Interview mit Meike Hahnraths
Von Schubladen, wo der Wurm drin ist

Blatt-Gold trifft Meike Hahnraths, Fotografin und Initiatorin von Schubladen - der interaktiven Kunstaustellung für ein vorurteilfreies Miteinander
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Von Schubladen, wo der Wurm drin ist
Blatt-Gold trifft die Fotografin Meike Hahnraths zum Interview. Sie macht tolle Porträt-Bilder von Menschen. Manche haben eine Behinderung. Manche haben keine Behinderung. Auf den 25 Fotos kannst du das nicht erkennen. Das musst du erraten. Schubladen - so heißt die Ausstellung. Nur noch bis Samstag!

Blatt-Gold: Hallo Frau Hahnraths, das sind sehr, sehr schöne Bilder geworden. Das, was uns an den Bildern aufgefallen ist, die Farben …
Meike Hahnraths: Die strahlen alle so, stimmt’s?

Blatt-Gold: Ja. Wie lange machen Sie das schon, die Bilder?
MH: Ich fotografiere seit meinem 16. Lebensjahr. Mit dem Projekt Schubladen habe ich 2015 begonnen. Damals habe ich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung Porträtaufnahmen gemacht. Daraufhin hat mich Ulrike Lubek, das ist die Direktorin des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) gebeten, eine Ausstellung zu machen. Und weil ich am liebsten Menschen fotografiere, habe ich mir überlegt, Menschen mit schwacher Behinderung, und Menschen, die eine starke Behinderung haben, und Frauen aus einem Frauenhaus zu fotografieren und sie zu mischen.

Blatt-Gold: Aha, wozu denn das?
MH: Ich habe den Standpunkt, dass wir alle durch irgendetwas behindert werden. Und es gibt Behinderungen, die man nicht sieht. Ich wollte die Leute raten lassen, was sie glauben, wer auf den Fotos eine starke Beeinträchtigung hat, mit der sie oder er fertig werden muss, und wer vielleicht nur schlecht im Rechnen ist, so wie ich.

Blatt-Gold: Unter jedem Bild ist ein Zettel mit 5 Sachen, wo die Person arbeiten könnte. Wie kommen Sie auf die Rätsel?
MH: Normalerweise ist das so, wenn Leute in eine Ausstellung gehen: Bild – glotz – drei Meter weiter – Bild – glotz – drei Meter weiter …

Alle lachen

MH: … so wollte ich das nicht! Aber wie kriege ich die Leute dazu, sich die Zeit zu nehmen, vor jedem Bild stehen zu bleiben, sich den Menschen anschauen und sich Gedanken zu machen: Was ist das da wohl für eine oder einer? Indem ich unter jedes Porträt Beschreibungen hänge und die Besucher rätseln lasse, bringe ich sie dazu, sich mit dem Menschen auseinanderzusetzen.

Blatt-Gold: Kennst du die Leute vorher? Wie läuft so ein Shooting ab?
MH: Da kommt jemand rein, den ich vorher noch nie gesehen habe – das ist für mich jedes Mal super aufregend. Alle kommen mit einer Vorstellung und einem Anspruch und den muss ich erfüllen. Ich nehme mir 20 Minuten Zeit für ein Gespräch, und muss es in der Zeit schaffen, dass mir die Leute vertrauen, sich öffnen, sie gleichzeitig beobachten und überlegen, welche Facetten sehe ich und was will ich von diesem Menschen zeigen. Weil mich das innerlich so aufregt, im positiven Sinne, fotografiere ich meist im Unterhemd und barfuß, erzähle dabei, hample rum bis alles im Kasten ist. Bei mir ist es nicht wie bei Germanys Next Top Model, wo der Fotograf sagt, ‚So jetzt biete mir mal was an‘. Das ist Aufgabe von mir, das heraus zu kitzeln.

Blatt-Gold: In Frechen ist es eine besondere Ausstellung.
MH: Ja, genau, weil hier ausschließlich Bilder aus den Workshops „Inklusion macht schön“ gezeigt werden, die wir in Düren und hier gemacht haben.

Blatt-Gold: Wo ist der Unterschied?
MH: Die Porträts sind eine Sache von einer Stunde, beim Workshop treffen sich sechs Teilnehmer, ein Friseur, ein Optiker, zwei kreative Helferinnen und ich für einen Tag. Da wird beraten, welche Frisur jemandem steht, welche Farben und welche Brille, von der Form bis hin zur Größe … Da ist man einen ganzen Tag mit den Leuten zusammen und sieht, wie sie aussehen, wenn sie morgens kommen. Und wenn sie abends gehen, sehen sie anders aus.

Blatt-Gold: Wie würdest du das bei mir machen?
MH: Ich kann die Situation nicht spielen, euch aber ein Beispiel erzählen: Bei einem Workshop war ein junger Mann von 18, 19 Jahren. Er sah aus wie Mamas leeve Jung. Aber will ein junger Mann so aussehen? Der will doch cool sein.

(Meike Hahnraths zeigt ein Vorher-Bild des jungen Mannes)
Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn etwas stylen darf, ihm eine derbe Lederjacke gegeben, seine Haare gegelt und gezeigt, wie er lockerer steht. Das hat er dann wunderbar nachgemacht. Er war so zufrieden mit seinem Bild, dass er anschließend beim Friseur war, und bei der Ausstellungseröffnung eine Lederjacke trug und aussah wie auf dem Porträt, neben das er sich gestellt hat, damit jeder sieht: Das bin ich auf dem Foto! Der war so happy. Und das sind die Momente, wo mir das Herz aufgeht.
(Meike Hahnraths zeigt das Nachher-Bild)

Blatt-Gold: Wow, toll! Der hat Ähnlichkeit wie mit James Dean. Wie sind die Reaktionen von den Leuten aus dem Workshop?
MH: Die staunen. Was Farben ausmachen, eine andere Brille, ein Tuch, die Frisur, Make-Up … Sie bekommen ein Erinnerungsbuch von uns, mit Polaroids, einem Farbkasten, Tipps aus dem Workshop und natürlich auch die Fotos.

Blatt-Gold: Es waren auch welche vom Blindenfürsorgevereins Düren dabei, die nicht oder nicht gut sehen können.
MH: Das war eine Herausforderung! Wie soll man Farben erklären? Glücklicherweise konnten zwei Teilnehmer noch etwas sehen und der dritte war nicht geburtsblind. Wir mussten viel mehr sprechen und erklären, was wir tun oder vorhaben.

Blatt-Gold: Würden Sie das nochmal machen, das Projekt?
MH: Mit diesem ganzen Projekt habe ich mir selbst das größte Geschenk gemacht, weil ich unglaublich viele tolle Menschen kennengelernt habe und weil die Menschen zufrieden und gut gelaunt aus den Workshops und Shootings rausgehen – das macht auch mich froh und unheimlich zufrieden. Für mich es das eine besondere Arbeit, die eigentlich keine Arbeit ist – es ist Leidenschaft und ein Vergnügen.

Blatt-Gold: Ist das immer so oder nur bei dem Schubladen-Projekt?
MH: Das Schubladen-Projekt ist schon sehr speziell, weil ich auch Frauen aus dem Frauenhaus fotografiert habe, Menschen mit körperlicher, geistiger und seelischer Einschränkung – dabei wird man demütig. So eine Thematik erdet einen. Es ist nicht wichtig, welche Schuhe oder Handtasche man anhat, es ist wichtig, was man für ein Mensch ist!

Blatt-Gold: Es ist auch nicht wichtig, was man für eine Behinderung hat. Sondern dass man ein guter Mensch ist und mit einem guten Charakter hat.
MH: Ja, genau. So ist das.

Blatt-Gold: Manchmal geht das im Alltag verloren.
MH: Das finde ich interessant. Was meint ihr damit?

Blatt-Gold: Manchmal wird man verarscht, weil man eine Behinderung hat …
MH: Und wisst ihr, was das Schöne daran ist? Es ist völlig egal, ob man eine Behinderung hat oder nicht – verarscht werden viele und das ist tröstlich.

Blatt-Gold: Es gibt auch Leute, die uns nicht ernst nehmen. Die interessieren sich nicht für uns. Was uns aufgefallen ist, dass wir behinderten Menschen sehr sehr viel ausgegrenzt werden.
MH: Wobei ich auch finde, dass es Gruppen in unserer Gesellschaft gibt, die sich darum bemühen, dass Menschen nicht ausgegrenzt werden. Vor hundert Jahren hätten viele keine Chance gehabt. Sie wurden in der Familie nicht akzeptiert, hatten keine Möglichkeit in eine Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen … Es müsste eigentlich so sein, dass man auf Menschen mit Behinderung gar nicht extra hinweist. Alle müssten so normal sein wie jeder andere auch.

Blatt-Gold: Gibt es Schubladen bei dir zu Hause oder hast du nur Schränke mit Türen?
MH: Ich habe im Schlafzimmer zwei Schränke mit Schubladen, wo meine Ungerbutzen drin sind …

Alles lacht

MH: … und Unterhemden, Socken, Tücher. Im Esszimmer ist ein Schrank mit Schubladen, da muss ich immer pusten – ich denke, da wohnt ein Holzwurm drin …

Gelächter

MH: In der Küche sind Besteckschubladen, im Büro habe ich auch viele Schubladen.

Blatt-Gold: Hat sich durch dein Schubladen-Projekt etwas bei dir geändert?

MH: Die Schubladen sind noch genauso unaufgeräumt wie vorher.

Blatt-Gold: Vielfalt ist gut in Schubladen!?
MH: So isses!

Schubladen – die interaktive Kunstaustellung für ein vorurteilfreies Miteinander,
nur noch bis Samstag, den 26. Januar.
Öffnungszeiten: 13- 17 Uhr
Inklusives Begegnungs- und Tagungszentrum der Gold-Kraemer-Stiftung
Ulrichstr. 110
50226 Frechen

Das Interview führte Blatt-Gold unter der Leitung der Journalistin Anja Schimanke. Dabei waren: Cedric Eichner, Ralf Faßbender, Yvonne Freiberg, Sascha Nowak, Jochen Rodenkirchen, Susanne Sasse, Isabel Schatton

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