Wissenschaft / Medizin / Gesellschaft
Ein Virus freut sich auf Weihnachten

Foto: Marc Tollas / pixelio.de

Wir leben in einer Zeit, die die Menschheit in dieser Form noch nicht mitgemacht hat. Zweifellos gab es schon Epidemien und Pandemien, aber die Voraussetzungen, dagegen ankämpfen zu können, waren noch nie so gut wie heute.

Selbstverständlich ist es für die meisten von uns ungewöhnlich, einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Besonders Brillenträger, die mit dem Fahrrad bspw. zum Einkaufen fahren, erkennen im Zielgebäude erst einmal recht wenig. Gleichwohl ist diese Maßnahme richtig und wichtig – sowohl für den eigenen Schutz als auch für den der Mitmenschen. Das Lamentieren über angebliche Atembeschwerden oder gar CO2-Vergiftungen sind geradezu lächerlich. Was mag wohl die Chirurgin oder die OP-Schwester sagen?

Wir müssen verstehen, dass es sich bei Krankheitserregern allgemein um Launen der Natur handelt, die das Gleiche wollen wie wir, weil es in aller Gene festgelegt ist: Originärer Daseinszweck jedes Lebewesens ist die Vermehrung. Die Weitergabe der eigenen Gene. Das und nur das ist der Sinn allen Lebens, das seit Beginn der organischen Reproduktion vor einigen Milliarden Jahren über Mutationen, Selektion und alle möglichen Zufälle bis heute die Erde bevölkert.

Nur weil wir es als erste Spezies dieses Planeten geschafft haben, unser Dasein bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren und es – mehr oder weniger – selbstständig ändern können, heißt das für die anderen Lebewesen noch lange nicht, dass sich an ihrem Lebenssinn etwas geändert hat. Humorlos vermehren sie sich nach Möglichkeit so oft und so stark, wie sie nur können und das so lange, bis ihr Wachstum natürliche Grenzen findet. Das Bakterium Escherichia coli (E. coli) ist in der Lage, sich unter optimalen Bedingungen alle 20 Minuten einmal zu teilen. Nach einer Stunde hätten wir schon acht Bakterien, nach vier Stunden gut 4.000 und nach 24 Stunden – schätzen Sie mal – richtig: mehr als 4,7 Trilliarden (4,7 x 1021) einzelne, lebensfähige Organismen – sofern sie sich unbegrenzt vermehren könnten. 600 Mrd. mal so viele wie derzeit Menschen auf der Welt leben (etwa 8 Mrd.). Nach 24 Stunden!

Einen ähnlichen Spaß hatte seinerzeit das Bakterium Yersinia pestis (Y. pestis), der Erreger der Pest (hauptsächlich Beulen- und Lungenpest). Zu seiner Übertragung hat die Natur hauptsächlich den Rattenfloh auserkoren, der aufgrund der damaligen (un)hygienischen Zustände als Gast der überall gegenwärtigen Ratten häufigen Kontakt zu Menschen hatte. Über einen Flohbiss oder mittels Tröpfcheninfektion gelangte der Krankheitserreger in den Menschen und schaffte es bspw. Mitte des 14. Jahrhunderts, mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung auszulöschen. Während die beteiligten Tiere lediglich Helfershelfer von Y. pestis waren, kam dieses seiner natürlichen Aufgabe nach: Der eigenen Vermehrung. Die Menschen waren empört, macht- und hilflos, da zu dieser Zeit nichts über Hygiene, über Krankheitserreger oder gar Prävention und wirksamer Behandlung erkannt war. Keine(r) wusste, dass das Bakterium nur seiner natürlichen Bestimmung gefolgt war und sich mittels Wirt und Zwischenwirt im Menschen fröhlich und erfolgreich vermehren konnte. Der Tod des Menschen als sein Wirt war dabei lediglich ein Kollateralschaden.

Wer sollte nach Meinung der Zeitgenossen die Verantwortung für die mittelalterlichen Pestepidemien tragen? Auf ihrem damaligen Wissensstand gab es einige potentiell Schuldige: Die Juden wurden – als übliche Verdächtige – beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Es wurden auch ungünstige Planetenkonstellationen verantwortlich gemacht ebenso wie verdorbene Luft („Miasma“). Und selbstverständlich wurde das angeführt, was ständig und für alles herhalten musste: Es sei Gottes Zorn, der die Menschheit für ihre Sünden bestrafe. Nicht zu vergessen sind die Hexen, die angeblich das Böse über die Menschen brächten.

Hauptsächlich wurden die damals (vermeintlich) mächtigsten Waffen eingesetzt: Gebete und Judenpogrome. Während sich die Gläubigen mit ihren Gebeten selbst beruhigten und Mut zusprachen, verpuffte die angedachte Wirkung im Nichts. Jedenfalls gibt es keinen einzigen Beleg oder auch nur Hinweis, der hinsichtlich des Erfolgs von Gebeten etwas anderes vermuten ließe. Bis heute nicht. Die andere „Waffe“ blieb definitiv nicht ganz so folgenlos, denn es wurden alleine in den vier Jahren ab 1348 im Zusammenhang mit der Pestepidemie mehrere Tausend Juden ermordet.

Heute sind wir schlauer – sollte man jedenfalls meinen. Forschung, Wissenschaft und Medizin haben – trotz der etwa tausend Jahre Lähmung durch die Katholische Kirche – vieles aufgeklärt und u.a. die umfangreichen Kenntnisse von den Mikroorganismen geliefert. Wir wissen um den Stoffwechsel von Bakterien, haben gelernt, dass Viren Wirtsorganismen benötigen und sind vielfach in der Lage, den Lebenssinn dieser (aus unserer Sicht) Krankheitserreger zunichte zu machen, indem wir sie abtöten oder zumindest an ihrer Vermehrung hindern.

Und 2020 kam Corona – mit Macht. Ein Virus, das zuerst in China, dann in Italien und im Frühjahr erstmals auch in Deutschland auftrat und dem Kreis Heinsberg plötzlich ungewollte Bekanntheit bescherte. Die Realität hatte die Coronavirus-Risikoanalyse des Robert-Koch-Instituts von 2012 eingeholt. Nein: überholt. Die ging von einer in China erstmalig aufgetretenen menschlichen Erkrankung eines neuartigen Coronavirus' aus, das innerhalb von drei Jahren 79 Mio. Deutsche infiziere, wovon ein Zehntel stürbe. Das Horten von Toilettenpapier wurde nicht vorhergesagt, dafür jedoch Plünderungen und anderes „asoziales Verhalten“ infolge der Pandemie.

So sinnvoll die Intention dieser Alarmübung auch war, so wenig realistisch waren die Einschätzungen der Experten. Nahezu alles, was nicht zwangsläufig vorhersehbar war, kam anders. Und heute, mitten im zweiten Lockdown und wenige Stunden nach Bekanntwerden einer Corona-Mutation in England lässt sich schwerlich der weitere Verlauf der Pandemie vorhersagen. Allerdings ist eines sicher: Die Verbreitung des Virus muss bestmöglich gestoppt werden. Was sich einfach anhört, ist in der Praxis komplizierter als gedacht. Ob Globalisierung, Vernetzung, wirtschaftliche Notwendigkeiten oder auch Traditionen, vor allem aber die Unvernunft vieler Zeitgenossen: alles be- oder verhindert wirksame Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus.

Dabei sollte klar sein, dass auch das Sars-CoV-2-Virus so „handelt“, wie es seine Natur will: größt- und bestmögliche Vermehrung. Das ist ein schwieriger Balanceakt, denn das Virus möchte ja gar keinen Wirt töten, verliert es doch dadurch den für die Fortpflanzung unbedingt benötigten Wirt. Es bleibt ihm aber immer noch der Transfer auf andere Wirte. Das ist das, was wir Ansteckung nennen. Aus Virussicht heißt das: Je mehr und je engere Kontakte zwischen Menschen, umso besser sind die Voraussetzungen für eine Übertragung. Die menschlichen Empfindungen, die es erst seit gar nicht so langer Zeit auf der Erde gibt, sind dem Virus – wie auch anderen Krankheitserregern – schnurzpiepegal.

Völlig anders sieht es auf seitens seines Wirtes aus: Wir Menschen handeln nicht nur nach dem originären Sinn des Lebens, d.h. wir vermehren uns nicht „hirnlos“, sondern haben eine Leistungsgesellschaft geschaffen, die die Wirtschaft stützt, wir haben kulturelle, medizinische, soziale und andere Errungenschaften, die es – in gewissem Rahmen – zu beachten und zu respektieren gilt. Wobei die genannten Aspekte mit ihrer Nennung nicht bewertet sein sollen oder deren Aufzählung Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Wie groß der genannte Rahmen für die Aufrechterhaltung dieser Gegebenheiten im Einzelnen ist, wird unterschiedlich bewertet. Da haben wir schon zwei ganz große Herausforderungen, die der Gegner beide nicht hat: Uneinigkeit und Unvernunft. Während er auf Vermehrung um jeden Preis aus ist und ihm alles andere egal ist, diskutieren echte Mediziner und 80 Mio. Youtube-qualifizierte Virologen über wirksame Maßnahmen, die wenn möglich das Virus an der Verbreitung hindern (auszulöschen ist es nicht mehr), dabei aber gleichzeitig möglichst viele der oben genannten menschlichen Belange berücksichtigen. Und tatsächlich ist es eine Gratwanderung: Was nützt uns eine einjährige Quarantäne, wenn bspw. wirtschaftliche und soziale Folgen anschließend unsere Gesellschaft belasten oder gar lahmlegen. Denn obwohl das Ziel einer Eindämmung der Virusverbreitung klar vor Augen liegt, ist man sich über den Weg dahin uneinig.

Erschwerend hinzu kommen die selbsternannten Querdenker, die – bar jeder Vernunft – (w)irren Prophezeiungen glauben, selber für die Verbreitung des Corona-Virus sorgen und Impfen mit der Implantation eines Mikrochips von Bill Gates gleichsetzen. Die Waldorf-Schulen, die auf die kruden Phantasien eines Rudolf Steiner (s. bspw. Masern-Erkrankung) aufsetzen, lassen grüßen.

Mit alledem haben die politischen Entscheidungsträger zu kämpfen, mit denen derzeit keiner tauschen möchte. Ihr ohnehin schon stark vermintes Arbeitsfeld wird nun noch um die Aufgabe erweitert, über die wirksamsten Corona-Maßnahmen entscheiden zu müssen. Einen Mittelweg zu finden, um einerseits die oben angesprochene Verbreitung des Virus zu verhindern und andererseits den vergleichsweise hohen Lebensstandard in Deutschland (ökologisch, ökonomisch, medizinisch, sozial etc.) möglich zu erhalten.

Wenngleich es keine Alternative zum derzeitigen Lockdown gibt, wäre zumindest wichtig gewesen, bis dahin eine nachvollziehbare, logische und konsequente Herangehensweise an den Tag zu legen und eine Gewichtung von Maßnahmen nach ihrer Wirksamkeit hinsichtlich der Ausbreitung des Corona-Virus' zu tätigen. Denn Versammlungsverbote von mehr als neun Personen reduzierten die Ausbreitung (Senkung des R-Werts) laut einer aktuellen Studie (https://science.sciencemag.org/content/early/2020/12/15/science.abd9338) um 42 Prozent, die Schließung von Schulen und Universitäten um 38 Prozent. Die Schließung von Gastronomie-Stätten und Kinos macht nur 18 Prozent aus, nächtliche Ausgangssperren lediglich 13 Prozent.

Unverständlich ist da, dass den Betreibern von Restaurants und Gaststätten Hoffnung gemacht wurde für eine Öffnung ihrer Betriebe, wenn sie ausreichende Hygienekonzepte erarbeiteten. Das haben viele mit teilweise großem Arbeitseinsatz und auch finanziellem Aufwand gemacht, werden dafür jedoch von der Politik abgestraft, indem sie dennoch nun nicht weiter öffnen dürfen – trotz genehmigter Hygienekonzepte. Ähnlich irritiert sind Eltern, Schüler und Lehrer, die eine merkwürdige Entscheidungs-Slalomfahrt der NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer zu ertragen hatten und haben.

Und jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Mit diesem „Fest der Liebe“ entsteht eine der größten Herausforderungen seit Beginn der Pandemie. Es ist nicht zwingend erforderlich, ein allzu großer Pessimist zu sein, um eine immens gesteigerte Virus-Verbreitung über Weihnachten zu prognostizieren, die sich bald in den Statistiken und den Bettenbelegungen auf den Intensivstationen bemerkbar machen wird. Tatsächlich sind es (mindestens) drei große Baustellen, die sich über die Feiertage auftun:

1.: Wer über die Entscheidungen der Politiker meckert, mag einen Blick werfen auf das Volk, das sie vertreten. Laut eines Radio-Berichts Mitte Dezember vor dem Lockdown-Beschluss waren 43 Prozent der Befragten bereit, mögliche Kontaktbeschränkungen über Weihnachten zu umgehen. An den beiden Tagen vor Beginn des Lockdowns haben sich die Konsumenten dicht gedrängt noch einmal bemüht, möglichst viele Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Sehr zur Freude des Handels, sehr zur Freude des Corona-Virus.
(Nachtrag vom 23.12.2020: Treffender als der Psychologe Ulrich M. Schmitz könnte man die Haltung der Menschen – vor allem hinsichtlich der von den Politikern geforderten Eigenverantwortung – kaum formulieren: „Es geht ja grundsätzlich darum, dass ich für mich das Möglichste aus allem heraushole. Und da ist Verzicht eine ganz, ganz schwierige Angelegenheit. Und wenn es irgendwie machbar ist, dem Ganzen ein Schnippchen zu schlagen, dann versucht Mensch das. Manchmal – oder leider – um jeden Preis. Und nicht in der Überlegung, ob ich jetzt Dritte damit gefährde, ob ich vielleicht Dritten auch noch mehr Arbeit aufhalse.“ [Quelle: WDR, Aktuelle Stunde vom 22.12.2020])

2.: Die von der Politik zugelassenen Lockerungen über Weihnachten fördern die Virus-Verbreitung. Dieses Weihnachten werde das härteste, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt hätten, prognostizierte allen Ernstes der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Diese Dramatisierung ziehe ich in Zweifel, ohne bspw. in den ersten Jahren ab 1945 dabei gewesen zu sein. Ja, es gibt zweifellos soziale Härten, wenn sich Angehörige nicht sehen können – vielleicht sogar am potentiell letzten gemeinsamen Weihnachtsfest. Aber ist das wirklich härter als Weihnachten 1945?
Nun, was entscheidet die Politik für das Weihnachtsfest? Richtig: Sie beschließt Lockerungen, damit sich vom 24. bis zum 26. Dezember nicht wie sonst höchstens fünf Personen aus maximal zwei Hausständen treffen dürfen, sondern über den eigenen Hausstand hinaus noch vier weitere Personen eingeladen werden dürfen aus dem engsten Familienkreis zzgl. Kindern im Alter bis 14 Jahre. Ein munteres Treffen also.
Eine Empfehlung gab es gratis dazu: Jene, die derartige Familientreffen planten, mögen doch bitte vorher eine Schutzwoche einlegen, d.h. in der Woche zuvor die eigenen Kontakte möglichst einschränken. Ach ja, hingewiesen wurde zudem auf das Tragen von Mund-und Nase-Schutz auf den Weihnachtsfeiern. Nun denn, da würde der Verfasser gerne mal in einigen Wohnzimmern Mäuschen spielen.
Zur Realisierung dieser Politiker-Vorschläge sei auf die (meist fehlende) Vernunft der Beteiligten (s. 1.) hingewiesen.

Auch diese Lockerungen spielen Corona in die Karten. Denn der natürliche Lebenszweck und -Sinn des Corona-Virus bleibt die eigene Reproduktion (s.o.). Bis zur Vorlage eines Gegenbeweises sei hier postuliert, dass es dem Corona-Virus völlig gleichgültig ist, warum Menschen zusammenkommen und ihm die Möglichkeit geben, sich auf einem anderen Wirt massiv vermehren zu können. Und auch, wenn es nicht danach gefragt werden kann: Mit an sicher grenzender Wahrscheinlichkeit hat es nichts davon mitbekommen, dass vor zweitausend Jahren der Retter der Menschheit geboren worden sein soll, auf den so viele Menschen immer noch vergeblich warten. Es will sich vermehren, der Rest ist ihm egal.

3.: Auch wenn sie sich die Barmherzigkeit und die Nächstenliebe auf die Fahnen geschrieben haben, fehlt bei den christlichen Religionsvertretern der Realitätssinn für die derzeitige Bedrohung durch das Corona-Virus. Dabei soll an dieser Stelle ausdrücklich außen vor gelassen werden, dass von einigen Herrschaften die Nächstenliebe leider völlig falsch verstanden wurde und dass Religion per se nichts mit Realität zu tun hat.
Es wäre ein klares Zeichen gewesen, jede Form menschlicher Zusammenkünfte auszusetzen und alternative Wege zur Verbreitung der Botschaft Jesu zu finden. Selbst bei der seit Jahrhunderten gelebten Fortschrittsfeindlichkeit ist mittlerweile sogar das Internet in den Kirchen angekommen. Tatsächlich gibt es Mittel und Wege.

Was ist der tiefere Sinn darin, diese Menschenansammlungen in Gotteshäusern zu erlauben, sie in Gaststätten mit ausgefeilten und genehmigten Hygiene-Konzepten dagegen zu verbieten? Wird auf göttliche Hilfe vertraut? Warum traut sich die Politik nicht, hier Verbote auszusprechen und begibt sich statt dessen auf den Pfad der Selbstverpflichtung? Wie passt es zusammen, dass in Bayern Gottesdienste erlaubt sind, obwohl der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder am 15. Dezember 2020 die weise Feststellung trifft „Corona ist nicht bereit, einen Tag auszusetzen“? Sollen tatsächlich Gebete helfen (siehe oben hierzu deren Wirkung auf Y. pestis)?

Oder wollen die christlichen Kirchen nur subtil ihre Macht beweisen?: Wir dürfen etwas, das andere nicht dürfen. Nachdem sie schon ihr eigenes, teilweise über dem weltlichen stehendes Rechtssystem besitzen, könnte ihr Vorgehen eine Demonstration von Macht sein. Könnte.
Der gerne genommene Verweis auf die Bedeutung religiöser Zusammenkünfte und die potentiellen seelischen Schäden durch zu seltene Kirchenbesuche verfängt nicht. Ein Blick in die Statistiken verrät, wie viel bzw. wie wenig Besucher regelmäßig in die Kirche gehen – nur Weihnachten sind es mehr. Gerade deshalb hätte es andere Lösungsmöglichkeiten geben können oder gar müssen, mit denen sich die Religionsvertreter auf die Seite derer gestellt haben, zu deren Wohl sie nach eigenem Dafürhalten verpflichtet sind: auf die Seite der Menschen.

Vergleicht man die Zahlen der Gottesdienstbesucher mit denen von Kneipen und Fußballstadien, die für viele viel eher für Sozialkontakte und Sinnerfüllung stehen, dann müssten beide letztgenannten sofort wieder öffnen dürfen. Leider haben Wirte wie auch Fußballclubs im Gegensatz zu den Kirchen weder die Lobby noch die Macht dafür.

Also: Menschen treffen sich sowieso, die Politik lockert das Versammlungsverbot und Kirchen halten Gottesdienste ab. Damit hat das Virus einige weitere Gründe, sich auf Weihnachten zu freuen. Vermehrung unterm Weihnachtsbaum und beim Gottesdienst ist angesagt. Dem Vernehmen nach hat SARS-CoV-2 zur Unterstützung schon sein Brüderchen namens N501Y aus England geholt.

Irgendwie erinnern die Lockerungen der Politik und die starre Geisteshaltung der christlichen Religionsvertreter an einen Schafzüchter im Wolfsgebiet. 364 Tage bewacht er seine Schützlinge mit Gewehr, Elektrozaun und scharfen Hunden, an Weihnachten baut er sämtliche Zäune ab, geht – zusammen mit seinen Hunden – nach Hause und erwartet, dass alle seine Schäflein am 27. Dezember noch fröhlich auf der Weide grasen.

Wir können trefflich über wirksame und geeignete Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung des Corona-Virus diskutieren. Dabei ist klar, dass die besten Lösungen sowieso erst in einiger Zeit bekannt sein werden – getreu dem Motto, dass man hinterher immer schlauer ist. Gleichwohl sollte man von der Bevölkerung erwarten können, das Virus als ernste Bedrohung und die Impfung als sinnvolle Maßnahme anzusehen. Auch wenn aus verschiedenen Gründen nicht machbar, ist der Gedanke reizvoll, alle Corona-Leugner für eine Woche auf Covid-Intensivstationen arbeiten zu lassen. Die Impfverweigerer-Problematik lässt sich ebenfalls nicht mit Vernunft abstellen. Denn solange die irren Behauptungen herumschwirren, Impfen führe zu Autismus und eine durchgemachte Masern-Erkrankung stärke Kinder, fehlt jegliche Grundlage für sachliche Diskussionen. (Etwas) mehr Hoffnung besteht nach den Aufrufen, Egoismen wie Skiurlaub, Party, Flug in den Weihnachtsurlaub etc. hintenan zu stellen. Nein, so schwierig ist es nicht, das (vermeintliche!) Grundrecht auf Party, auf Urlaub etc. für einige Monate entzogen zu bekommen. Auch wenn junge Menschen schon von einer verlorenen Jugend sprechen, nur weil ihnen die gewohnten Sozialkontakte an der Uni fehlen. Tatsächlich gibt es schlimmere Situationen als derzeit, wir wollen erst gar nicht an das Extrem eines Krieges denken.

Herzlichst
Ihr
Boris Springer

Autor:

Boris Springer aus Kerpen

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