Einmal um's Carré

Neulich hieß es in meinem SCHAUFENSTER: Wer sein Fahrrad liebt, schließt ab. Ich liebe mein Fahrrad jetzt nicht wirklich, aber trotzdem, guter Tipp! Das Zweirad sei eines der liebsten Fortbewegungsmittel und bei Langfingern ein beliebtes Diebesgut. Auch ein toller Tipp: Gestalten Sie das Fahrrad individuell. Je auffälliger ein Rad aussieht, desto seltener wird es gestohlen, da die Wiedererkennung ein viel zu hohes Entdeckungsrisiko für den potentiellen Dieb darstellt. Hab ich gemacht und gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich bin ja nun nicht immer zu Fuß unterwegs, sondern eben auch mit dem Rad. Damit ich aber trotzdem immer auf alle Eventualitäten vorbereitet bin, habe ich jetzt einen Einkaufswagen meines Lieblingsdiscounters hinten ans Rad befestigt, also geschraubt, richtig professionell. Und da muss ich mir jetzt keine Gedanken machen, dass da jemand auf die Idee kommt, mein Rad zu klauen. Hallo, so laut, wie das da hinter dir scheppert, so viel Aufmerksamkeit kannst und willst du dir als Dieb nun wirklich nicht leisten.

Apropos sich leisten können, kürzlich ging ich, wie schon tausende Male zuvor, um folgendes Carré. Da gab und gibt es mein TUI- Reisebüro in der Wesselstraße 10. Geschäftsführerin ist eine ungemein sympathische Frau. Seit Corona leide ich mit ihr und hoffe zutiefst, dass die neuen Zeiten, die jetzt doch hoffentlich wieder hereinbrechen, für diese kluge und emphatische Frau auch so bleiben. Weiter geht es am Eingang zur Kaiserpassage vorbei, trostlos, Richtung Busbahnhof zu meiner Bank an der Ecke, Wesselstraße 2. Die gibt’s trotz Corona noch und der geht es wohl auch besser als meinem Reisebüro. Apropos Bank. Da fällt mir ein, hallo, wie viele Dekaden lebst du schon auf diesem Planeten, wenn du? Als ich aufwuchs, eine junge Frau, später Mutter von Kindern war, gab es das unumstößliche Gesetz: Wenn du sparst, gibt's Zinsen und dann hast du am Ende mehr Geld. Heute ist es genau anders herum: Wenn du Geld auf der Bank hast, musst du schauen, dass du nicht über einen bestimmten Betrag kommst, sonst musst du Zinsen bezahlen. Gut, für mich persönlich ist das jetzt nicht wirklich ein Problem. Aber dennoch, Zinsen gibt es schon lange nicht mehr, und für den ein oder anderen wird demnächst die Matratze wieder durchaus eine Option. Ja, eh du der Bank Strafzinsen bezahlst, steckst du dein Bargeld doch lieber unter die Matratze. Ist auch einfacher für die, die es mit dem berühmten Enkeltrick immer wieder versuchen. Bis jetzt mussten die sich immer irgendetwas einfallen lassen, um die Oma dazu zu veranlassen, für den Enkel Geld abzuheben (interessant in dem Zusammenhang, es ist immer vom Enkel die Rede. Meinen die auch die Enkelin? Oder ist es tatsächlich der blöde Enkelsohn, der es mal wieder nicht gebacken bekommt und dringend von der Oma Geld braucht?) Egal, jetzt müssen die jedenfalls nur noch klingeln, mit einer Wasserpistole drohen und der Oma befehlen: "Oma, hol das Geld aus dem Bett!" Ich war aber bei meiner Bank an der Ecke. Die wird auch morgen noch stehen, aber mein langjähriger Berater, den wird's da in Zukunft nicht mehr geben. Der geht nämlich in Rente. Gefühlt eine halbe Ewigkeit hat er uns beraten - damals in Zeiten, als es noch 7% Zinsen gab.

Und weiter geht's ums Carré, nicht wirklich einladend. Am Kaiserplatz angelangt, wieder der Schwenk nach links, im Sommer angenehmer Schatten unter den Bäumen. Mit Wehmut passiere ich den zweiten Eingang zur Kaiserpassage. Kein Grund mehr für mich, dort einzubiegen. Denke an den "Lila Laden": Wie häufig ist der eigentlich umgezogen in der Kaiserpassage? Irgendwann war der auch mal hier am Eingang zur Passage. Vorbei an den kleinen "Wühltischen" vor dem Reformhaus Bacher, Kaiserplatz 14. Hoch bis zur Ecke Kaiserplatz 2: VOLLMAR & SÖHNE. Zwei Schaufenster für Schmuck zum Kaiserplatz hin, dann die Auslagen im Eingangesbereich und um die Ecke noch einmal vier Schaufenster: Ich bin ehrlich, von wegen sich leisten können, ich weiß gar nicht, ob ich dort je etwas gekauft habe. Aber, so oft und so lange, wie ich dort schon vor den Schaufenstern gestanden habe, ist allemal wie kaufen oder zumindest werben. In diesen Schaufenstern habe ich in den Jahrzehnten erstmals Dinge bestaunt, von denen ich nicht mal annähernd eine Ahnung hatte, dass es sie gibt. Dort sah ich zum ersten Mal Geldscheinspangen aus Silber, es gab Party-Card- Holders aus Silber und Geburtslöffel für Jungen und Mädchen aus Silber. Auslagen, so ungemein mondän, so ästhetisch und unerreichbar für meinen Geldbeutel. Auslagen, die so was von teuer sind, wo gefühlt immer mindestens eine Stelle zu viel vor dem Komma steht, dass ich automatisch Argumente finde, warum ich die gar nicht haben wollte, selbst, wenn man sie mir schenkte: ein Lesezeichen in Herzform aus 925 Sterling Silber, viel zu schwer für ein Lesezeichen in meinen Taschenbüchern. Oder Champagnerkelche aus 925 Sterling Silber - hallo, ich will doch die Blubberbläschen sehen.

Und jetzt, am 17. Juli, hat das Geschäft VOLLMAR & SÖHNE geschlossen, nach 160 Jahren. Wobei das Wort Geschäft mir so banal daherkommt, wenn ich die Schaufenster vor mir sehe. Als Synonyme werden mir Shop und Laden angeboten. Die treffen es erst recht nicht. Für mich war es wohl eher immer eine wunderschöne Ausstellung, ein Genuss für die Augen, ein Augenschmaus. Jedes Mal, wenn ich mich nach dem Staunen wieder abwandte und meines Weges ging, war die Welt für ein paar Minuten märchenhaft gewesen. Und oft fuhr ich nach Hause zu meinem Traummann und sagte: "Schatz, die haben bei Vollmar wieder so schön dekoriert, das musst du dir unbedingt anschauen."

Alles hat seine Zeit, vermutlich auch die Geburtslöffel für Jungen und Mädchen. Weil, das muss man bitteschön in Zukunft auch bedenken. Wie manipulativ greift der Opa oder die Oma in das Selbstbestimmungsrecht des Neugeborenen ein, wenn das sich noch gar nicht so sicher ist, welchem Geschlecht es in Zukunft angehören will?

Autor:

Adelheid Bennemann aus Bonn

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