BLATT-GOLD interviewt Florian Philippi
Die Schatzkiste: Suche nach Liebe

Florian Philippi (Mitte) ist Pädagoge und Sozialarbeiter. 
Er arbeitet in Frechen in der Schatzkiste - als Amor. 
Er hilft Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner.
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  • Florian Philippi (Mitte) ist Pädagoge und Sozialarbeiter.
    Er arbeitet in Frechen in der Schatzkiste - als Amor.
    Er hilft Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner.
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Willst du dich gerne verlieben, aber du findest keine Freundin oder keinen Freund? Florian Philippi kann dir helfen beim Suchen und Verkuppeln. Er arbeitet bei der Schatzkiste in Frechen. Die Schatzkiste ist eine Partnervermittlung extra für Menschen mit Beeinträchtigung. Das ist super! Wir von Blatt-Gold haben mit Florian gesprochen. 

Blatt-Gold: Hallo Florian, kannst du uns erklären, was Schatzkiste bedeutet? Wir stellen uns da etwas mit einem Schatz vor?
Florian Philippi (FP): Warum die Schatzkiste Schatzkiste heißt, kann ich nicht sagen. Ich vermute mal, das liegt an dem Wort Schatz. Schatz sagt man ja gerne mal zu seiner Partnerin oder seinem Partner. Es ist auch etwas zum Entdecken.
Blatt-Gold: Es ist keine richtige Kiste!?
FP: Die Schatzkiste ist ein Verein, der 1989 gegründet wurde. Er hilft Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner. Weil es Menschen gibt, die Probleme haben, selbst jemanden zu finden.
Blatt-Gold: Warum arbeitest du bei der Schatzkiste?
FP: Ich finde es sehr wichtig, dass auch Menschen mit Behinderung die Möglichkeit haben eine Freundin oder einen Freund zu finden. Jeder Mensch hat ein Recht darauf! Und wenn Menschen dabei Unterstützung benötigen, dann sollen sie die bekommen. Das steht auch im Gesetz, in der UN-Behindertenrechtskonvention.

Sind die alle enttäuscht von der Liebe?

Blatt-Gold: Wer kommt zu euch in die Schatzkiste und warum, sind die alle enttäuscht von der Liebe?
FP: Jeder Mensch hat andere Gründe, warum er zur Schatzkiste kommt. Jeder ist anders und hat andere Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft und den Dingen, die dazu gehören. Meine Kollegin Maike und ich hören auch Geschichten, wo es nicht gut funktioniert hat. Darüber sprechen wir.
Blatt-Gold: Wenn die Leute zu dir kommen, ist das einfach oder ist das schwer?
FP: Das ist manchmal kompliziert, weil alles, was mit Liebe oder Partnerschaft zu tun hat, kompliziert sein kann. Weil da nicht nur Liebe zugehört, sondern manchmal auch Schmerz. Darum müssen Maike und ich gut überlegen, ob zwei Menschen zusammenpassen könnten oder nicht. Das zu entscheiden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Darum hören wir immer sehr gut zu, was uns die Menschen erzählen, die zu uns kommen, und was sie sich wünschen.
Blatt-Gold: Wie können zwei zusammenpassen?
FP: Wir haben einen Fragebogen, da stehen viele Dinge drauf, die wichtig sind für eine Partnerschaft: Hobbys, was man gerne in der Freizeit macht und was man gerne mit der Partnerin oder dem Partner unternehmen würde? Es gibt auch Fragen zum Thema Küssen, Kuscheln und Sex … je nachdem, was die Menschen da antworten, suchen wir dazu das Gegenüber.
Blatt-Gold: Und wenn das bei dem Gegenüber alles übereinstimmt, das müssen zwei sein, die zusammenpassen?
FP: Es muss dabei nicht alles übereinstimmen, sondern hauptsächlich die Dinge, die beiden wichtig sind.
Ralf Fassbender: Ich finde, als erstes lernt man sich kennen und findet sich, wenn überhaupt, sympathisch. Überall auf der ganzen Welt kann man sich kennenlernen und verlieben.
Jochen Rodenkirchen: Für mich wäre die Schatzkiste nichts. Aber für andere schon. Wenn du dabei hilfst, wenn man jemanden ansprechen will.
FP: Nein, das machen wir nicht. Gerade Menschen, die Probleme damit haben, andere anzusprechen oder vielleicht gar nicht sprechen können, sich aber jemanden wünschen, dann gucken wir, ob zwei zusammenpassen und laden sie zu einem ersten Kennenlernen ein. Wenn sie möchten, ist jemand von uns beim Date dabei. Dann können wir sie dabei unterstützen, sich besser kennenzulernen, zum Beispiel, wenn beide schüchtern sind und nicht wissen, worüber sie sich unterhalten sollen. Oder wenn wir merken, dass eine Person sich nicht wohl fühlt. Wenn sich die beiden gut verstehen, können sie danach in Kontakt bleiben und wenn sie möchten, eine Partnerschaft eingehen.

Der eine verliebt sich, der andere verliebt sich nicht – was dann?

Blatt-Gold: Der eine verliebt sich, der andere verliebt sich nicht – was dann?
FP: Dann suchen wir weiter. Es reicht nicht, wenn sich nur eine Person verliebt, da gehören zwei dazu.
Blatt-Gold: Wenn einer dann traurig ist, dann muss du ihn trösten …
FP: Ja, das gehört auch dazu, trösten und Mut machen. Wir haben auch immer ein offenes Ohr für Fragen und Probleme. Ich habe euch unseren Flyer mitgebracht, der heißt: Mein Herz gehört mir. Das Herz bedeutet für viele Menschen, wo man Liebe empfindet. Jeder kann selbst entscheiden, wem man sein Herz öffnet und wem man es verschenken möchte.
Isabel Schatton (weint): Weil der Norbert ist auch verliebt. In die Margot. Der liebt die wirklich mit dem Herzen. Margot ist jetzt tot.
Jochen Rodenkirchen: Da könnte Norbert vielleicht in die Schatzkiste gehen. Dafür muss er aber offen sein und bereit für eine neue Beziehung.
Blatt-Gold: Bei euch kann man die andere Person nicht sehen. Im Internet gibt es das schon anders.
FP: Im Moment ist die Schatzkiste eine klassische Partnervermittlung. Wir finden es gut, dass man von einer Person nicht alles sieht. Das bietet sehr viel Schutz, auch Schutz der Daten und man fühlt sich sicherer, wenn man sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen muss. Man könnte überlegen, ob die Schatzkiste in Zukunft auch im Internet barrierefreie Angebote hat, wo auch Menschen mit Behinderung sich gegenseitig auszutauschen und sich kennenzulernen können. Wenn sie nicht gut lesen oder schreiben können, wo bekommen sie erklärt, was sie im Internet machen können, wie sie damit gut umgehen? Und wie können sie sich im Internet unterhalten? Da wird viel zu wenig gemacht.
Blatt-Gold: Warum trifft man sich nicht in der Werkstatt oder später, am Wochenende?
FP: Was ich häufig höre, ist, dass es in den Werkstätten Problem gibt, jemanden kennenzulernen. Viele Werkstätten sagen, dass es ein Ort zum Arbeiten ist und nicht, um eine romantische Beziehung zu führen. Andere Werkstätten haben tolle Angebote, wie zum Beispiel extra Räume, in denen man sich in der Pause sehen kann. Viele Menschen, die eine Werkstatt besuchen, leben in Wohngemeinschaften oder in Wohnheimen, viele haben Schwierigkeiten allein mit dem Bus oder der Bahn zu fahren. Mobilität ist auch für uns immer eine wichtige Frage. Wie gut kann sich jemand allein bewegen, wie viel Unterstützung benötigt sie oder er dabei? Denn wenn man jemanden kennenlernt, will man sich ja auch treffen. Für viele Menschen mit Behinderung ist das eine Barriere, eben wenn sie auf eine Begleitung angewiesen sind, wenn sie ihre Freundin oder ihren Freund besuchen möchten.
Blatt-Gold: Plant ihr auch Discos, wo man sich eventuell kennenlernen kann?
FP: Ja, wir werden zusammen mit der Schatzkiste Köln und Bonn eine Party veranstalten, am 6. Juli in der Kölner Südstadt. Da sind dann auch Personen, die dabei helfen, sich kennenzulernen. Dazu laden wir alle ein und freuen uns, wenn sich Leute kennenlernen bei guter Musik, Essen und Trinken. Ich habe euch mal unsere Fassbrause mitgebracht. Da haben wir Aufkleber mit tollen Sprüchen drauf gemacht.

Hörst du auf dein Herz?

Florian nimmt eine Flasche.
FP: Auf der Flasche steht zum Beispiel: Hörst du auf dein Herz?
Isabel Schatton: Wenn ich was schreiben soll, schon.
Yvonne Freiberg: Auf meiner Flasche steht: Fass dir ein Herz.
Ralf Fassbender: Das bedeutet, dass man mutig sein soll.
Jochen Rodenkirchen: Ja, einen Ruck geben.
Cedric Eichner: Hier steht ‚Wofür schlägt dein Herz‘?
Jochen Rodenkirchen: Ein Herz und eine Seele – da gab es eine Serie mit Ekel Alfred …
(alle lachen)
FP: Ein Herz und eine Seele sagt man, wenn zwei Menschen gut zusammenpassen.
Pascal Stein: Bei mir auf der Flasche steht: ‚Für wen hast du einen Platz im Herzen‘?
Alle: Awwww!!!
Cedric Eichner: Das will ich jetzt aber mal wissen, Pascal! Also mein Herz schlägt nur für eine Person. Ich gehe jetzt mal meine Freundin abknutschen.

Das Interview führten Christiane Becker, Cedric Eichner, Ralf Fassbender, Norbert Fuchs, Yvonne Freiberg, Sascha Nowak, Jochen Rodenkirchen, Susanne Sasse, Isabel Schatton und Pascal Stein mit Unterstützung von der Journalistin Anja Schimanke

Mehr Infos unter: Schatzkiste Frechen, Dr. Tusch-Str. 1-3, Tel. 02234 – 200 35 61, www.schatzkiste-partnervermittlung.eu

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