewegen will: „Das ist das Problem der Kirche: Wer sie verändern möchte, muss sie eigentlich aus den Angeln heben.“

In acht dezidierten Themenblöcken zeigt Bogner deshalb die Ursachen für die „toxische“ Gestalt der Kirche auf und macht klar, dass die Kirchenmitglieder das nicht weiter akzeptieren. Er liefert Antworten darauf, wie die Kirche verlorenes Vertrauen wiedergewinnen und den Anschluss an die Moderne schaffen kann, ohne sich selbst zu verraten.

Provokant und präzise bringt Bogner auf den Punkt, wovor die Kirche nicht ausweichen darf. Man spürt: Das ist keines der üblichen Kirchenkritik-Bücher oder selbstmitleidiges Reform-Gejammer, hier redet nicht nur einer vor sich hin, sondern stößt wirklich an, etwas zu ändern: dafür, dass sich die Gläubigen ihre Kirche endlich zurückholen können.

Über den Autor erfährt man vom Herder-Verlag knapp dies: 

Daniel Bogner, Dr. theol., geb. 1972, Studium der Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft. Seit 2014 Professor für Moraltheologie in Fribourg/CH, daneben Vortragstätigkeit und Redaktionsmitglied des erfolgreichen Debattenportals feinschwarz.net. Er lebt in Münster, ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Dass Bogner auch Politologie studiert hat, merkt man seinem Buch an, denn er zieht immer wieder Parallelen von Strukturen der Politik zu denen der Kirche und ihrem spezifischen Recht. Historische Umbruchsituationen werden mit der aktuellen Lage der Kirche verglichen, Ähnlichkeiten und Unterschiede aufgezeigt. Das macht dem Leser klar, in welchem Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen autoritärer Herrschaftsstruktur der Kirche auf der einen, und demokratischem Prinzip auf der anderen (weltlichen) Seite Katholiken in unserem Teil der Welt heute leben. Dem Leser können bei der Lektüre des Buches so manche Schuppen von den Augen fallen! Nach Bogner hat die Kirche zwar das Fundament für unser heutiges Staatsverständnis (Menschenrechte...) gelegt, fordert diese Errungenschaften heute aber selbst nur noch ein, ohne sich selbst daran zu halten (Umgang der Kirche mit Frauen...); daher fordert Bogner die Kirche auf, von politischen Strukturen zu lernen. Professor Bogner präsentiert hiermit in Teilen einen recht ausgereiften Gegenentwurf zu Veröffentlichungen des Bonner Stadtdechanten Dr. Wolfgang Picken, in denen das Verhältnis zwischen Kirche und Politik, deren Klüngel Bogner im Übrigen kritisiert, geradezu umgekehrt dargestellt wird. Pickens Darstellungen nach hat der Staat von der Kirche zu lernen; die Kirche übernimmt teilweise staatliche Aufgaben, womit das (überholte) kirchliche Herrschaftssystem gefestigt wird. Nun, Bogner hat seinen universitären Ruf vermutlich nicht rein zufällig aus der (teils sehr liberalen) Schweiz erhalten. Hier im Erzbistum Köln geht es meiner Beobachtung nach doch anders zu. Wäre ein Moraltheologe wie Bogner hier denkbar? Sein Buch zu lesen – es wirklich zu l-e-s-e-n –, das könnte jedenfalls manch einem guttun.

Ausverkauf der Kirche?

Wie soll es in der katholischen Landschaft Bonns weitergehen? – Stadtdechant Dr. Pickens Pläne, die er in einer bekannten rheinischen Boulevard-Zeitung unters Volk gebracht hat, klingen wahlweise nach relativ hilflosen Rettungsversuchen oder aber nach einem Ausverkauf der Kirche: Die Münster-Stiftung, bisher für die finanzielle Unterstützung des Sakralbaus zuständig, soll sich zukünftig auch sozialen Aufgaben widmen – und würde somit zu einer Art „Stiftung Stadtzentrum“ mutieren. Irgendwie muss das Rheinviertel doch ins Stadtzentrum passen, und was nicht passt, wird passend gemacht?

Wie weltlich darf die Kirche sein?

Das Bonner Münster soll zum multifunktionalen Raum werden und von gesellschaftspolitischen Diskussionen über Ausstellungen bis hin zur Opern-Bühne Platz für verschiedene Veranstaltungen bieten. Ausstellung und Oper zur feierlichen Wiedereröffnung konkretisiert Picken bereits. Die Münster-Krypta soll als liturgischer Ort unangetastet bleiben, die obere Kirche soll jedoch eine Bühne für Veranstaltungen erhalten.

In Anlehnung an Luther möchte man da ernüchtert feststellen: Die Kirche ist ein weltlich Ding. Jedenfalls, wenn es um Zahlen, Erfolgsstatistiken und ums Geld geht. Monsignore Wilfried Schumachers Worte sind nicht vergessen, der den sakralen Innenraum des Bonner Münsters als wohltuenden Gegenpol zur pulsierenden Stadt draußen wahrnahm und das auch predigte.

Ich selbst bin es von frühester Kindheit an gewohnt, zwischen nötigen Erledigungen in der Innenstadt kurz in der Stille des Münsters innezuhalten, ein Kerzchen anzuzünden, meine Anliegen vor Gott zu bringen und gestärkt weiterzugehen. – Und jetzt soll der Basilika ihr Alleinstellungsmerkmal als sakraler Raum genommen werden? Ist die ohnehin vorhandene Kunst im Münster so unbedeutend geworden, dass man Ausstellungen benötigt? Wenn Stadtdechant Picken da nicht seine eigene (kunstaffine) Agenda im Namen der Kirche verfolgt! – Aber auch der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki scheint finanzoptimierenden Maßnahmen, wie Picken sie beschreibt, nicht abgeneigt zu sein. Wie aus anderen Bonner Gemeinden zu hören ist, sind flexibel nutzbare Kirchen „in“; auf den ein oder anderen Pfarrsaal könne man man dann getrost verzichten.

Sinnvolle Ideen

Sinnvoller als ein Multiplex-Münster erscheint mir da auf Anhieb die Idee des Stadtdechanten, eine „italienische Kaffeebar“ im ehemaligen Münsterladen einzurichten; da kann ich mir den italophilen Dr. Picken als sein eigener bester Kunde lebhaft vorstellen. ;-) Im Ernst, das Konzept hat mehr Aussichten auf Erfolg als ein nüchterner Buchladen, auch wenn dessen Personal stets zuvorkommend war. Die Hemmschwelle, ein Café in kirchlicher Trägerschaft zu betreten, dürfte für kirchenferne Leute geringer sein, als ein doch recht spezialisiertes Geschäft mit christlicher Literatur aufzusuchen. Fair gehandelter Espresso, (Trink-)Schokolade... Da ginge einiges. Was ein solches Café meiner Meinung nach weiterhin (außer Haus) anbieten könnte, sind die Weine, von denen das Münster bzw. palästinensische Christen aus Israel profitieren. – Aber das sind meine Vorstellungen: ein ruhiger, gastlicher Ort für alle. Pickens Absicht hinter einem Kaffeetresen im Eingangsbereich des ehemaligen Münsterladens (vgl. EXPRESS-Artikel vom 20.06.2019) scheint aber eher darin zu bestehen, ein Pendant zu Einrichtungen wie der Bad Godesberger Suppenküche und dem Lotsenpunkt zu schaffen, denn Personen in sozialen Notlagen sollen nun auch in der Bonner Innenstadt Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Meiner Kenntnis nach hat es solche Anlaufstellen bereits seit Jahren im Rahmen der Citypastoral gegeben, und sie existieren immer noch. Will Picken Hilfsmöglichkeiten schaffen, die anders als existente Stellen ohne vorherige Terminabsprachen für Hilfesuchende arbeiten? Was der Stadtdechant genau damit meint, wenn er an „körperliche und seelische Erholung“ denkt, ist nicht wirklich klar, genauso wie die Finanzierung eines solchen Projektes. Wird hier an Stiftungsgelder gedacht, an eine Verquickung von privater Initiative und Kirche? Warum ich eine solche Mixtur nicht unkritisch sehe, vor allem dann, wenn sie ein bestimmtes Maß übersteigt, habe ich bereits an anderer Stelle erläutert.

Gegen die in der Zeitung erwähnte Einrichtung inklusiver Arbeitsplätze ist nichts einzuwenden, wenn damit keine Machtdemonstration und kein „Ach-bin-ich-ein-guter-Mensch“ einhergehen. In der Kirche (aber nicht nur dort) tendieren ehren- wie hauptamtlich besonders engagierte Menschen mitunter unbeabsichtigt dazu, übers Ziel hinauszuschießen, nicht wirklich zuzuhören und „von oben herab“ zu handeln. – Ich denke gerade an den Cartoon, in dem eine Oma von allzu hilfsbereiten Lotsen über einen Zebrastreifen gezerrt wird, während sie „Ich will doch gar nicht über die Straße gehen!“ ruft. Solche Situationen begegnen einem – eben gehäuft in kirchlichem Rahmen – neben echter Aufmerksamkeit durch feinfühlige Personen immer wieder.

Im Extremfall werden (bewusst) Abhängigkeiten geschaffen; das eigenständige Denken und Handeln von Menschen, die eigentlich Spiritualität, Hilfe, Arbeit etc. suchen, wird manipuliert. Im klerikalen Umfeld ist hier die Grenze zu geistlichem Missbrauch überschritten; man trifft auf Mechanismen, die man eher im Bereich von Sekten vermuten würde. Aber manchmal ist eben auch die katholische Kirche noch die jüdische Sekte, die sie zu Beginn war – eine heute trotz schwindender Mitgliederzahlen immer noch sehr, sehr große Sekte.

Das Kapitel Finanzen und die Bibel

Die Aktivitäten der Kirche wollen finanziert sein. Das ist nichts Neues. Bereits die Zwölf hatten einen Kassenwart, der seinen Job – glaubt man der Bibel – nicht allzu gut gemacht hat: Judas Ischariot.

In Bonn-Bad Godesberg hat Pfarrer Dr. Wolfgang Picken ein System etabliert, das neben Geld für karitative Dinge auch den ein oder anderen neuen Gläubigen gebracht hat: das System seiner Bürgerstiftung, die auch das Mausoleum von Carstanjen als Begräbnisstätte betreibt.

Ende Oktober 2016 ließ Pfarrer Picken, damals Dechant von Bad Godesberg, erstmals folgenden Text veröffentlichen (Auszug in kursiver Schrift):

„Mit einer Anwartschaft im Mausoleum von Carstanjen richtet man sich bereits zu Lebzeiten ein Zimmer im Himmelreich Gottes ein: Sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen und gleichzeitiges Gutes für die nachfolgenden Generationen tun – das ist wahrlich nachhaltiges Handeln und bürgerschaftliches Engagement“, fasst Dechant Picken die Vorteile für die Bürgerstiftung Rheinviertel zusammen.

Sehen so die Prioritäten des Geistlichen aus? – Die zitierte Aussage setzt den Erfolg eines finanziellen Modells vor den einzelnen Menschen. (Zudem ist sie mit dem christlichen Glauben nur schwer kompatibel.)

Es ging Dr. Picken also um die Vorteile einer Stiftung, wie er im Zitat deutlich macht, – aber nicht unbedingt um die Vorteile von Angehörigen, und ich bezweifle, dass sich daran viel geändert hat. Folgende wahre Begebenheit soll dies illustrieren: Einmal sprach mich eine ältere Dame an, die in die Beisetzung ihres Mannes im Mausoleum von Carstanjen eingewilligt hatte. Im Nachhinein hatte sie den Eindruck, in der akuten Trauersituation überrumpelt worden zu sein. Sie hatte nicht bedacht, wie es sein würde, nur ein Mal im Jahr – nämlich an Allerseelen – nah zur Urne ihres Mannes im Mausoleum gelangen zu können. (Eine Gehbehinderung macht das übrigens nahezu unmöglich.) Rund ums Jahr besteht nur die Möglichkeit, auf dem Außengelände ein paar Blumen abzulegen. Die Familie der Dame war mit der Situation nun dermaßen unglücklich, dass die Witwe wissen wollte, ob sie die Asche ihres Mannes wieder aus dem Mausoleum herausholen und auf dem Friedhof bestatten lassen könne. – Ein Einzelfall?

Ohne Moos nix los

„Ohne Moos nix los“, sagt man. Davon kann sich sicher auch die Kirche nicht freimachen. Aber im Hinblick auf die Bibel sind Verlautbarungen wie die oben zitierte zu hinterfragen. – Man kann sich also selbst mit Geld einen Platz im Himmel beschaffen? Unterliegt das nicht vielmehr Gottes Urteil und Gnade? – Martin Luther, der zu seiner Zeit den ausufernden Ablasshandel zu Recht anprangerte, lässt grüßen!

Gerade nach dem Finanzskandal um Msgr. Wilfried Schumacher, mit dem die Kirche hart ins Gericht gegangen ist, haben Gläubige ein wachsames Auge auf ranghohe Geistliche. Als Stadtdechant Picken seine aktuellen Pläne verlautbaren ließ (s. EXPRESS vom 20.06.2019, „Wie geht das denn? Oper, Kunst und Konferenzen in der Bonner Münsterkirche“ von Marion Steeger), kamen mir frühere privat geführte Kontroversen über sein Finanzgebahren im Rahmen der Kirche sofort wieder in den Sinn. – Natürlich hat nicht nur aus Sicht des Pfarrers alles immer einem guten Zweck gedient. Aber zählt denn die Vehemenz Jesu, der die Händler aus dem Haus seines Vaters vertreibt (Mt 21,12-13), gar nicht mehr? Können sich Gottesmänner der katholischen Kirche die Worte der Heiligen Schrift immer so auslegen, wie es gerade opportun erscheint, ihnen einmal mehr, einmal weniger Relevanz zuschreiben? Mir erscheint es so. Ein multifunktionaler Bau – zumal einer mit historischer Substanz – soll Abbild des himmlischen Jerusalem sein? Ja, hören sozialpolitische Debatten denn selbst im Himmel nicht auf? Es fällt auf, dass Picken versucht, Angebote wie es sie im Godesberger Pfarrzentrum St. Marien gibt, auch am Bonner Münster unterzubringen – dasselbe in Grün eben. Über die Finanzierung ist in den Medien nichts zu lesen. Soll diese über kostendeckende Eintrittspreise, Spenden, eine Stiftung, Pickens Privatvermögen, den Kirchenetat oder über was sonst erfolgen?

Dass Stadtdechant Picken nach eigener Aussage aus einer kaufmännischen Familie stammt, und ihm von daher der Umgang mit Finanzen und Bilanzen vertraut ist, ist in seiner leitenden Position sicher nicht von Nachteil. Ein Talent, das Geld anderer Leute locker zu machen, ist ihm quasi in die Wiege gelegt; seine Methoden, mit denen er es im Körbchen rascheln lässt, dürfen hinterfragt werden.

Dass Pfarrer Picken ausgewählte Predigten früher auf CD vor der Kirchentür verkaufen ließ, sprengte für manches Godesberger Gemeindemitglied schon die Grenzen des guten Geschmacks, denn eine Predigt sollte grundsätzlich kostenfrei zugänglich sein (z. B. als Audiofile gratis zur Verfügung stehen). Damals habe ich den klerikalen Kommerz bis zu diesem Grad verteidigt, denn live hatte ja jeder Gelegenheit gehabt, die Predigten in der Kirche zu hören, und die CDs bestanden zum allergrößten Teil eben aus Texten der öffentlichen Predigtreihen, die manch eine(r) mehr als einmal hören mochte. Warum nicht? Andere Dinge habe ich (durch Erfahrungen in der Musikbranche sensibilisiert) schon damals kritisch betrachtet.

Benefizveranstaltungen

Unter spendwerk.de ist folgende Warnung unter der Überschrift „Vorsicht bei Benefizveranstaltungen“ zu lesen: „Auch eine kleinere Benefizveranstaltung kann eine Organisation monatelang auf Trab halten. Von daher ist Aufwand und Nutzen ins Verhältnis zu setzen. Mehr als eine Benefizveranstaltung kostete mehr, als sie einbrachte. Gerade Benefizkonzerte zahlen sich in der Regel nicht aus.“ Dies wird vor allem dann der Fall sein, wenn Künstlern Honorare gezahlt werden, damit sie beim Benefiz mitwirken. Dass Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki als Schirmherr und Redner für das derzeit beworbene Gala-Dinner der Godesberger Bürgerstiftung, das auch einen Varieté-Showact beinhaltet, in Erscheinung tritt, zeigt wohl, dass er nichts gegen diese Form des Fundraising einzuwenden hat. Zitat Bürgerstiftung: „Die Dinner-Speech hält Kardinal Woelki. Einen Spendenaufruf zugunsten unserer sozialen Projekte wird Kuratoriumsvorsitzende Friederike Sträter an die Gäste richten." Immerhin wird hier offenbar eine Trennung vorgenommen.

Nachwuchs, wir brauchen Nachwuchs!

„Nach fast 20 Jahren kehren Kommunionkinder zurück in die Münstergemeinde. Für Christi Himmelfahrt 2020 wird die Feier der Erstkommunion in der Remigius-Kirche in der Bonner Innenstadt geplant“, so das katholische Stadtdekanat kurz vor den Sommerferien 2019. „Die letzte Erstkommunion im Münster fand 2002 mit 10 Kindern statt. Von 2003 bis 2005 wurde, zuletzt mit 8 Kindern, in der Remigius-Kirche Erstkommunion gefeiert“, heißt es weiter.

Stadtdechant und Münster-Pfarrer Dr. Wolfgang Picken lade „Kinder und ihre Familien aus der Münsterpfarrei, aber auch aus dem gesamten Stadtgebiet herzlich ein“, den Tag der Erstkommunion in der Innenstadt Bonns zu feiern. Picken wird wie folgt zitiert: „Unser erklärtes Ziel ist es, die Kinder- und Jugendpastoral in der Münsterpfarrei wieder aufzubauen. Auf diese Weise wollen wir auch Messdiener für die Münsterbasilika gewinnen.“ Ja, Pfarrer Picken ohne sein „liturgisches Ballett“, wie er die Bad Godesberger Messdienerschar gerne nannte, macht eben nur halb so viel in der liturgischen Show her. Ich selbst habe mich auch einmal von der opulenten Optik der Gesamtinszenierung mächtig beeindrucken lassen, aber das, worauf es wirklich ankommt, findet im Inneren statt, zwischen Gott und Mensch. So betrachte ich das heute. Nichtsdestotrotz macht es absolut Sinn, für Nachwuchs in der Kirche zu sorgen. Wenn Stadtdechant Dr. Picken allerdings Kinder „aus dem gesamten Stadtgebiet“ anwerben will, dann werden sie dort eben fehlen. An der demographischen Entwicklung ändert auch ein Stadtdechant nichts.

Bevor ich mir nun noch weitere Gedanken über die Zukunft der Kirche, über den pastoralen Zukunftsweg, über die jüngst veröffentlichten Umfrageergebnisse im Erzbistum Köln oder die aktuelle Statistik zu Kirchenaustritten mache, komme ich zum ersten Teil der Überschrift „Katholische Kirche in Ferienstimmung“ zurück, lasse Reflexionen Reflexionen und den lieben Gott einen guten Mann sein – und genieße diese Zeit des Jahres einfach. Denn Er selbst ist es, der mir inmitten aller (klerikalen) Hiobsbotschaften immer wieder Ruhe, Erholung, Vertrauen und neue Kraft schenkt.

Schöne Ferien für alle!

(dcbp, 20.07.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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