Die Schömers
Hochzeit mit Hindernissen

Diese Geschichte kann man nicht erfinden. Sie beruht auf Tatsachen.

Ich besuchte das Ehepaar Schömer in Wesseling. Sie erzählten mir, was sie in ihren jungen Jahren erlebten. Sybille war Verkäuferin und Wilhelm hatte seine Lehre in der Wesselinger Bäckerei Bischler in der Josefstraße gemacht.

Sybille und ihr Bruder lebten mit ihrer Mutter zusammen, der Vater war im Krieg gefallen. Eines Abends nahm die Mutter die 18jährige Sybille und ihren Bruder mit zum Tanzen. Die beiden jungen Leute wunderten sich. Es gab merkwürdigerweise nur alte Leute im Saal, vor allem alte Frauen. Sie fragten die Mutter, warum sie hier mit den vielen Alten rumhocken müssen, da hätten sie aber keine Lust zu. Heraus¬stellte sich, dass sie sich auf einem Witwenball befanden und die Mutter sich einen neuen Mann anlachen wollte. Das junge Mädchen und ihr Bruder langweilten sich zu Tode in dem muffigen Saal. Fast am Ende des Abends öffnete sich die Tür und ein junger Mann schaute sich um, was denn da wohl los sei. Als er Sybille, das einzige junge Mädchen entdeckte, ging er schnurstracks auf sie zu und fragte, ob sie mit ihm tanzen wolle. Sybille wollte wohl gerne, aber zuerst musste er die Mutter fragen. So schaurig umständlich war das damals. Sie gab ihm dann ohne Zicken die Erlaubnis. Beim letzten Tanz fragte Wilhelm Sybille, ob er sie nach Hause bringen dürfe. Auch da brauchte er die Absolution der Mutter. Es gab ein Problemchen. Wilhelm hatte draußen sein Mikrofahrzeug Fuldamobil mit drei Rädern stehen. Die Mutter stieg sofort ein und Sybille mitsamt Bruder quetschten sich in den Kofferraum. Wilhelm fuhr die volle Fuhre an, aber es knallte und das Autochen muckste sich nicht mehr. Dummerweise näherte sich auch noch ein Polizeiwagen. Der Bruder war gut versteckt im Dunkeln, aber Sybille musste wegen der Überfüllung aussteigen. Als die Polizei abgeschwirrt war, kletterte Sybille wieder hinein und – was für ein Wunder – das Auto startete wieder. Immer wieder musste Wilhelm Sybilles Mutter fragen, ob er sie ins Kino einladen darf oder ob sie sich wiedersehen dürfen.

Die kleine Sybille liebte ihren Opa sehr und er seine Enkelin. Sie war auch ein sehr braves Kind. Wenn jedoch sie und ihr Bruder etwas angestellt hatten, holte der Opa zur Strafe die Bibel und las ihnen eine ganze Stunde vor. Das war grauenhaft langweilig, und so versuchten sie, sich dieser Strafe möglichst nicht auszusetzen. Allerdings kann auch etwas geschehen, dessen Konsequenzen Sybille nicht voraussah. Opa besaß einen Goldfisch-Teich. Weil es draußen winterlich kalt war, wollte sie die Goldfische vor dem Erfrieren retten. Sie fing einige ein, legte sie in einen Topf mit Wasser und stellte ihn auf den Herd, um sie zu wärmen. Als sie sah, dass es den Goldfischen nicht so recht bekommen war, brachte sie sie wieder zum Teich zurück. Aber es gab nichts mehr zu reparieren. Allerdings folgte danach die einstündige Bibellesung, die die Goldfische auch nicht mehr auferstehen ließ.

Da Wilhelm nicht immer Sybilles Mutter bitten musste, wenn er sich mit seiner jungen Liebe treffen wollte, fanden sie eine heimliche Möglichkeit ihrer Rendezvous. Alle zwei Wochen hatte Sybille einen freien Tag im Geschäft, ohne es ihrer Mutter zu erzählen. Sie musste aber auch wirklich nicht alles wissen. Wilhelm fuhr damals auch LKW. So genoss das Paar viele wunderschöne Tête-à-Têtes in einem großen, bequemen Auto.

Eines Tages ahnte Sybille, dass sie schwanger war. Die Mutter begleitete sie zum Arzt. Nach der Untersuchung gratulierte er Sybille zu ihrer Schwangerschaft. Ihre Mutter protestierte, dass es nicht sein kann, weil sie immer dabei war, wenn Wilhelm sich mit Sybille getroffen hat. Sybille und Wilhelm freuten sich, dass sie ein Kind erwarteten und Wilhelm fragte sie, ob sie was dagegen hätte, wenn sie heiraten. Natürlich hatte sie nichts dagegen, im Gegenteil.

Sybille wünschte sich zur Hochzeit die Fahrt zur Kirche in einer Kutsche. Wilhelm verkaufte sein Fuldamobil und finanzierte den großen Wunsch seiner Braut. Am Tag der kirchlichen Hochzeit in St. Marien in Köln-Nippes am 4. April 1959 stand Sybille in ihrem wunderschönen, weißen Kleid mit Schleier und Kränzchen bereit zur Abfahrt. Dann sah sie zufällig an sich runter und bemerkte zum Glück, dass sie noch ihre Pantoffel anhatte. Also ging es wieder zurück zur Wohnung ihrer Familie und bewappnet mit ihren Brautschuhen stieg sie in den Lift. Aber der Lift gab seinen Geist auf. Und das mitten zwischen zwei Etagen. Nach längerer Zeit wurde ihre Abwesenheit bemerkt und man holte einen Handwerker, dem es zumindest gelang, die Tür zu öffnen und Sybille mit Hilfe mehrerer Personen empor zu hieven. Als sie endlich vor der Kutsche stand, befand sich wer in ihr? Sybilles Mutter. Nun gut, die Kutsche fuhr an und nach einer Weile gab es einen Knall. Der Rad-Eisenring war zersprungen. Warum sollte ab jetzt auch nichts mehr Negatives passieren? Eine Weile brauchte es noch, bis das Reserve-Rad die Weiterfahrt erlaubte.

Vor der Kirche harrten viele Leute aus, schauten permanent auf die Kirchturmuhr und machten sich Sorgen. Als die Kutsche mit beträchtlicher Verspätung anrollte, atmeten alle Hochzeitsgäste tief aus und warteten gespannt auf den Anblick der hübschen Braut. Aber wer stieg aus der Kutsche als Erste aus? Die Mutter. Das Brautpaar begab sich zum Altar. Ab jetzt sollte nun endlich alles perfekt verlaufen: die Rede des Pastors, die Ja-Wörter und schließlich die Aufforderung an das Paar, sich zu küssen. Der Kuss war ihm jedoch noch nicht vergönnt. Noch einmal griff der Krawallteufel zu. Der Jackett-Knopf des Bräutigams verfing sich im Schleier der Braut und richtete Chaos an. Aber auch gar nichts half, die beiden zu befreien. Als es Sybille zu bunt wurde, riss sie rigoros den Schleier samt Kränzchen vom Kopf und packte ihn unter den Arm. Ihr Blick wandte sich zufrieden den Brautjungfern zu, aber sie konnte nicht glauben, was sie sah. Alle hatten die Kleider verkehrt herum an. Wie doof sind die denn, fragte sich Sybille, aber es passte, nichts verlief hier normal.

Die Verwandten unkten: “Was soll aus dieser Ehe einmal werden?“ Ja, was wurde aus dieser Ehe? Sybille und Wilhelm lebten glücklich miteinander, bekamen vier Kinder und am 4. April 2019 feierten sie ihr 60jähriges Ehejubiläum, die Diamantene Hochzeit. Und Wilhelm erinnerte sich noch heute, wie schön seine junge Frau war und auch noch im Alter ist.

Autor:

Helga Rost aus Wesseling

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