Nur mit Hochprozentigem zu ertragen

Ich hatte ja neulich den Artikel meines SCHAUFENSTERS zitiert, in dem es hieß, dass der gesamtstädtische Haushalt, was den Winterdienst anbelangt, entlastet wird, ich aber deshalb nicht weniger für die Straßenreinigung bezahlen muss sondern mehr. Und wie ich so gerade dabei war, diesen Artikel intellektuell zu verdauen, hörte ich im Radio Folgendes: Es sei weniger los in der Bonner Innenstadt. In der Bonner Innenstadt seien im letzten Jahr deutlich weniger Menschen unterwegs gewesen. Die Stadt Bonn habe jetzt Messergebnisse des Unternehmens Hystreet ausgewertet. Die Firma habe mehrere Messanlagen in der Stadt aufgebaut, die rund um die Uhr die Passanten messen. Im Jahr 2019 waren demnach in Post-, Remigius- und Sternstraße mehr als 31 Millionen Menschen unterwegs. Im letzten Jahr waren es nur etwas mehr als 22 Millionen Menschen. Das ist ein Rückgang von 29 Prozent. Vor allem nach dem ersten Lockdown im März waren die Besucherzahlen in der Stadt stark gefallen. Auch im Sommer lagen sie weit unter denen des Vorjahres - so die Stadt Bonn. Vor allem die Touristen seien ausgeblieben.

Ich gebe zu, das war zu viel für mich, gerade noch die Zeilen in meinem SCHAUFENSTER im Hirn verarbeitet und dann das Gehörte im Radio. Ich habe mir dann erst mal den Rest Glühwein aus der Thermoskanne hinter die Binde gekippt. Und während ich stimmungs- und alkoholtechnisch so am Kippen bin, vertiefe ich mich in mein neues SCHAUFENSTER und lese da diese Lettern: Deutlich weniger Menschen in der City - so das Fazit des Amts für Wirtschaftsförderung der Stadt Bonn … Ich gebe zu, ich hatte schon gewaltig einen hängen, weshalb mir erst zeitverzögert klar wurde, dass ich gerade dabei war, das so eben Gehörte nun noch einmal zu lesen.
Habe dann selbstredend die Lektüre dieses Artikels abgebrochen, bin auf Höherprozentiges umgestiegen, hatte jetzt schon ob des kontinuierlich disziplinierten Alkoholkonsums dermaßen wirre Gedanken im Kopf. Gedanken einer halbwegs Betrunkenen eben: Bekommt dieses Unternehmen Hystreet Geld dafür, dass es feststellt, dass eine Innenstadt leer ist, wenn alles geschlossen ist? Und wenn ja, bezahle ich die dann indirekt? Weil, wenn das was kostet bei Hystreet, dann …
Ich hab dann mal einfach im Stadthaus angerufen und denen folgenden Vorschlag gemacht - um den gesamtstädtischen Haushalt zu entlasten. Ich habe denen angeboten, dass ich das für einen Bruchteil von dem mache, was sie Hystreet bezahlen. Was ich denen natürlich nicht gesagt habe, dass ich da gar keinen Aufwand betreiben muss. Hallo, was gibt es denn da zu messen? Die haben sich bei mir aber nicht mehr gemeldet. Vermute, weil ich doch allzu deutlich gelallt habe.

Nach meinem Telefonat bin ich bei folgenden Zeilen hängen geblieben: Fahrradparkhaus, gut gemeint, nicht gut gemacht. Das ist das erste Fazit des ADFC Bonn/Rhein-Sieg zum neuen Parkhaus am Hauptbahnhof, in dem auch 200 Fahrradstellplätze untergebracht sind. Der ADFC lobt, dass die Stadtverwaltung überhaupt den Investor "Die Developer" angehalten hat, in dem Parkhaus mit Verbindung zu Gleis 1 auch Parkplätze für Fahrräder einzuplanen. Doch die Ausführung lässt erheblich zu wünschen übrig, urteilt der Verkehrsreferent des ADFC, Martin Weiser. "In gute Fahrradparkhäuser wie in Utrecht, Amsterdam und Kopenhagen rollt man komfortabel hinein, im neuen Bonner Parkhaus geht man durch einen Hintereingang mit rechtem Winkel und muss dann das Rad über drei Rampen nach oben schieben - Fahrradfahren nicht nur verboten, sondern gar nicht möglich."

Ich hatte es mir zwischenzeitlich etwas gemütlicher gemacht. Wobei das ja heutzutage auch immer schwieriger wird, es sich so richtig gemütlich zu machen. Früher bist du nach Hause gekommen, hast erst mal die unbequemen Schuhe in die Ecke gepfeffert, den Bauchspeck einquetschenden Rock ausgezogen (wobei, ich bin ehrlich, meist habe ich den oberen Knopf schon damals von vorne herein offen gelassen) und dir dann ein Teechen gemacht. Teechen machst du dir jetzt doch im Homeoffice gefühlt den ganzen Tag. Und ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Rock getragen habe. Seit Monaten - Lockdown hin oder her, also ja oder nein - trage ich an den Füßen wahlweise Birkenstock oder Wollstrümpfe, dazu eine Jogginghose und Sweatshirt. Karl Lagerfeld hat ja lediglich gesagt, wer mit Jogginghose nach draußen geht, hat sein Leben nicht im Griff. Aber wer, bitteschön, geht denn noch raus?

Was ich aber eigentlich sagen wollte, ich lag mittlerweile auf dem Sofa wegen erheblicher Gleichgewichtsproblemen. Ich schwankte. Ja, auch wegen des nicht von der Hand zu weisenden immensen Alkoholkonsums, aber auch, was denn nun witziger war: Unser neues Parkhaus für Radfahrer oder die Tatsache, dass der Martin mein Bonn mit Amsterdam verglich. Die einzige Verbindung, die mir da einfiel, eine Frau (nicht mehr ganz fangfrisch, eher in Richtung Verfallsdatum), auf deren Agenda Folgendes steht: In Amsterdam in solch einem kleinen Lädchen ein paar von diesen allseits bekannten Keksen zu kaufen und schauen, wohin die Geschichte führt.

Apropos Kekse und das Radio lief immer noch. Wie viele Kekse werden sich denn da gelegentlich bei den Verantwortlichen im Radio genehmigt? In Zeiten, wo es immer wieder heißt, doch als Städter nicht in Scharen aufs Land zu fahren und dort den Einheimischen mangels Einkehrmöglichkeiten vors Gartentor zu kacken. In Zeiten, wo wir nicht zu Hauf wandernd und rodelnd in Ausflugszielen unterwegs sein sollen. In diesen Zeiten beschreibt mir gerade in aller Ausführlichkeit der Sprecher im Radio die wunderschöne Winterlandschaft, die Fritz aus der Eifel gepostet hat - um mir dann zu sagen, dass ich da aber nicht hinfahren darf. Und das nicht zum ersten Mal! Oder doch, vom Fritz wars das erste Mal, vorher, glaube ich, wars ein Foto von der Bettina aus Winterberg. Was soll das - die Nase lang machen?

Autor:

Adelheid Bennemann aus Bonn

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