Satire
Krieg der Pilze

Als ich noch ein Kind war, mahnten mich die Erwachsenen, dass ich keine Pflanzen ausreißen und wegschmeißen darf, weil sie Lebewesen sind, die Durst leiden und sterben. Aber erst jetzt haben Wissenschaftler erforscht, dass auch Pilze faszinierende Organismen bilden, die über eine Art Soziales Netzwerk Informationen und Nährstoffe austauschen, und haben sie als „ein natürliches Internet der Erde“ getauft. Diese fadenartigen Systeme aus Mycelien breiten sich kilometerweit unter dem Boden aus. Kurz zusammengefasst sind die im Untergrund angesiedelten Wurzelfäden die Eltern. Sie schicken ihre Kinder als Pilze an die Oberfläche und glauben, dass ihnen ein Karrieresprung in eine Welt der Sonne, Sterne, Waldluft und des weichen Mooses gelingt.

In Wahrheit erleben ihre Kinder Angst und Schrecken, werden von Tieren gefressen und von Menschen eingesammelt und gekocht. Und anschließend auch von denen gefressen. Aber auch Pilz-Kinder kommunizieren mit den Elternfäden und klagen ihnen ihr Leid. Es gibt nicht nur den Krieg der Sterne oder den Aufstand der Tiere. Nein, diese intelligente Generation hat beschlossen, nicht kampflos den bösen Attacken der Menschen und Tiere entgegenzutreten. „Eltern“, rufen sie, „auf in den Kampf, wir bilden eine Armee und machen unseren Feinden den Garaus oder fressen sie selber mit Haut und Haaren.“ Noch stehen die Eltern zaghaft der rebellischen Jugend entgegen, aber die junge Garde zieht entschlossen in den Krieg der Pilze. „Lasst uns mal mit den Alten Tacheles reden“, melden sich die Halskrausen-Erdsterne, „hey, poplige Familien, kommt raus aus eurem Müll und schaut mal über den Tellerrand der Oberfläche. Wenn wir nichts unternehmen, werden wir abgemurkst oder vergammeln erbärmlich.“ Und schließlich reagieren die Eltern, knäueln sich im Untergrund zusammen und verdichten die unterschiedlichsten Kinderarten zu einem bunten Heer. Der Riesenbovist eignet sich mit seiner lauten Stimme zum General. Dicht an dicht, sozusagen Schulter an Schulter, wenn sie welche hätten, rücken die eigenartigsten Pilzsorten aneinander und bilden einen großen Flickenteppich. Auch der graue Scheidenstreifling – was für ein ordinärer Name, abgeleitet vom Lateinischen „Amanti vaginata“ -, schmiegt sich an den giftigsten Blätterknollenpilz Deutschlands, die Steinpilze und Pfifferlinge überschlagen sich. Und mit ihrem rotem Dach und den niedlichen weißen Knöpfchen beleben die geschmackvollen Fliegenpilze farblich die Schar. Man könnte es ein schönes Heer nennen. Und was das Heer alles in petto hat. Der Pilobolus etwa, der häufig auf Kuhfladen wächst, besitzt in seinem Hut spezielle Zellen, mit denen die Sporen wie durch eine Dreckschleuder in die Umgebung über zehn Meter pro Sekunde bis zu zweieinhalb Meter weit katapultiert werden. Und sie verfügen über Halluzinogene, die in einen Wahnrausch führen. Der Riesenbovist schreit: „Also Leute, aufgepasst. Wir sind nicht wehrlos. Wir können den Feind fortschleudern, ihn vergiften und high machen. Unsere Devise: nicht pennen, nicht fürchten, nicht abhängen, nicht abhauen. Verstanden?“ „Jawoll, schreit das Heer, „auf in den Kampf, Chef.“ Aufstand der Stinkmorcheln: „Vergesst nicht unsere Fähigkeiten. Wenn wir mal lospupsen, dann gehen die Feinde in die Knie. Und wenn wir sie weiter einmüffeln, dann stehen sie auch nicht mehr auf.“ (Lachen) „Na klar“, bestätigt der Bovist, „noch eine prima Waffe, das ist wahr.“

Im Morgengrauen rücken die verfressenen Feinde mit ihren Körben an und freuen sich über den großen Fund. „Nix da“, befiehlt der General, „schleudert eure Sporen, und lasst sie in ihre Backen bohren.“ Ein bisschen viel Reime für einen Feldwebel-General. Derweil bewegen die Eltern im Untergrund aufgeregt ihre Kinder hin und her, und es entsteht der Eindruck, dass die Pilze zu tanzen beginnen. Erschrocken gucken die Leute auf das Pilzheer und machen sich schreiend vom Acker, die schützenden Körbe über den Köpfen.

Ein Mann im grünen Outfit kommt daher und hinter ihm trampelt ein Trampel. Der Trampel tippt dem grünen Mann auf die Schulter und sagt: „I am first.“ Der grüne Mann dreht sich um und sagt: „ Nö, I am Förster.“ Holt sein Smartphone aus der Botanisiertrommel und fotografiert das Heer. So etwas hat er noch nie gesehen. Die Pilze lächeln breit und wollen ein schönes Foto von sich haben. Aber weil er nicht abhaut, befiehlt der Bovist: „Macht die Halluzinogene klar und ballert die zwei in den siebten Himmel.“ „Auja“ jubeln die Soldaten und schießen Förster und Trampel in die Welt der Träume. Der Förster lallt, bekifft wie eine Haubitze: „Da habich ma wieder suuviel Jägermeister trunken.“ Seine bessere Ehehälfte erwartet ihren torkelnden Troll bereits und gerät in Krawallstimmung. „Oijoijoi, erblick ich da ein Hudelnolz…ähm…ein Nudelholz? Hoho, das gibt wieder Theater. (Heul) Prost hick.“ Und er verliert vollends seinen Glauben, einst einen Engel geheiratet zu haben.

Indessen brauen die Pilze eine Riesensalve „Hau mich in die Träume“ für den Trampel zurecht und schießen ihn im hohen Bogen nach Westen. Der Hefepilz Candida und der Lästige Ritterling hoffen, dass der Trampel mit der Birne an die Mexiko-Mauer klatscht. Und der Schiefknollige Anis-Egerling wünscht sich so sehr, dass der Trampel auf der Mexikoseite landet und nie mehr wieder nach Amerika zurück darf, weil er eine kriminelle Laufbahn hat: „Wir sind berühmt. Die Demokraten werden uns lieben. We are strong, ding-dung-dong.“

Die nächste Meute nähert sich dem Heer. Der Zitterzahn lispelt: „Wenn sie nahe dran sind, dann jagen wir ihnen den Fußpilz in die Stiefel.“ Die Pilze lachen sich scheckig, haben selbst einen Hauch von Halluzis abbekommen. Und der Warzige Drüsling aus Köln schlägt vor: „Und wenn se nisch bald die Leine ziehn, dann jubeln wir ihnen `ne jroße Ladung schwarzen Schimmelpilz unter die Pullover. Eso isset“. Und dann genießen sie ihren Erfolg. Die Feinde hauen ab. „Wat für kleine, feige Männchen. Haben keinen A… äh Mumm in der Hose. Da ham se wat zu erzählen zu Hause, ne? Und keiner glaubt denen. Hähä.“

Von weitem sehen die Pilz-Späher ein kleines Mädchen mit Körbchen und rotem Mützchen auf sie zukommen. „Ach, schon wieder ein Feind, wenn auch klein.“ „Keine Angst“, sagt die Kleine „meine Oma hat eine Pilzallergie und der Wolf hinter mir ist kein Vegetarier, sondern ein Carnivore“. Die Pilze gucken blöd. „Der ist ein Fleischfresser. Aber schießt ihm bitte ein paar Sporen in die Ohren, damit er sich verpisst.“ „Oh mein Gott“, meckert der Geschmückte Schleimkopf „was spricht das Kind für ein Kauderfälsch – pöh, Allärge, Wegetiere, Keine Pore“.

Das glorreiche Heer wird müde. Im Halbschlaf murmelt der Riesenbovist „Sieg heil“. „Schäm dich“, tadelt die uralte Eiche und wirft ihm einen astvoll Eicheln auf die Nuss. „Au“, sagt der Bovist. „Strafe muss sein“, beharrt die Eiche. Des Riesenbovists fast letzte Worte lauten leise: „Freiheit, Gleichheit, gähn Brüderlichkeit.“ Und die Spezie Binsenkeule fügt pikiert mit ihrem dünnen Stimmchen hinzu: „Und Schwesterlichkeit.“ Bovis: „Von mir aus.“

Es wird dunkel und kalt. Der Wind zieht in den Wald. Lorbeerblätter legen sich auf das glorreiche, müde Heer und decken es zu. Warm und geborgen schlafen die Pilze ein. Das elterliche Wollknäuel im Untergrund entspannt sich und glättet seine Mycelien. Wenn man die Ohren spitzt, hört man ein leises Schnarchen unter der Lorbeerdecke. Es ist kuschelig, Kinder. Schlaft schön, ihr Helden.

Autor:

Helga Rost aus Wesseling

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