„Rollt bei mir!“: Comedian Tan Caglar zeigte sein Soloprogramm zum letzten Mal in Köln

Ein Mann, der etwas zu sagen hat: Tan Caglar
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Tan Caglar füllt noch keine riesigen Arenen, ist beileibe aber auch kein Geheimtipp mehr. Am 19. Dezember 2019 trat er zum letzten Mal mit seinem ersten Soloprogramm „Rollt bei mir!“ auf. Die finale Vorstellung von „Rollt bei mir!“ fand im Kölner Comedia Theater vor geschätzten 100 Personen statt.

Wem Tan Caglar noch kein Begriff ist, der mag beim Titel „Rollt bei mir!“ vielleicht die Stirn runzeln. – „Rollt”? Warum „rollt“? – Weil Tan Caglar Rollstuhlfahrer ist – und nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Rollstuhlmodel, Rollstuhlbasketballer, Motivationscoach und seit rund zweieinhalb Jahren auf der Comedybühne zu Hause. Das sind ein paar Schlagworte über den in Hildesheim geborenen Deutschtürken, der 2020 seinen 40. Geburtstag feiern wird.

Caglars erstes Bühnenprogramm spielt mit Klischees: mit kulturellen und gesellschaftlichen Klischees. Dabei nimmt der Comedian kein Blatt vor den Mund. Er zieht Frauen, Türken, Behinderte, Neonazis, Extrem-Ökos, Leute mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, Fitnesstrainer und andere Sportler, Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen, Autofahrer – kurz einen Querschnitt unserer ganzen Gesellschaft – auf sympathische Art durch den Kakao, auch wenn der Fokus verstärkt auf Minderheiten liegt. Caglar selbst bezeichnete sich als „Schweizer Taschenmesser der Minderheiten“; er sei schließlich Hildesheimer, Türke und Rollstuhlfahrer. Für Engagements sei es günstig damit Quoten zu erfüllen; toppen ließe sich das in den Augen der Veranstalter nur noch durch Transsexualität, witzelte Caglar.

Die Pointen in Tan Caglars Show waren manchmal allzu flach und zündeten in der Kölner Derniere nicht immer. Ein Beispiel: „Was machen Frauen beim Bund? – Die Bundwäsche, ist doch klar.“ Für diesen Kalauer erntete Tan Caglar den Buh-Ruf einer Besucherin und stellte fest, dass er einen solchen Gag in Köln wohl nicht bringen könne. Mehrfach reflektierte er Publikumsreaktionen auf der Stelle, was dem Künstler sicherlich hilft, den Draht zum Publikum in der Live-Situation nicht zu verlieren und seine Programme in Zukunft weiterzuentwickeln.

Für mich persönlich war Caglar Frage ans Publikum, ob Tinder-F... – ich möchte dieses Wort hier nicht vollständig wiedergeben – anwesend seien, ein No-Go. Die phonetische Nähe zu einem Wort mit einem anderen Konsonanten am Wortanfang war meiner Auffassung nach beabsichtigt; Caglar verwendete nämlich wiederholt solche Wortspielereien. Ob gewollt oder bloß missverständlich: Das Thema Kindesmissbrauch ist dermaßen ernst, dass ein Künstler hier meiner Meinung nach sensibler vorgehen muss.

Im Programmpunkt über das Bahnfahren mit einem Rollstuhl mussten in der Kölner Show die „Flüchtlinge der Balkanroute“ für einen lockeren Spruch herhalten, der auch nicht sonderlich witzig war.

Vor allem dann, wenn Caglar sich selbst mit einem Augenzwinkern aufs Korn nimmt, dann funktionierte sein Humor oft bestens, auch wenn die Pointen zotig waren. So zitierte er aus dem Film „Rocky“: „Junge, bumsen macht die Beine schlapp!“ Dann fügte er hinzu: „Da bekommt der Begriff TAN-Nummer eine ganz neue Bedeutung.“

Tan Caglar vermag verschiedene Zielgruppen anzusprechen, was sich in der Zusammensetzung seines Kölner Publikums widerspiegelte. Die Botschaft, die er auf der Bühne mit Humor vermittelt, ist eine durchaus ernste, denn er sensibilisiert immer wieder für die Alltagsprobleme von Menschen mit körperlicher Einschränkung.

Kurzweilig war das inklusive Pause rund zwei Stunden lange Programm auf jeden Fall. Spontane Reaktion aufs Publikum ließen den Abend nicht heruntergespult wirken, auch wenn der Comedian selbst anmerkte, dass sich Routine eingestellt habe, und er daher 2020 ein neues Programm präsentieren werde. Otto Waalkes habe ihm den Rat etwas Neues zu machen, wenn ein Programm keine Herausforderung mehr darstellt, einmal gegeben. Mit einer solchen Offenheit konnte Caglar bei seiner Kölner Vorstellung immer wieder punkten. Sein Timing könnte er hier und da noch perfektionieren. Einen Vergleich mit Comedy-Kollegen scheut Caglar aber nicht und kokettiert damit, dass er noch nicht Arenen füllt wie Mario Barth. Zu den Highlights des Programms gehörte sicherlich die Geschichte vom Bühnentausch mit Bülent Ceylan im Berliner Tempodrom. Auf Bülent Ceylans Vorschlag hin tauschten beide für die ersten zehn Minuten die Bühnen: In Ceylans eigentliches Publikum bestand aus rund 3000 Leuten, auf Caglar warteten circa 80 Zuschauer*innen. Tan Caglar beschrieb die Situation und seine Sorgen vor diesem Auftritt einfach köstlich! „Oh nein, Bülent hat sich die Haare geschnitten!“ Dieser Ausruf eines weiblichen Fans, als Tan in seinem Rollstuhl „Hurricane“ die Berliner Bühne befuhr, sorgte in Köln definitiv für Lacher.

Bei Tan Caglars Comedy-Nummer über Baumarktmitarbeiter kam man kaum umhin, sie mit Ralf Schmitz‘ entsprechendem Programmbestandteil zu vergleichen. Schmitz verwendet hier – wie oft – Fotos, die dramaturgisch geschickt der Illustrierung dienen. An das Schmitz’sche Comedy-Kaliber reicht Tan Caglar noch nicht heran, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Man kann jedenfalls gespannt sein auf Caglars weiteren Werdegang und sein neues Programm „Geht nicht? Gibt’s nicht!“, mit dem der Comedian ab Februar 2020 auf Tour gehen wird.

Seine Aussage, er „komme im Frühjahr nicht nach Köln, aber im Herbst“, ist laut Internet so übrigens nicht richtig – sie mag speziell auf das Comedia Theater zutreffen. Karten für die Vorstellung im Kölner Bürgerhaus Stollwerck (Mi., 04.03.2020) und auch für den Termin im Bonner Pantheon Theater (Mi., 29.04.2020) sind neben weiteren Spielorten bereits im Vorverkauf.

Wem die Wartezeit bis zum nächsten Auftritt von Tan Caglar zu lange dauert, oder wer seine Show verpasst hat, der kann sich die Zeit mit dem (erneuten) Lesen von Tan Caglars Biografie „Rollt bei mir! – Wenn Träume laufen lernen“, die viel Material aus dem ersten Soloprogramm enthält, versüßen. Er bzw. sie kann auch den Mitschnitt des ersten Programms aus Berlin als Download im Internet erwerben.

(dcbp, 30.12.2019)

Autor:

Damiana C. Bauer-Püschel aus Bonn

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