Wunsch erfüllt! Bewohner des Seniorenzentrums St. Nikolaus in Brauweiler erzählt seine Lebensgeschichte
Wilhelm Kuntz – ein Zeitzeuge deutscher Geschichte erzählt

Wilhelm Kuntz erzählt aus seinem bewegten Leben
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  • Wilhelm Kuntz erzählt aus seinem bewegten Leben
  • Foto: Anja Fiedler mit freundlicher Genehmigung von W. Kuntz
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Hier sitze ich nun mit dem 92-jährigen Wilhelm Kuntz und seinen zwei Töchtern in der Cafeteria des Seniorenzentrums St. Nikolaus in Brauweiler am Tisch und bin gespannt. Im Rahmen der Wunschbaumaktion des Autohauses Badziong ( Artikel s. hier) hatte sich Herr Kuntz gewünscht, dass seine Lebensgeschichte in einer Zeitung veröffentlicht wird. Als Leserreporterin der Rheinischen Anzeigenblätter war mir beim Lesen seiner Wunschkarte sofort klar: Diesen Wunsch erfüllst du!

Mit 92 Jahren ist Herr Kuntz ein Zeitzeuge deutscher Geschichte, der den Krieg und die Nachkriegszeit erlebt hat. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit so einen Zeitzeugen persönlich kennenzulernen? Herr Kuntz legt auch gleich los und berichtet mir aus seinem wirklich bewegten Leben.

Geboren wurde er im Jahr 1927 in Brühl (Rhein-Erft-Kreis). Seine Eltern stammten ursprünglich aus Elsaß-Lothringen. Von 1933 bis 1937 besuchte er die Volkssschule Brühl-Kierberg und im Anschluss daran bis 1941 die Volksschule Brühl-Vochem. Danach leistete er ein Pflichtjahr auf einem Bauernhof in Brühl-Vochem ab und hätte im Anschluss gerne eine KFZ-Lehre gemacht. Leider war dies nicht möglich und wurde vom Arbeitsamt abgelehnt. Denn das Problem war, dass Herr Kuntz durch die Herkunft seiner Eltern (Elsaß-Lothringen) staatenlos war. Auch eine andere Lehre wurde ihm daher verwehrt. Als letzte Möglichkeit blieb ihm die Marine. So bewarb er sich bei der Deutschen Handelsmarine (Reichsverkehrsgruppe Seeschifffahrt Hamburg) und absolvierte eine Ausbildung auf dem Segelschulschiff „Kapitän Hilgendorf“ zum Schiffsjungen.

Nun begannen für ihn bewegte Jahre im Krieg, die Wilhelm Kuntz auf verschiedene Schiffe führte. Er wurde in dieser Zeit vom Schiffsjungen zunächst zum Jungmann und dann zum Leichtmatrosen. Bei den folgenden Schilderungen musste ich zwischendurch schlucken und habe Gänsehaut bekommen. Herr Kuntz hat wirklich 3 Schiffsuntergänge überlebt! Das kennen die meisten von uns nur aus Filmen. Schrecklich sich vorzustellen, das wirklich zu erleben. Doch lesen Sie selbst.

1942: Wilhelm Kuntz dient auf dem Dampfer „Steuben“ (Norddeutsche Lloyd) als Schiffsjunge.

1943-1945: Herr Kuntz gehört zur Besatzung des Dampfers „Lippe“, der 1944 in norwegischen Gewässern von einen englischen U-Boot beschossen wird. Zwei Torpedos treffen das Schiff und es sinkt. Im Rettungsboot überlebt Wilhelm Kuntz dieses furchtbare Desaster.

Wilhelm Kuntz fährt danach im auf der S 126 „Europa“, die wiederum in Norwegen von einem englischen U-Boot torpediert wird und sinkt. Wieder kann er sich retten.

Im Anschluss wird in Rotterdam die „M.S. Amerskerk“ beschlagnahmt. Herr Kuntz geht mit an Bord. Bei der Überführungsfahrt wird das Schiff auf Höhe von Borkum von englischen Flugzeugen beschossen und von Torpedos getroffen. Wilhelm Kuntz saß dabei am Ruder und musste die Steuerkommandos (Backbord, Steuerbord) von Kapitän und 1. Offizier ausführen, die nach Torpedos Ausschau hielten. Leider vergebens. Das Schiff wurde getroffen und begann zu sinken. Fast die gesamte Mannschaft flüchtete schnell von Bord in die Rettungsboote, mit ihnen Kapitän und 1. Offizier. In diesem Fall verließ der Kapitän also nicht zuletzt das sinkende Schiff. Zurück blieben Wilhelm Kuntz und ein verwundeter Kamerad. Der Kamerad forderte Wilhelm Kuntz auf ihn zurückzulassen, damit dieser sich wenigstens noch retten konnte. Doch das kam für Herrn Kuntz nicht in Frage. Er schleifte den Verwundeten zur Reling des sinkenden Schiffes, warf ihn ins Wasser. Dann sprang er hinterher. Beide wurden von Booten aufgenommen und waren gerettet. So wurde Wilhelm Kuntz zum Lebensretter. Im Gespräch erklärt er mir, dass es für ihn selbstverständlich gewesen sei zu helfen. Man überlasse keinen verwundeten Kameraden dem Tod.

Danach diente Wilhelm Kuntz noch auf den Dampfern „Porta“, „Isar“ und „Schwaben“ und war u. a. in nordischen Gewässern (Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen) unterwegs.

Nach dem Kriegsende im Mai 1945 war Wilhelm Kuntz immer noch Matrose und landete schließlich in Lübeck. Doch er bekam Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Brühl und verließ quasi in einer „Nacht- und Nebelaktion“ die Marine. Er nutzte die Möglichkeit in einem Kohlelaster mitzufahren, der nach Frechen fuhr. Von dort aus kam er schließlich in Brühl an, glücklich den Krieg überlebt zu haben. Er fand eine Arbeit als Bahnunterhaltungsarbeiter und half auch dabei Telefonleitungen zu verlegen. Er arbeitete dort von Oktober 1945 bis Sommer 1946. Er lernte seine Frau kennen, die aus Pommern stammte und heiratete 1947. Zusammen bekamen sie 5 Kinder. Mittlerweile absolvierte Herr Kuntz eine Ausbildung zum Heizer und arbeitete im Anschluss bis 1951 als Dampflokomotivführer. Dann erlitt er einen Herzinfarkt und konnte diesen Beruf nicht mehr ausüben. Daher machte er eine kaufmännische Umschulung und arbeitete als Gehaltsschreiber bei Rheinbraun (jetzt RWE). Später war er als letzter Statistiker im Tagebau Frechen tätig. 1987 ging er schließlich in den Vorruhestand.

Inzwischen ist Herr Kuntz verwitwet und entschloss sich im Februar 2019 in das Seniorenzentrum St. Nikolaus in Brauweiler zu ziehen. Dort verbringt er seinen Lebensabend und erzählt gerne aus seinem bewegten Leben.

Ich frage ihn, wie er zu Kriegszeiten mit seinen Ängsten umgegangen ist. Er antwortet mir: „Angst hatte ich nie. Wenn es gefährlich wurde, habe ich um Hilfe gebetet.“

Zum Abschluss des Gespräches möchte ich gerne noch wissen, was er den Menschen heute, speziell jungen Leuten, mit auf den Weg geben möchte. Er meint, dass man immer irgendetwas zum Festhalten brauche und wenn es ein Strohhalm sei. Eigeninitiative hält er für wichtig und dass man eine Arbeit habe.

Ganz wichtig ist ihm eins: „Die damalige Zeit darf nicht wiederkommen.“

Wer die Möglichkeit hat mit geschichtlichen Zeitzeugen zu sprechen, dem kann ich dies nur empfehlen. Man erhält ganz andere und lebendige Eindrücke in die Geschichte. In meinem Fall einen Bericht aus Kriegszeiten von einem Augenzeugen zu hören, bringt einen in ganz andere Dimensionen.

Das Grauen in dieser Zeit muss unglaublich gewesen sein und wir können uns glücklich schätzen in Friedenszeiten zu leben.

In diesem Sinne verbleibe ich mit respektvollen Grüßen und bedanke mich bei Wilhelm Kuntz für seine eindrucksvollen Schilderungen.

Anja Fiedler

Autor:

Anja Fiedler aus Pulheim

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