Szenen einer Ehe: ein Leben mit Corona geht doch…
Kein Apfel für Adam?

Schloß Falkenlust am Rande von Wesseling

„Eva, Du weißt doch, ich mag keine Äpfel.“ Leicht verärgert beißt Adam nicht in den Apfel, die Schlange ärgert sich, und Eva zuckt mit den Schultern: „Dann gibt es eben noch einen Rest Erbsensuppe, sonst habe ich nichts im Kühlschrank.“ Hätte ja sein können. Wären die beiden dann allein im Paradies geblieben?

Das wäre fast wie in der Corona-Quarantäne, geht es mir durch den Kopf, während ich etwas schläfrig auf der Couch vor mich hin sinniere. Adam lag sicher auch auf seiner Paradiescouch. Kein Fußball, kein Netflix, nicht einmal ein öffentlich-rechthaberischer Sender. Und das Schlimmste: kein Internet. Eva räumt die Äpfel von rechts nach links, putzt alles drei Mal und liest Biografien über das englische Königshaus.

Natürlich bin ich nicht Adam, so alt bin ich nun auch wieder nicht. Aber einige Monate allein zu Haus mit meiner erheblich besseren Hälfte, da vergleicht man schon mal. „Du könntest doch was im Garten arbeiten“, flötet Eva Adam zu, „und die Schlange muss auch mal wieder ausgeführt werden.“ Klar, der Garten, da gibt es Arbeit genug. Aber zuerst sind die Reparaturen im Haus dran.

Ich habe das alles fest im Griff, es kommt nur auf die richtige Organisation an. Nehmen wir zum Beispiel die defekte Leuchtstoffröhre über meinem Schreibtisch. Nur eine von zweien, also eigentlich noch kein Notfall. Doch jetzt habe ich Zeit und lege so richtig los. Ich sprühe geradezu vor Arbeitseifer. Letzte Woche habe ich die defekte Leuchte herausgeschraubt, diese Woche dann gleich eine neue gekauft. Die setze ich dann nächste Woche ein. Deshalb ist die Couch so wichtig, denn nur da kann man die anstehenden Arbeiten in Ruhe durchplanen.

„Adam, mach doch mal was Sport! Du hast ganz schön angesetzt in der Quarantäne.“ Eva gibt keine Ruhe. Zu zweit darf man bei uns draußen herumlaufen, und prompt muss ich mit. Ich bin gut zu Fuß, schließlich laufe ich alle Strecken, die kürzer sind als der Weg zu meinem Auto. Aber nun geht es um einen ganzen Straßenblock, und dann jeden Tag noch weiter! Zwischendurch immer mal wieder Maske auf, Maske ab, Hände desinfizieren, Haken um entgegenkommende Spaziergänger schlagen. Ob Eva auch keine Gnade für Adam gehabt und ihn kreuz und quer durch das Paradies gescheucht hat? Ob es wohl ausgeschilderte Spazierwege im Paradies gegeben hat? GPS? Oder hat man sich da nur so durchgeschlängelt?

Als ich mich zunehmend über Fußbeschwerden beklage, schwenkt meine rücksichtsvolle Gattin gleich aufs Fahrrad um. Das ist schon eher was, denn von meinem E-Bike kann ich immer mal wieder Unterstützung erwarten, wenn es mir zu viel wird. Prompt wird es mir zu viel, als wir entlang der Bahnstrecke von Schloss Falkenlust Richtung Heimat fahren. Dieses hinterhältige Stück Straße kenne ich schon aus meiner Jugend: Der Wind wartet da erst einmal ab, in welche Richtung man fährt, damit er dann auch schön dagegen blasen kann. Lässig schalte ich mein Hochspannungstriebwerk zu, um dem Wind eine Nase zu drehen. Es passiert aber nichts.

Wind und Batterie haben sich abgesprochen, wie es scheint. Genau bei Gegenwind fällt das aus, warum man sich ein E-Bike gekauft hat. Die Liebe meines Lebens radelt davon unberührt locker neben mir her und plaudert über dies und jenes. Ich strenge mich an, um mitzuhalten, aber für eine Plauderei fehlt mir einfach die Luft. Dann fehlt mir auch für das Mithalten die Luft. „Windschatten“, flüstere ich, „gib mir Windschatten!“ Mit größter Bereitwilligkeit folgt sie meinem Wunsch und fährt vor. Kein Problem für sie, ihr E-Bike funktioniert ja. Nach wenigen Sekunden kann ich sie nur noch als kleinen Punkt am Horizont ausmachen. Ich hechele still und leise vor mich hin und winke zur Abwechslung mal. „Viel zu schnell!“ Sie lässt sich zurückfallen und fährt mir genau vor dem Vorderrad herum. Der Wind kommt von schräg links vorne. Kein Windschatten, und ich muss auch noch aufpassen, dass ich ihr nicht aufs Hinterrad fahre. „Viel zu langsam!“ Kurz muss ich anhalten und meine Zunge sortieren, die sich zwischen den Pedalen verheddert hat.

„Fahr vor mir, pass auf, woher der Wind kommt!“ Ich mobilisiere die letzten Kräfte und gebe, was ich kann. Lässig überholt mich ein Schmetterling. Nachdem meine erheblich bessere Hälfte alle möglichen Dinge ohne Erfolg ausprobiert hat, hält sie sich vertrauensvoll an meiner Seite: „Sag mal, was ist eigentlich ein Windschatten?“ Nun gut, sie hat das Radfahren erst mit fast 20 Jahren gelernt, da kann sie nicht alles wissen. Vielleicht kannte sich Eva besser aus?

Schwierig ist es, immer die passenden Corona-Regeln einzuhalten. Zum Beispiel beim Einkaufen: erst Maske auf, dann Einkaufswagen desinfizieren, einkaufen, Maske ab und zu Hause als Erstes gleich wieder die Hände desinfizieren. Oder die genauen Regeln, wo und wann man überhaupt eine Maske tragen muss. Wer kann sich das denn alles merken?

Aber ich bin ja folgsam und nutze eine Maske, wann immer es sein muss. So fahren wir zum ersten Mal in diesem Jahr in ein Hotel an der Mosel. Und es gibt Massagen! So richtig mit Körperkontakt und Öl und allem. Muss ich haben. Die Masseurin begrüßt mich sehr nett, sagt, ich soll mich ganz ausziehen und das Ding anziehen, das sie mir hinlegt. Ich bin etwas irritiert, aber wie gesagt, wer kennt schon alle Corona-Regeln? Ich folge also brav den Anweisungen und ziehe mir die Maske an. Als die Masseurin die Tür öffnet und sie gleich wieder mit einem spitzen Schrei schließt, wird mir klar: irgendwas hast Du falsch gemacht. Ich überprüfe extra noch einmal den Sitz der Maske. Gar nicht einfach, da ist irgendein String zu viel dran, den habe ich mittig über den Kopf gezogen. Vielleicht klappt es nächstes Mal besser. Ob Adam im Paradies auch Masken tragen musste?

Mein Telefon klingelt, Ups, da bin ich doch glatt bei der schweren Gartenarbeit auf der Couch eingenickt. Ich habe das alles nur geträumt. Zum Glück habe ich mit meiner erheblich besseren Hälfte sowieso das Paradies auf Erden. Ob ich heute noch was im Garten mache? Vielleicht frage ich Adam mal.
Ja, ja, ist ja schon gut, ich gehe gleich dran. Nur noch schnell die Hände desinfizieren!

Diesen Artikel gibt es hier auch als pdf. Weitere Geschichten gibt es in meinem Profil.
Wenn der Text ein wenig zum Schmunzeln anregt, würde ich mich freuen. Es gibt genug Dinge, über die man nicht Schmunzeln kann.

Autor:

Dieter Weidenbrück aus Wesseling

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